Rituale im Hobbykeller

    5. April 2012, 17:56
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    "Icon Give Thank": US-Neopsychedeliker Cameron Stallones alias Sun Araw traf auf Jamaika das legendäre Vokalensemble The Congos

    Das Interessante an repetitiver Musik ist ja nicht, dass man als Musiker mit sehr wenigen Ideen sehr viel erreichen kann. Es geht auch nicht darum, mit wenig Handwerkszeug und musikalischem Grundmaterial geschlossene, monolithische Blöcke in die Landschaft zu stellen oder Funktionssoundtracks für die Beschallung von Clubs zu verfertigen. Es geht darum, durch die ständige, scheinbar immergleiche Wiederholung eines Motivs andere Bewusstseinszustände zu erreichen oder die Hirnstromaktivität zu beeinflussen.

    Zumindest sieht das der kalifornische Musiker Cameron Stallones alias Sun Araw so. Er stellt sich damit in die Tradition der Psychedelic Music der 1960er-Jahre ebenso wie er mit seinen endlosen Riffmodulationen auf klassischen deutschen Krautrock der 1970er-Jahre Bezug nimmt und seine Inspiration durch Gruppen wie Neu!, Cluster, Harmonia, Amon Düül oder Popul Vuh gar nicht verleugnen will.

    Anders als viele zeitgenössische Kollegen vertraut Cameron Stallones dabei nicht auf die Segnungen der Computertechnik und programmiert digitale Loops in Endlosschleife. Die Musik entsteht bei Sun Araw immer live. Die so generierten Riffs werden mit Fußpedalen erzeugt, egal, ob sie nun aus Keyboards oder Gitarren kommen.

    Groovige Basslinien, nervös quengelnde Gitarren, nach lustigen Zigaretten klingende Keyboardmotive und rhythmisch beachtlich stolpernde Grundübereinkünfte aus der Drumbox ergeben so eine sich doch beachtlich harmonisch bündelnde Musik, die auf Album dokumentiert, etwa Beach Head, Ancient Romans oder Boat Trip und Heavy Deeds, im Wesentlichen so nerdig und eingeraucht klingt, als ob man bei James Brown mit seiner flotten Funkkapelle bei sechstausend Umdrehungen in den ersten Gang zurückschalten und das sehr lustig finden.

    Im Grunde kann man Sun Araws Kunst, die er auf dem superhippen US-Label Not Not Fun veröffentlicht oder auch mit Kumpels in seine Psychedelic-Band Magic Lantern einfließen lässt, auch mit Begriffen wie Neo-Primitivismus oder archaischem Futurismus (und umgekehrt) belasten. Man hört, auch aufgrund paradoxer sprechgesanglicher Einzeiler, die immer wieder wiederholt werden, zumeist aber hinter Hall- und Echo-Effekten versteckt werden, Musik für Rituale, die schon seit Beginn der Menschheitsgeschichte damit zu tun haben, dass sich die Männer gemeinsam im Hobbykeller rituell mit irgendwelchen Substanzen weghacken, während die Frauen draußen auf dem Feld arbeiten und die Kinder versuchen, nicht von wilden Tieren gefressen zu werden. Man kann also sagen, dass Sun Araws Musik historisch in mehrfacher Hinsicht gut abgesichert ist und dabei noch prächtig klingt.

    Gemeinsam mit US-Musiker und Synthesizer-Nerd M. Geddes Gengras ist der Mann mit dem unvermutet hochmodischen Polizistenschnauzbart nun nach Jamaika aufgebrochen, um gemeinsam mit lokalen Musikern und dem legendären Roots-Reggae-Ensemble The Congos gemeinsam improvisierte Sessions einzuspielen und daraus ein Album zu destillieren. Das mit den Musikern hat im üblichen jamaikanischen Chaos namens Alltag irgendwie nicht geklappt, deshalb mussten Sun Araw und M. Geddes Gengras mit ihrer üblichen musikalischen Grammatik auskommen.

    Zum Krautrock hat sich aber wohl noch der eine oder andere Spliff gesellt und nach einer vorsichtigen Kennenlernphase konnten The Congos sich gut in diese doch seltsam verschrobene und sperrige Welt einfühlen. Der Hymnencharakter ihrer aus Kirchenliedern abgeleiteten und in der jamaikanischen Tradition der Nyabinghi-Gesänge und deren Trance-Ritualen stehenden Vokalkunst ergibt im Zusammentreffen mit westlicher Heimwerkerpsychedelik eine faszinierende Hybridform, der man sich nur schwer entziehen kann. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 6.4.2012)

    Sun Araw & M. Geddes Gengras meet The Congos - Icon Give Thank (Rvng International /Trost)

    • Sun Araw,  Geddes Gengras und The Congos
      foto: trost

      Sun Araw,  Geddes Gengras und The Congos

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