Eine Kreuzfahrt, die ist lustig

Verena passiert den Suezkanal und muss den "Walk of Europe" auf dem Kreuzfahrtschiff machen. Am Ende wünscht sie sich, überhaupt zu Fuß zu gehen

Wie nennt sich das, wenn 67 Menschen etwas hektisch und unkoordiniert auf dem Sonnendeck herumlaufen? Nein, das ist keine Seenotrettungsübung, sondern der "Walk to Europe". 1.057 Kilometer (570 Seemeilen) sind es noch bis zu unserem ersten Hafen in Europa, Kreta, und diese Strecke sollen die Passagiere zu Fuß zurücklegen. Zum Glück nicht die gesamten 1.057 Kilometer auf einmal, sondern jeder Teilnehmer sollte 15 Runden auf dem Joggingparcours, also rund fünf Kilometer, gehen oder laufen.


Subtile Motivationshinweise sollen die 67 Teilnehmer des "Walk to Europe" anspornen.

Nach einer gemeinsamen Aufwärmübung fällt der Startschuss. Allerdings nur für die Teilnehmer des "Walk of Europe". Unser Schiff muss im Bittersee noch warten, bis der Konvoi, der von Port Said in Richtung Rotes Meer unterwegs ist, durch den Kanal durch ist. Im Gegensatz zum Panamakanal ist der 162 Kilometer lange Suezkanal eine Einbahn. Zweimal täglich gibt es einen Konvoi Richtung Süden und einmal täglich einen Richtung Norden.


Die Joggingstrecke, die um den Schornstein und die drei Swimmingpools herumführt, gleicht einem Hindernisparcours.

Während der dritten Runde um den Schornstein hat auch der letzte Containerfrachter aus dem Südkonvoi den Kanal verlassen und wir können unsere Fahrt durch den 1869 eröffneten Kanal fortsetzen. Der Erbauer des Suezkanal war übrigens der Franzose Ferdinand de Lesseps, der rund 20 Jahre später mit dem ersten Versuch, den Panamakanal zu erbauen, phänomenal gescheitert ist.

Der Bau des Kanals über den Isthmus von Suez - das bis dahin größte Bauvorhaben der Welt - war bei weitem einfacher als der Kanalbau über die Landenge in Panama. Es wurden keine Schleusen benötigt, da kein Höhenunterschied überwunden werden musste und das Klima war viel angenehmer. Tropenkrankheiten daher kein Thema. Trotzdem dauerte der Bau des Kanals zehn Jahre und kostete 488 Millionen Francs - ein Betrag der heute in die Milliarden gehen würde.


Für die Durchfahrt des 162 Kilometer langen Kanals benötigen wir rund 14 Stunden.

Für Schiffe, die sich auf dem Weg von Asien nach Europa befinden, bedeutet der Suezkanal eine wesentliche Zeitersparnis. Auf der Route Singapur - Rotterdam erspart man sich gegenüber der Alternativroute über das Kap der Guten Hoffnung rund 30 Prozent der Strecke. Die Zunahme der Piratenattacken im Golf von Aden, den auch wir vor einer Woche passieren mussten, führte allerdings in den vergangenen Jahren dazu, dass zehn Prozent weniger Schiffe durch den Suezkanal fuhren.

Für Ägypten ist der Kanal ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 2011 erlöste die Kanalgesellschaft 5,2 Milliarden US-Dollar (rund vier Milliarden Euro). Im Durchschnitt betragen die Gebühren, die abhängig von Faktoren wie Tonnage und Tiefgang berechnet werden, 250.000 US-Dollar (rund 190.000 Euro) pro Schiff.

Der Kanal wird schwer bewacht. Während ich meinte zehnte Runde laufe, fliegt ein Hubschrauber der ägyptischen Armee seine Kontrollrunde über uns. Am Kanalrand sind immer wieder Panzerfahrzeuge und Soldaten zu sehen, die pfeifen und uns zuwinken. Sonst ziehen auf der Backbordseite grüne Felder und hin und wieder Dörfer wie eine Filmkulisse vorbei. Auf der Steuerbordseite wird hingegen ein ganz anderer Film gezeigt: dort ist die meiste Zeit nur heller Wüstensand zu sehen.


Grüne Felder, Dörfer und Städte ziehen an der Backbordseite an uns vorbei.

Kurz vor der Stadt Ismailia beendet auch der letzte Teilnehmer die schweißtreibenden 15 Runden. Wir haben das Ziel erreicht und sind dennoch gescheitert. Von der Gesamtstrecke haben wir nur 335 Kilometer erlaufen. Kein Problem, meint Entertainment-Offizier Joachim Sacharias, der von jedem an Bord einfach "Joe" genannt wird. "Unter Deck sind noch ein paar Leute mehr mitgelaufen", sagt Joe und grinst.


Ein Highlight auf der Suezkanal-Passage: die Mubarak Friedensbrücke, die wohl bald nur noch Friedensbrücke heißen wird.

Nach dem Morgensport geht die Rund-um-die-Uhr-Bespassung dann auch weiter: Paradiso-Show mit Liedern von Connie Francis, Darts, langsamer Walzer für Fortgeschrittene, Bingo, Foto- und Cocktailworkshops, Kunstgalerie, Lomi Lomi Nui Massage, eine Runde am Golfsimulator, Pilates oder Vorträge vom selbsternannten "TOP Experten für Alles über Menschenkenntnis" (sic!). Mir ist das alles zu viel. Am liebsten würde ich auch die restlichen 722 Kilometer noch zu Fuß zurücklegen.

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