Am Anfang stand die Beihilfe zum Betrug

4. April 2012, 18:30
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Die Schweiz führte bereits 1934 das Bankgeheimnis ein - Vertraulichkeit steht seither an oberster Stelle

Es war angeblich exakt um 16.10 Uhr am 26. Oktober 1932 als die französische Polizei in einem Fünf-Zimmer-Appartement in der Nähe der Champs Élysées einen Megacoup landete. Sie erwischte den Direktor und Vizedirektor der Basler Handelsbank sowie den Leiter von deren Pariser Niederlassung, als diese gerade dabei waren, reichen Franzosen bei der Umgehung der französischen Couponsteuer behilflich zu sein.

Damit aber noch nicht genug: Den Behörden fiel bei der Aktion ein Verzeichnis mit rund 2000 französischen Kunden in die Hände, die ihr Vermögen bei der Basler Handelsbank deponierten, ohne Steuern an den Fiskus abzuführen. Für die Banker endete die "Pariser Affäre" im Gefängnis. Für den Berner Historiker Peter Hug ist sie ein zentraler Ausgangspunkt für das Entstehen des Schweizer Bankgeheimnisses, wie er in einer umfassenden Analyse, die vor einigen Jahren veröffentlicht wurde, schreibt.

Aufgebrachte Anleger zogen in der Folge nämlich in großem Stil ihre Gelder aus der Schweiz ab. Um das Vertrauen der ausländischen Investoren wieder herzustellen, wurde laut dem den Sozialdemokraten nahestehenden Hug zwei Jahre später das Bankgeheimnis massiv ausgeweitet. Ein Verstoß gegen die Vertraulichkeit galt in der Folge als Offizialdelikt. Sprich: Erfährt die Justiz davon, muss sie von Amts wegen ermitteln, eine Anzeige ist nicht nötig.

Hug räumt auch mit dem Mythos auf, die Schweiz habe das Bankgeheimnis verschärft, um es für die Nazis schwerer zu machen, an die Vermögen von verfolgten Juden zu kommen. Von der Schweizer Bankbranche wurde diese Argumentation über Jahrzehnte verwendet.

Reich der Mythen

Hug: "Die Erfindung des Märchens vom moralisch einwandfreien Hintergrund des Bankgeheimnisses war politisch bitter nötig, stand die Schweiz doch in den 60er-Jahren erneut unter einem enormen außenpolitischen Druck." Den erwähnten Druck, der nicht zuletzt von den USA ausging, hielten die Eidgenossen aber über all die Jahrzehnte stand.

In der Zwischenzeit wird die Behauptung, das Bankgeheimnis sei aus humanitären Gründen geschaffen worden, aber auch in der Bankbranche kritisch gesehen. Der Historiker und langjährige UBS-Mitarbeiter Robert Vogler schrieb in seiner Studie zur Entstehung des Bankgeheimnisses, diese Idee "ist durch nichts belegt und gehört klar ins Reich der Mythen" .

Im Gegensatz zu Hug sieht er aber andere historische Hintergründe. "Auslösendes Ereignis waren hauptsächlich die Bankenkrisen der frühen dreißiger Jahre, kulminierend im zweiten Debakel um die Schweizerische Volksbank von 1933, sowie die Spitzeltätigkeit ausländischer Behörden in der Schweiz."

Dass nur aufgrund mangelnder moralischer und ethischer Standards ein starke Finanzstandort entstehen konnte, bezweifelt Vogler. Der Historiker führt vielmehr vorteilhafte politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen an: "Primäre Ursache für die Verlagerung von Auslandsgeldern auf Schweizer Banken war nicht das Bankgeheimnis, sondern waren die widrigen politischen, wirtschaftlichen, währungsbedingten und fiskalischen Voraussetzungen in anderen Ländern." Der Aufstieg des Finanzplatzes Schweiz könne daher nicht nur auf das Bankgeheimnis zurückgeführt werden. (Günther Oswald, DER STANDARD, 5.4.2012)

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    Ein Mythos, der sich lange hielt: Die Schweiz soll das Bankgeheimnis eingeführt haben, um Nazis wie Joseph Goebbels (Mitte) den Zugriff auf jüdisches Gold zu erschweren.

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