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Martin Pfundner, "Jochen Rindt. Eine Bildbiografie", Böhlau-Verlag. € 29,90

Dürfen wir kurz verharren bei der Vorstellung, wie der 18-jährige Jochen Rindt mit seinem ersten Auto umging, das er hauptsächlich deshalb bekam, um den schon schwer erkrankten Großvater bei Bedarf chauffieren zu können. Wir sind in Graz, übrigens.
Das Auto war ein Simca Aronde mit dem Beinamen "Monthléry". Der Motor hatte knapp 1300 cm³, die für etwa 52 PS gut waren. Aus zeitgenössischen Testberichten geht hervor, dass der Wagen eine sehr ordentliche Höchstgeschwindigkeit von 132 km/h erreichte, allerdings 24 Sekunden brauchte, um aus dem Stand auf Tempo 100 zu beschleunigen - das ist mehr als das Doppelte, wie wir es heute gewohnt sind.
Wartezeit am Gaspedal
Für ein junges Talent konnte das nur bedeuten, eine lange Wartezeit am durchgetretenen Gaspedal auszusitzen, um dann Neuigkeiten zu erleben, die sich im Physikunterricht nie erschließen würden (die Matura war ja noch in Ferne). Die Trommelbremsen wirkten nur beiläufig, in schabender Beschwichtigung, sodass sich auch Tempodrosselung nur mit einem Richtungswechsel herbeiführen ließ, der die einfach gestrickten Reifen jener Tage komplett überforderte. Das heißt, das Auto "wanderte" bei jedem Eingriff des beherzten Lenkers, es wanderte geradeaus über die eingeschlagenen Vorderräder, oder es wanderte seitlich über die kontaktverlorenen Hinterräder.
Das größte Glücksgefühl eines kreativen Jünglings bestand darin, diese köstliche Instabilität zum Kunstwerk in Progress zu gestalten. Man musste die Zeit nützen, solang der Kübel halbwegs auf Touren war, denn sonst dauerte es nicht bloß einen Gasstoß wie heute, sondern langes fades Aufs-Pedal-Latschen, bis man wieder dort war, wo man hinwollte. Das spielte sich selbstverständlich auf öffentlichen, allerdings steirischen Straßen ab.
Der moderne Gegenentwurf zu dieser Art von Fahrschule ist das Kartfahren, da fängt man mit drei an und ist mit 16 ein ausgefuchster Grenzgänger der Physik. Der Bildungsweg eines Jochen Rindt bleibt also nur als romantische Erinnerung offen. Zitat seines Freundes und Mitstreiters Helmut Marko: "Unsere Nahverkehrs-Competition ersetzte zwei Formel-3-Saisonen, heute wäre das ein Fall fürs Jugendgericht."
Martin Pfundner, Autor des neuen Rindt-Buchs, ist zu sehr Gentleman, um die Sache mit der Polizeibekanntheit auch schon des halbwüchsigen Jochen (prä Führerschein, klar) auszuwalzen, obwohl's natürlich ehrlich lustig war wie auch die Abfolge von Schulverweisen und die nachgeschmissene Matura in der Un-Talenteschmiede Bad Aussee.
Martin Pfundner, mittlerweile schlanke 82, ist quicklebendiger Doyen der österreichischen Motor- und Motorsportliteratur und nützt in seiner Aufbereitung des Themas zwei Vorteile der Einzelstellung, die die Finesse des Buchs ausmachen.
Frühe Schätze
Erstens hatte er Zugriff auf "neue" Rindt-Fotos zu einem Zeitpunkt, als das Feld schon total abgegrast schien. Zu einem Gutteil ist das dem Technischen Museum zu danken, das eben damit fertig wurde, die frühen Schätze der Fotografen Fenzlau und Jelinek zu digitalisieren. Auch darüber hinaus nutzte Pfundner seine Verbindungen, um an nie gesehenes Material zu kommen - lustig, erhellend, hinreißend, berührend. Ein großes Vergnügen für den Betrachter.
Zweitens bietet Pfundners Rolle als wesentlicher Mentor und Förderer Jochen Rindts neue Einblicke in die Schlüsseljahre 1962 bis 1965, als der Jungstar sich in die Formel 1 hochkämpfte. Man kann sich die Prä-Ecclestone-Ära ja kaum mehr vorstellen: Da hatten reine Amateurfunktionäre in der Formel 1 das Sagen, jeder in seinem eigenen Land, und dann noch einmal alle miteinander im internationalen Gremium der Sportbehörde. Martin Pfundner war Österreichs (noch sehr junger) Mann in diesem Spiel, war sogar im Verdacht für die höchsten internationalen Weihen, was natürlich an innerösterreichischen Kabalen scheiterte. Wie auch immer: Pfunder war hilf- und kenntnisreich zur rechten Zeit. Das ergibt nun neue Facetten in der Rindt-Wertschätzung, auch nach dem 5. September 2010, dem vierzigsten Jahrestag des Todessturzes in Monza, der uns ja einen Rindt-Hype beschert hatte.
Pfundner, hochgeschätzt als amüsanter, ironischer Zeitgenosse, hat auch im Nebenfach "Akribie" maturiert. So schmückt er sein Buch im Anhang mit der penibelstmöglichen Auflistung sämtlicher Rennen Jochen Rindts, das waren mehr als zweihundert Starts. Nur in einem einzigen Fall musste er klein beigeben, als sich die Platzierung beim besten Willen nicht mehr feststellen ließ: Das war am 22. Oktober 1962 bei der Frohnleitner Wertungsfahrt, das Auto war ein ausgeliehener Sunbeam Rapier, so weit sind wir zum Glück noch auf gesichertem Terrain. (Herbert Völker/DER STANDARD/Automobil/6.4.2012)
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