Malcolm mittendrin im Mostviertel

5. April 2012, 06:15
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Hochbegabte Kinder sind kein urbanes Phänomen: In Wieselburg werden sie künftig in einer eigenen Klasse gefördert

Wieselburg - Es ist eine alltägliche Situation im Klassenzimmer: Ein Bub, der schlecht Deutsch spricht, kommt neu dazu. "Welche Probleme könnte er haben? Wie kann man ihm helfen?", wollen die Pädagogen am Gymnasium Wieselburg von den 17 Kindern wissen, die sich gerade einem Aufnahmetest stellen. "Wir sollten auf ihn zugehen, damit er nicht auf uns zugehen muss", sagen die Kinder, oder "Wir sollten ihn beim Turnen nicht als Letzten wählen."

Mit der Außenseiterrolle haben viele im Raum Erfahrung: Sie sind hochbegabt, einige von ihnen waren in der Volksschule unterfordert und entsprechend auffällig. Für zwölf bis 15 Kinder wird sich ihre Schulkarriere ab Herbst radikal ändern: Dann startet in Wieselburg die erste Hochbegabtenklasse in der Unterstufe im westlichen Niederösterreich.

Ein Drittel genetisch

Vorbild sind die Modellklassen am Gymnasium Keimgasse in Mödling; zumindest was die Eltern der Schüler betrifft, hat man dort aber ganz andere Erfahrungen gemacht, sagt Margarete Zelfel, die Projektkoordinatorin beim Landesschulrat. Während im Wiener Speckgürtel viele Eltern meinen, besondere Intelligenz bei ihrem Kind zu erkennen, sind es im Mostviertel eher die Lehrer, die die Eltern dazu überreden, ihr Kind fördern zu lassen. Ein Drittel der besonderen Fähigkeiten wird den kleinen Schlaumeiern aus dem familiären Umfeld mitgegeben, schätzt Zelfel, ein Drittel entsteht durch die Schule, etwa ein Drittel ist genetisch. Wenn Kinder sich nicht nur für die Lösung, sondern auch für den Weg interessieren, wenn sie sich selbstständig Ziele setzen, sich in gewissen Themen aus eigenem Antrieb bilden und viel lesen - dann sind sie wahrscheinlich hochbegabt. 

Soziale Barrieren verschwinden

In Wieselburg verschwinden die sozialen Barrieren, die es im Schulsystem sonst oft gibt: Zwischen den Kindern akademisch gebildeter Eltern sitzt etwa die Tochter des örtlichen Kebabstandbesitzers - wie bei Malcolm mittendrin, der Fernsehserie über den hochbegabten Buben aus der amerikanischen Vorstadt-Familie. Dementsprechend unverkrampft sind die Eltern. Schaffe es das Kind nicht in die Hochbegabtenklasse, meinte etwa ein Vater, werde man es halt in die nächstgelegene Hauptschule schicken.

Zumindest organisatorisch wäre das für viele Familien einfacher: Einige Kinder müssen um fünf Uhr aufstehen, um rechtzeitig nach Wieselburg zu kommen; 34 Wochenstunden erwarten sie in der ersten Klasse des Hochbegabten-Gymnasiums (statt 28 in der Regelschule). Es gilt, die Lerninhalte aus vier Schuljahren in drei zu pressen. "Akzeleration" nennt sich dieses Prinzip, die Förderung durch Beschleunigung. In der Oberstufe werden dann die Pflichtfächer auf ein Mindestmaß reduziert, die Schüler können sich selbst Schwerpunkte setzen.

Keine "Eliteklasse"

Gleichzeitig legt man in Wieselburg aber Wert darauf, dass die kleinen " Malcolms" keine Außenseiter werden: "Wir wollen hier keine Eliteklasse gründen", sagt Direktor Gottfried Müllschitzky. Gemeinsam mit den Jahrgangskollegen soll es Sportwochen und Ausflüge geben, zusätzlich entwickelt man an der Schule das Fach "Human Development", in dem etwa Soziales Lernen, Konfliktlösung und Philosophie auf dem Stundenplan stehen.

Der Aufnahmetest endet mit einem Spiel im Turnsaal: Mit Teppichfliesen sollen die Kinder gemeinsam einen imaginären Wassergraben überwinden, stets unter Beobachtung der Pädagogen. Ihre Schüchternheit haben die Kinder längst abgelegt, sie toben herum und knüpfen erste Freundschaftsbande. Hier wird heute niemand als Letzter gewählt. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 5.4.2012)

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    Vier Jahre Unterstufe in drei Jahren - vor dieser kniffligen Aufgabe stehen die Schülerinnen und Schüler der Hochbegabtenklasse. Die meisten geben übrigens Mathematik als Lieblingsfach an.

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