Keine Polizzen für den Sinnverlust

5. April 2012, 17:54
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Mit "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen" trifft der Deutsche Thomas von Steinaecker den empfindlichen Nerv unserer Arbeitswelt: Eines der wichtigen Bücher dieses Frühjahrs

Wien - Am Morgen ihres ersten Arbeitstages erlebt Renate Meißner einen empfindlichen Wetterumschwung. Man schreibt den 1. Oktober 2008 in Thomas von Steinaeckers Kapitalismus-Roman "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen". Die Lehman-Pleite ist keinen Monat alt, und Renate muss auf Sieben-Zentimeter-Absätzen das nasse Münchner Nordareal durchqueren, in dem ihre Versicherungsgesellschaft residiert.

Die Verzeichnung gravierender Wetteränderungen gehört seit Musils "Mann ohne Eigenschaften" zur chronikalen Einbegleitung von Krisenprozessen. Frau Meißner, 42 Jahre alt, soll in der Münchner Außenstelle der CAVERE-Gesellschaft Top-Akquisen tätigen. Versüßt wird ihr die nicht ganz freiwillige Versetzung durch den Titel einer stellvertretenden Abteilungsleiterin.

Frau Meißner ist das makellose Produkt einer Selbstdressur. Als Ü-40-Single, der sich zu Controlling-Gesprächen ein schickes Salvatore-Ferragamo-Kleid überwirft, unterhält sie zu den Zumutungen des Angestelltenlebens ein relativ ungebrochenes Verhältnis. Man kann noch weiter gehen: Renate bringt ihre Lebenssphäre mit den Imperativen der Arbeitswelt bereitwillig zur Deckung.

Nicht nur sind zur Optimierung ihrer Leistungen Planungen nötig. Die leitende Angestellte hat ihr Tun jede Woche zu evaluieren. Sie muss Verlässlichkeit ausstrahlen, erfolgshungrig sein und ihr Freizeitverhalten unter das Joch der Fremdbestimmung beugen. Thomas von Steinaeckers (35) wunderbar floskelloser Roman ist das Stenogramm einer Welt, deren Bewohner sich selbst abhandenkommen.

Die Tätigkeit einer Assekuranzgesellschaft feit vielleicht vor Brand und Wasserrohrbruch. Gegen die schleichende Auszehrung der Partikelintelligenz, die durch die Korridore der Konzerne schwirrt, gibt es keine wirksame Versicherungspolizze.

Renate Meißner sieht sich gezwungen, ihr eigenes Leben zu rekonstruieren. Sie schluckt unentwegt Tabletten und kaut schwer am Scheitern ihrer Beziehung zu einem Vorstandsmitglied von CAVERE im Frankfurter Headquarter. Die entwürdigenden Umstände eines Beischlafs auf dem Klosett sind ebenso fixer Bestandteil ihrer Selbstbefragung wie das Wühlen in den Trümmern ihrer vor Ewigkeit zerbrochenen Familie.

Steinaeckers kluges Buch enthält eine Reihe von Volten, die "Das Jahr, in dem ich aufhörte ..." den erwartbaren Klischees vom Krisenkollaps entreißen. Wackelige Polaroidfotos tapezieren den Text: Nichts scheint ungewisser als die Lesbarkeit einer Welt, die nichts anderes tut, als tagtäglich Bilder von sich und ihren Angehörigen zu produzieren.

Ausbruch nach Samara

Als erzählerischer Umschlag erweist sich der Ausbruch, den Renate Meißner wagt. Die greise Besitzerin eines russischen Vergnügungsparks erwägt, eine Versicherung bei ihr abzuschließen. Aufgrund einer närrischen Einbildung glaubt Renate, bei der betuchten Russin könnte es sich um ihre eigene Großmutter handeln.

Die Reise nach Samara, in den Südwesten von Putins Reich, gehört zu den Prosahöhepunkten dieses Frühjahrs: Steinaeckers smartes Buch landete ja auch auf der Shortlist der Leipziger Buchmesse. Draußen liegt der Schnee in dicken Polstern auf den Straßen. Im Inneren von Frau Wasserkinds Hohlwelt regiert der Frohsinn eines antiquierten Freizeitparks aus Pappendeckel und Strom, in dessen geräumigem Bauch die Städte Nürnberg, Venedig, Paris und New York erblühen.

Die Wetterfühligkeit hat die Erzählerin nicht getrogen. Ihre ganze Versicherungsabteilung wird, während sie fern der Heimat weilt, von der Zentrale eiskalt liquidiert. Mit einem Mal ist es völlig gleichgültig, ob sie einen Premium-Kunden an Land zieht oder nicht. Die Begegnung mit der scheinbar dementen Frau Wasserkind ist ein tiefer, bannender Blick zurück in den Rückraum der Geschichte. Renate wird ihre Erfahrungen zu Papier bringen, der Augsburger Steinaecker hoffentlich noch viele gescheite Romane schreiben. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 6.4.2012)

Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen. S. Fischer, Frankfurt 2012, 398 Seiten, 20,60 Euro.

  • Romanchronist einer Arbeitswelt, die ihre Schützlinge in die Ungewissheit entlässt: Thomas von Steinaecker.
    foto: jürgen bauer

    Romanchronist einer Arbeitswelt, die ihre Schützlinge in die Ungewissheit entlässt: Thomas von Steinaecker.

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