"Bist du g'scheit, die haben ein Tempo drauf"

5. April 2012, 16:42
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Veranstalter Wolfgang Konrad und Sportstadtrat Christian Oxonitsch reden über den Wien-Marathon. "Ewiger Diskussionspunkt" ist, dass ein Rollstuhlbewerb fehlt

Wien - Das liegt in der Natur des Stammtischs, dass jene, die es wirklich ernst meinen mit ihm, als Erste kommen und als Letzte gehen. Wolfgang Konrad meint es ernst. Ein bisserl reißt es ihn, als er beim Betreten des Holunderstrauchs in der Schreyvogelgasse zwei Raucher an der Theke sieht. Doch keine Bange, Herr Konrad, der STANDARD-Sport-Stammtisch (Triple-S quasi) steht in der Nichtraucherzone, im Keller.

Konrad muss sich, was mehr oder weniger nötigen Ernst betrifft, nicht erst groß umstellen. Ansonsten mag der gebürtige Tiroler, der in Ebreichsdorf bei Wien lebt, flockig und witzig rüberkommen, doch beim Vienna City Marathon (VCM), den er seit 1989 veranstaltet, ist Schluss mit lustig. Erst zwei gute Stunden und vier g'spritzte Apfelsaft später wird Konrad eine witzige Begebenheit schildern. Doch zunächst beweist er, dass er viele Zahlen zur 29. Marathon-Auflage am 15. April bereits intus hat. "36.000 Menschen aus 114 Nationen laufen mit - circa 13.000 im Halbmarathon, 12.000 in der Staffel, mehr als 8000 im Marathon, 3000 in den Kinderbewerben."

"Miteinander" zum größten Sportevent

Nicht dass Christian Oxonitsch, Sportstadtrat, den Stammtisch oder gar den Marathon auf die leichte Schulter nehmen würde. Er war noch im Gemeinderat, trifft mit leichter Verspätung ein. Und spricht von einem " Miteinander" zwischen Stadt und Konrad. Wobei er nicht bestreitet, dass der Marathon vor Jahren vielleicht mehr auf die Unterstützung der Stadt angewiesen war, während nun längst die Stadt profitiert vom jährlich größten Sportevent. Nicht zuletzt wegen der vielen ausländischen Läufer, allein mehr als 3000 etwa kommen aus Deutschland, jeder zweite Deutsche kommt in Begleitung.

"Der Aufwand ist gerechtfertigt", sagt Oxonitsch. "Der Marathon ist ein Wirtschaftsfaktor, den niemand mehr ernsthaft in Frage stellt. Aber ganz am Anfang war das sicher keine einfache politische Entscheidung, für ein paar hundert Läufer die ganze Stadt zu sperren." Konrad: "Vor 25 Jahren haben die Leute gesagt: Müssen die Depperten durch ganz Wien laufen? Jetzt ist der VCM absolut gesellschaftsfähig."

Dass der Marathon ein Selbstläufer sei, weil er schließlich heuer auch ohne die Verpflichtung der Superstars Paula Radcliffe und Haile Gebrselassie einen Teilnehmerrekord erzielen würde, bestreitet Konrad. Er spricht vom "VCM-Schwungrad": "Mit den Stars kommst du in die Medien, so kriegst du Sponsoren, so kannst du eine Veranstaltung organisieren, die für eine Masse interessant wird." Der Stadtrat sieht sich als Teil dieser Masse. "Auf den Herrn Oxonitsch wartet keiner", sagt der Herr Oxonitsch. "Aber auch mich haben bei meiner ersten Staffel-Teilnahme die Kenianer schwer beeindruckt. Ich hab' mir gedacht, bist du g'scheit, die haben ein Tempo drauf."

Der Weg der kleinen Schritte

Die Stars kosten Geld, das macht die Masse mehr als wett. Die Wiener sind mit eigenen Teams und Ständen bei vielen großen Marathons vertreten, um zu werben. Konrad: "Ich darf mir keinen großen Fehler erlauben. Und ich muss den Weg der kleinen Schritte gehen." Ein Weltrekord in Wien? Fast auszuschließen. Konrad: "So wie ich nicht von der Champions League träumen darf, wenn ich nicht einmal in Österreich die Bundesliga gewinne."

Wien gilt prinzipiell auch als behindertenfreundliche Stadt. Den Marathon schließt das nicht zwingend mit ein, Rollstuhlfahrer dürfen nicht teilnehmen. Oxonitsch: "Ein ewiger Diskussionspunkt zwischen uns. Die Veranstalter haben halt ernstzunehmende Bedenken." Die da wären? Konrad: "Erstens das Organisatorische, zweitens die Haftungsfrage. Wir kommen immer wieder auf dieselbe Strecke zurück, da gibt es Crashgefahr. Mit den Handbikes wird 40 km/h und schneller gefahren. Und ich als Veranstalter trage das Haftungsrisiko." Er habe Behindertenorganisationen angeboten, als Veranstalter aufzutreten und dieses Risiko zu übernehmen, sie waren nicht bereit dazu. Konrad: "Es geht gar nicht so sehr um die Teilnahme, die Betroffenen wollen vor allem auf sich aufmerksam machen." Oxonitsch: "Natürlich geht es stark um die Symbolik. Das kann ich aber auch verstehen."

Ein G'spritzter zum kleinen Gelächter

Der Stadtrat, zunächst auch alkoholfrei unterwegs, hat sich am Ende vom diesmal vergleichsweise schüchternen, also schweigsamen Wirten doch noch einen G'spritzten bringen lassen. Konrad ist beim Apfelsaft und dennoch etwas länger sitzen geblieben. Die Zeit hat er übersehen, das wird ihm beim Marathon jedenfalls nicht passieren. Und er erzählt noch, dass Gebrselassie bei seinem ersten Wien-Auftritt 2011 schwer beeindruckt war von der Sauberkeit in der Stadt. Während eines großen Empfangs habe der Äthiopier zwar nicht vom seit Generationen sprichwörtlichen Fetzen gesprochen, aber Verständnis für die Abwesenheit des Bürgermeisters geäußert, weil dieser wohl ständig höchstpersönlich unterwegs sei, um für Sauberkeit zu sorgen.

Großes Gelächter damals am Marathon-Empfang, kleines Gelächter jetzt im Holunderstrauch-Keller. Kein schlechtes Schlusswort jedenfalls. Herr Konrad eilt zur Ringstraße, die jetzt noch den Autos, aber schon bald den Läufern gehört. Bei den zwei Rauchern an der Theke hat er ein kurzes Schnoferl gezogen.(Fritz Neumann/Benno Zelsacher, DER STANDARD, 6.4.2012

ZU DEN PERSONEN:

Wolfgang Konrad (53) aus Tirol war Weltklasse-Mittelstreckenläufer, 1979 und 1982 Dritter der Weltbestenliste (3000-m-Hindernis). Olympia-Semifinalist 1980, EM-Fünfter 1982. 13 Meistertitel. 1988 VCM-Achter (2:23:17). Seit 1989 Veranstalter des Wien-Marathons.

Christian Oxonitsch (50) aus Wien ist seit 26. März 2009 als Nachfolger von Grete Laska amtsführender SPÖ-Stadtrat für Bildung, Jugend, Information und Sport. Läuft maximal Halbmarathon.

  • Oxonitsch (links) und Konrad sitzen im Keller vom Holunderstrauch. Wie 
sich zeigen wird, stehen sie einander beim Konsum alkoholfreier Getränke
 um kaum etwas nach. Und wie sich ebenfalls zeigen wird, liegen sie 
weitgehend auf einer Linie.
    foto: christian fischer

    Oxonitsch (links) und Konrad sitzen im Keller vom Holunderstrauch. Wie sich zeigen wird, stehen sie einander beim Konsum alkoholfreier Getränke um kaum etwas nach. Und wie sich ebenfalls zeigen wird, liegen sie weitgehend auf einer Linie.

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