Eine leere Rasselbande

5. April 2012, 18:02
1 Posting

"Radical Wrong": Wim Vandekeybus lässt beim Osterfestival Tirol die Krise der Jugend tanzen

Innsbruck - Sie sind jung, sie leiden an der Welt. Also an sich, dem ganzen Drumherum, dem Drunter und dem Drüber. Sieben Tänzer aus der renommierten Company Ultima Vez des Choreografen Wim Vandekeybus haben das Gefühl, dass etwas grundlegend falsch sein muss. Beim Osterfestival Tirol zeigten sie in der Dogana Vandekeybus' jüngstes Stück Radical Wrong.

"Fuck Wim Vandekeybus!" rufen sie, ganz so wie die Darsteller in Jan Fabres wilder Orgy of Tolerance, die 2009 ebenfalls ihren Meister verfluchten: "Fuck you, Jan Fabre!" Seitdem ist die Welt nicht besser geworden. Vandekeybus habe sie verlassen, schimpfen die Tänzer, und er habe schwer erträgliche Sachen gesagt. Darunter: Sie sollten ihre Sache doch selber machen.

Sie reden viel, verteilen Geld ans Publikum, das sie später wieder an sich nehmen. Sie holen Zuschauer auf die Bühne, zielen mit einem Gewehr ins Auditorium, leuchten in die Sitzreihen, tun so, als ob sie einigen die Taschen leerten. Alles in der gewohnten Vandekeybus-Hektik. Die fünf Männer und zwei Frauen haben sieben Zelte auf der Bühne aufgeschlagen und produzieren sich davor. Sie geraten immer wieder ins Streiten, posieren, springen umher. "It's all about me" , singen sie.

Narzisstisch geben sie sich und dreschen ein Klischee nach dem anderen: Die dumme Blondie, das Schoolgirl im Schottenmini aus der Pornokiste, den Testosterondeppen, den Ausländer. Gewalt und Sex dominieren eine Szenerie, über der eine Langeweile schwebt, die alle aufstachelt und reizbar macht. Verschiedentlich röhrt Rock-Musik auf und dann ein Motorrad, mit dem ein Tänzer auf der Bühne auftrumpft.

Die Thematik ist praktisch die gleiche wie bei Linger, das Thomas Kasebacher und Laia Fabre 2011 in Wien zeigten: gähnende Leere im Sozialraum. Bei Vandekeybus' Rasselbande kommt die Botschaft etwas direkter, und das Rotzigsein wirkt aufgesetzt. Davon handelt das Stück: Nichts ist echt, und schon gar nicht die Emotionen, die sich doch so stark anfühlen. Dieser Konflikt macht die jungen Leute innerlich kalt.

Wie ein Gletscher drängt Radical Wrong böses ideologisches Material aus dem europäischen Sozial-Alltag vor sich her. Als Wort- und Tatmoränen schieben sich Schändlichkeiten über den Bühnenrand, und ironische Sequenzen bringen sexistischen und xenophoben Unrat ins Tanzen. Das Publikum lacht an den richtigen Stellen. Dadurch wird Beklemmendes erträglicher. Doch am Ende werden weder Versöhnlichkeit noch Lösung angeboten. Eine gute Entscheidung, die das Publikum mit Applaus bedachte. Aufgefordert, aufzustehen und mit hochgestreckten Mittelfingern zu posieren, wurde es von der Bühne herab fotografiert.

Eine Enttäuschung: Radical Wrong wird als Arbeit von Vandekeybus (Leitung, Choreografie, Bühnenbild) ausgewiesen. Also ist alles Aufbegehren und "Fuck"-Geschrei nur Theater. Aber kein schlechtes.  (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 6.4.2012)

  • "Radical Wrong": Tanztheater der wilden Jugend.
    foto: osterfest

    "Radical Wrong": Tanztheater der wilden Jugend.

Share if you care.