Nicht ins Bild laufen

5. April 2012, 17:08
  • Früher blieb man höflich stehen. Als Touristen noch Filme einlegten und Papierbilder produzierten.
    foto: der standard

    Früher blieb man höflich stehen. Als Touristen noch Filme einlegten und Papierbilder produzierten.

Pro: "Alles zu spät" von Ronald Pohl - Kontra: "Touris haben Zeit" von Birgit Baumann

+++Pro
Von Ronald Pohl

Wer anderen Menschen ins Bild läuft, lässt die Tugend der Herzensbildung vermissen. Jahrelang hat sich ein greises Ehepaar aus, sagen wir, Nagasaki jeden Yen vom Mund abgespart. Was nicht direkt in der Reisschüssel landete, wurde unverzüglich ins Sparschwein gesteckt - soferne Japaner ihre Ersparnisse in Sparschweine stecken und nicht unter dem nächsten Kirschbaum vergraben (In Japan herrscht bekanntlich immer Kirschblüte, das weiß bei uns schließlich jedes Kind!).

Endlich: Der Flug nach Wien ist gebucht. Unsere betagten Freunde aus Nagasaki hängen sich ihre blitzenden und blinkenden Digitalkameras um die Hälse. Landung in Wien-Schwechat. Die Baustelle in Wien-Mitte vermittelt erste, unvergessliche Eindrücke einer erhabenen Kulturstadt. Unsere Freunde aus Nippon sind sich sicher: Gleich biegt, hysterisch kichernd, Wolfgang Amadé um die Ecke. Der Finger zuckt nervös über dem Auslöser. Es ist aber bloß die (zugegeben: anmutige) Silhouette der nebenstehenden Kollegin Baumann. Klick! Es ist zu spät.

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Kontra---
Von Birgit Baumann

Klar, früher blieb man höflich stehen. Als Touristen noch Filme einlegten und Papierbilder produzierten - ganz früher noch die teuren schwarz-weißen -, da wäre es wirklich frevelhaft gewesen, rücksichtslos durchs Bild zu latschen. Aber die Zeiten haben sich geändert und die Touristen auch. Sie stehen nicht mehr ehrfurchtsvoll vor dem Stephansdom, um dann einen kostbare Moment mit einem gezielten Klick auf Papier zu bannen. Vielmehr macht heute ein jeder aus der Gruppe mit dem Smartphone gefühlte 20.000 Spaßfotos.

Einbeinig vor Schönbrunn, Zunge rausstrecken vor dem Goldenen Dachl. Ganze Gruppe vor der Kaiservilla, halbe Gruppe vor dem Uhrturm und dann noch einmal jeder einzeln. Weil: Es kost' ja nix mehr. Kaum fotografiert, wird die unpassende Ausbeute auch schon wieder gelöscht. Dafür muss man nicht extra stehen bleiben und warten - zumal es ja die Besucher sind, die viel Zeit haben. Also sollen auch sie auf den passenden Moment fürs Foto warten und nicht die, die gar nicht drauf sein wollen. (Rondo, DER STANDARD, 06.04.2012)

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22 Postings

Kommt immer drauf an, wo die Leute stehen: Wenn sie jeglichen Weg an ihnen vorbei blockieren, ohne ihnen durchs Bild zu laufen, dann lauf ich auch nicht durch - außer ich bemerke den Fotograf nicht. Aber wenn sie einen vom Weitergehen abhalten, dann lauf ich beinhart durch. Selbst, wenn ich selber irgendwo Tourist bin. Leute, stellt euch doch nicht in den Weg!

Contra!! Denn wenn jemand reinspaziert, wird das Bild meist überhaupt erst interessant und wirklichkeitsnah.

PS: Filmemacher nennen solche Leute "Glückspilze" (zufällige Passanten, die unfreiwillig zu Statisten werden)

Wenn ich ein Bild machen will,

dann nehm ich mir auch die Zeit, die 10 Minuten oder auch 2 Stunden zu warten bis das Bild frei ist und das Licht passt.
Und wenn ich die Zeit nicht hab, dann pfeif ich halt aufs Bild. Man kann nicht immer alles haben.

"Es ist aber bloß die (zugegeben: anmutige) Silhouette der nebenstehenden Kollegin Baumann."

Da funkt es aber ziemlich.

1. kamera auf ein stativ.
2. ein paar ordentliche neutralgraufilter auf das objektiv montieren.
3. zwei minuten öffnungszeit.

und es braucht niemand stehen bleiben für mich denn der stephansplatz ist zu jeder tageszeit menschenleer.
;-)

2 minuten...

sind aber schon ein wenig knapp bemessen um den stephansplatz leer werden zu lassen.

da hast auf jedenfall unschön die broschürenverteiler am bild drauf... ;)

Je ferner die Kultur der man vor die Linse läuft umso mehr sollte man sich was witziges überlegen, zB einen Monthy Python silly walk

http://www.youtube.com/watch?v=IqhlQfXUk7w

oder ein Buckligen Gang, boobs flashing wäre was für die Muslime...

Besonders witzig ist das, wenn man Fotos mit einem Fisheye-Objektiv macht. Bei 180° Bildwinkel hat man dann selbst die Leute drauf, die brav stehen bleiben...

durch das bild laufen

Auf Okto-TV lief vor einiger Zeit eine Sendereihe, sie hieß "One hour standing" http://oktothek.okto.tv/onehourstandingfor, da stehen 2 Burschen bewegungslos, wie posierend für ein Foto.
Beim Surfen bin ich da reingestolpert, hat es mich neugierig gemacht und es war sehr amüsant, die Leute zu beobachten, die durch das Bild liefen - oder auch nicht, wenn sie bemerkten, dass hier gefilmt wird.
Eine Stunde habe ich zwar nicht durchgehalten, aber da Okto mehrere Standorte gesendet hat, hab ich immer wieder reingeschaut.
Witzige Sendung, in der dieses "Pro&Contra" ausführlich bebildert wird.
:-)

im wahren Leben bleiben die Leute auch heute noch stehen...

bei individualtouristen/fotographen ja

bei massentouristen verschwende ich nichtmal einen gedanken daran.

Fragst du die Leute einzeln, wie sie ihre Reise gebucht haben?

Meine Güte! So ein Basenatratsch ...

Könnte man sich mal die Mühe geben und die Veränderung der Photographie, oder soll ich schreiben Fotografie, um es am Wort zu verdeutlichen, also die Veränderung der Phfotographfie zu hinterfragen?

Es ist doch herrlich, ganz einfach herrlich draufzudrücken und dabei den Urschrei des Voyeurismus freien Lauf zu lassen. Das beste Bild gewinnt dann sowieso.

Der Amateur muss sich heute wenigstens wirklich mit Bildgestaltung auseinandersetzen, nämlich dann, wenn er von 10 ähnlichen Schüssen eines Motives, 9 davon mit "Entf"-Taste am Computer in den Papierkorb schickt. Früher war jedes Bild heilig weil teuer und jeder Mist durfte Leben.
Heute werden sie angesehen und jene mit nichtssagender Ästhetik gekübelt.

Einbeinstand ist Ästhetik!

Resi

Ich find die Leute besser, die dann einfach jedes Foto zB auf facebook veröffentlichen...also 4 mal genau der selbe Strand von genau der selben Position aus mit genau den selben Leute...einmal über- und einmal unterbelichtet, einmal verwackelt und dann noch mal halbwegs passabel scharf und belichtet...das sind mir die Allerliebsten...

"dem" natürlich und a paar ",,,,,,," dazu

Contra

Erst das Durchschreiten des Bildfeldes durch einen Passanten eröffnet die Chance auf erträgliches Urlaubsfoto.

ich bin sicherlich schon auf den fotos von ca. 1000 japanischen touristen.

seheln sie da faulen nichtsnutz aus westen... ooooh, *klatsch* *klatsch*!!!

Haha

Ja das war schon vor 15 Jahren ein beliebter Sport für gelangweilte Schüler in den Sommerferien. War halt ein wenig Effektiver im "analogen Zeitalter" ist aber sicher noch immer unterhaltsam.

Pro!

...allein des repektvollen Umgangs wegen...

Da könnte man sich umgekehrt die Frage stellen: Ist es ein respektvoller Umgang der Gemeinschaft der Smartphone- und Digitalkamerafotografen, wenn sie so viel fotografieren, dass man an gewissen Plätzen quasi keinen Schritt mehr gehen kann ohne von einem Foto in das nächste zu laufen?

Bei einer überschaubaren Menge weiche ich aus / bleibe ich stehen. Aber sonst bin ich großteils der Meinung von Frau Baumann.

och...

so schlimm seh ich das nicht... und sie können immer noch hinter der fotografierten gruppe vorbei gehn

ich zitiere: "dass man an gewissen Plätzen quasi keinen Schritt mehr gehen kann ohne von einem Foto in das nächste zu laufen"

Hinter besagter Gruppe steht der nächste, der ein Foto machen will...

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