Toxikologe: Arsen-Vergiftung ist ewig nachweisbar

  • So harmlos und schön die Herbstzeitlose aussieht, so giftig ist sie. Die Pflanze enthählt das dem Arsen ähnliche Gift Colchicin. 2-5 Gramm der Blütensamen sind für Menschen eine tödliche Dosis.
    foto: apa/ulrich perrey

    So harmlos und schön die Herbstzeitlose aussieht, so giftig ist sie. Die Pflanze enthählt das dem Arsen ähnliche Gift Colchicin. 2-5 Gramm der Blütensamen sind für Menschen eine tödliche Dosis.

Arsen sei "keine intelligente Art", jemanden zu vergiften, meint Rainer Schmid, Toxikologe an der MedUniWien, im Zusammenhang mit dem Tod zweier Männer

In Zusammenhang mit dem Tod zweier Männer aus Wien und Niederösterreich, die ein und dieselbe Bekannte hatten und unter rätselhaften Umständen gestorben sein sollen, wurde am 4. April auf dem Friedhof von Gumpoldskirchen (Bezirk Mödling) die zweite Exhumierung vorgenommen.

Die Leiche des im Oktober 2010 verstorbenen Wieners Herbert A. (68) soll nun einer toxikologischen Untersuchung unterzogen werden. Gerichtsmediziner Christian Reiter hatte bei Herbert A. in einer Gewebeprobe eine um das 50-fache höhere Arsenkonzentration als im Normalfall festgestellt. In beiden Fällen steht eine 51-jährige Polin unter Mordverdacht, die sich in Krems in Untersuchungshaft befindet.

"Keine intelligente Art", jemanden zu vergiften

Arsen sei "keine intelligente Art", jemanden zu vergiften, meint dazu Rainer Schmid, Toxikologe an der Medizinischen Universität Wien (MedUni Wien). Das Halbmetall sei ewig im Körper nachweisbar, am besten in den Haaren und in den Nägeln, sagt der Wissenschaftler. "Da passiert nichts, es wird nicht vom Körper abgebaut."

Giftig sind die Arsen-Sauerstoff-Verbindungen, wie etwa Arsentrioxid (Arsenik), die bereits in geringen Mengen tödlich wirken können. Lediglich ein Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht ist erforderlich, um jemanden zu töten. Für einen 80 Kilogramm schweren Mann reichen demnach 80 Milligramm der Substanz bereits aus.

Geruchloses, leicht süßlich schmeckendes Pulver

Arsen, das in Kriminalromanen gerne als Mordgift eingesetzt wird, ist ein geruchloses und leicht süßlich schmeckendes, weißes Pulver, das sich gut in Flüssigkeiten löst. "Es ist unscheinbar, schaut aus wie Zucker und schmeckt ein bisschen süßer, aber nicht auffällig. Man muss es nicht mit einem anderen starken Geschmack übertünchen", so Schmid.

Der Mensch, dem Arsen ins Essen gemischt wird, würde es nicht erkennen. Danach kämpft er jedoch relativ schnell mit Durchfällen, Erbrechen, Bauch- und Kopfschmerzen sowie Krampfanfällen. Herzinsuffizienz und Kreislaufversagen sowie Niereninsuffizienz innerhalb von ein bis zwei Tagen sind möglich.

"Arsen schaltet den ganzen Metabolismus herunter." Das Gift wirkt auf die Energieproduktion in den Zellen. Es verhindert die Bildung von energiereichen Phosphatverbindungen als Energieträger, sagt Schmid. Um eine akute Vergiftungen zu bekämpfen, müsse die Substanz chemisch gebunden werden, damit sie der Körper ausscheide.

Chronische Arsenvergiftung ist mit freiem Auge sichtbar

Eine chronische Arsenvergiftung ist sogar mit freiem Auge an Nägel und Haut sichtbar. Anzeichen seien die hellen Mees-Streifen auf den Fingernägeln, die brüchig werden. Zudem würde sich auch der sogenannte Halbmond verfärben. Auch Haut verändert sich durch sogenannte Melanosen, dunklen Staubflecken. Der Atem des Betroffenen riecht nach Knoblauch.

Bei regelmäßigen Konsum in geringsten Mengen entstehe eine gewisse Abhängigkeit. "Es gibt ja die Geschichten, dass früher die Bauern und Bergleute Arsen gegessen haben, weil es einen gewissen aktivierenden Effekt hat, damit man nicht einschläft", sagt Schmid. Auch Pferden habe man das Halbmetall verabreicht, damit sie beim Verkauf am Markt frischer aussehen und das Fell mehr glänzt.

Das Spurenelement kommt überall in der Umwelt vor

Arsen ist nicht einfach zu besorgen. "Es gibt zwar in Österreich noch jede Menge alte Bestände, weil es früher als Pestizid oder Beizmittel verwendet wurde, das wird aber heute nicht mehr gemacht", so Schmid. Um Arsen kaufen zu können benötigt man eine sogenannte Giftlizenz.

"Ich habe so etwas, ich muss aber vorlegen können, warum ich die Substanz brauche", erklärte der Toxikologe. Gifte müssten zudem entsprechend abgesperrt gelagert werden. Jede Entnahme müsse in einem Giftbuch eingetragen werden.

Arsen kommt als Spurenelement überall in der Umwelt, in organischen Verbindungen und damit auch in Lebewesen vor. "Bangladesch hat zum Beispiel ein riesiges Arsen-Problem, weil das Grundwasser durch natürliche Vorkommen verseucht ist." Pflanzen können Arsen nicht selbst produzieren, sondern nur aufnehmen - etwa Schilfgras tut dies verstärkt.

Selbst schwer herzustellen

Dass es möglich ist, das Gift aus dem Metall selbst herzustellen, hält der Toxikologe für einen schwierigen Vorgang. "Nicht alle Arsenverbindungen sind gleich giftig. Und um das herauszuextrahieren, brauche ich ein Labor. Und wenn ich das habe, kann ich es gleich selbst kaufen", erklärte Schmid.

Für den Toxikologen gebe es "jede Menge anderer Gifte, wo kein Mensch auf einen Mord draufkommen würde". Schmid: "Etwa der Oleander enthält Glycoside, die Herzrhythmusstörungen bewirken können, was bei entsprechend starker Vergiftung auch zum Tod durch Herzlähmung führen kann", so Schmid. "Wenn das kein junger Mensch ist, wird niemand fragen." (APA, 5.4.2012)

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