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Barbara Nüsse und Tilo Werner im "Kirschgarten".
vergrößern 600x400Joachim Lux (54) leitet seit 2009 das Thalia Theater.
Wien, heißt es, sei anders. Joachim Lux zumindest würde das bestätigen. Er weiß, wovon er spricht: Zehn Jahre lang gehörte er zur künstlerischen Direktion des Wiener Burgtheaters, die letzten drei Jahre als Chefdramaturg. Im Herbst 2009 wechselte der aus Münster stammende Germanist als Intendant an das Hamburger Thalia Theater, eines der erfolgreichsten und angesehensten Theater im deutschsprachigen Raum. Jedoch, das zeigt sich sehr schnell im Gespräch mit Joachim Lux: Eine Art deutsche Burg, das ist es nicht. Denn Hamburg ist nicht Wien.
Wien, das ist für Lux ein "Theater-Paradies", in dem man "wahnwitzig verwöhnt" sei. "Da ist Wien natürlich nicht nur Hamburg gegenüber singulär, sondern auch sonst, das Theater hat einfach einen anderen Stellenwert. Wenn am Burgtheater irgendwo eine tragende Säule umfällt, dann ist es Titelseite in der 'Kronen Zeitung'. Hier kommt das unter Vermischtes." Joachim Lux lacht. Die Wertschätzung zeige sich aber natürlich nicht nur im Volksinteresse, sondern auch ganz schnöde monetär: 17,7 Millionen Euro Zuschuss bekommt das Thalia. Die öffentlichen Zuwendungen an die Burg betrugen 2010/11 dagegen 2,6-mal so viel. Macht das die Arbeit im Norden schwerer? "Hier muss man mehr kämpfen", sagt Lux. "Man kann auch sagen: Man darf mehr kämpfen."
Kampfplatz Theaterbühne
Der Kampf ist für ihn Privileg: "Dadurch entsteht vielleicht auch manchmal eine andere Relevanz. Es muss sozusagen die Notwendigkeit spürbar sein, das von der Bühne aus erzählen zu müssen, damit es auf Resonanz stößt." Die scheint gegeben. Die Auslastung sei grundsätzlich gut - "nach deutschen Maßstäben. Nach österreichischen ist sie nicht gut". Aktuell liegt sie bei 72 Prozent. Zum Vergleich: An der Burg waren es in der vorigen Spielzeit gut 85 Prozent. Tendenz: steigend.
"Es ist ein Klischee, dass die Kulturaffinität der Menschen von Süden nach Norden abnimmt. Aber es stimmt leider." Trotzdem gibt es Grund zur Zufriedenheit: "Das kann ich zwar in dieser Radikalität nicht bestätigen, aber: Ich höre, dass wir in der Stadt hip seien." Der Hausherr muss ein wenig grinsen bei diesem Satz. Was er sehr wohl bestätigen mag: "Wir haben in dieser Spielzeit keine einzige Inszenierung, die wirklich daneben gegangen ist. Natürlich kann da einer sagen 'Das ist nicht My Cup of Tea', aber es ist wirklich jede gut."
Tatsächlich hat die laufende Spielzeit Herausragendes zu bieten: Nicolas Stemanns gut achtstündiger Doppelabend "Faust 1+2" etwa, der bei den Salzburger Festspielen gezeigt wurde und bald beim Berliner Theatertreffen zu Gast ist. Luk Percevals "Der Kirschgarten" war Anfang März die bisher letzte Premiere - eine zwar etwas brachial-banal (und vor allem unnötig) aktualisierte, jedoch in ihrem Minimalismus und ihrer Lakonie außerordentlich gelungene Inszenierung. Eröffnet wurde die Spielzeit unter der Regie des 1983 geborenen Antú Romero Nunes - auch die Besetzung seiner Merlin-Inszenierung war kaum älter. Der Nachwuchs, das ist eine der Baustellen der Intendanz Lux. "Ich betrachte es als meine Aufgabe, verantwortungsvoll, aber auch risikobewusst junge Leute aufzubauen."
"Occupy" vor der Haustür
Klingt ein wenig nach Investorensprech, hat aber neben Antú Nunes vielversprechende Jungregisseure wie Jette Steckel und Bastian Kraft hervorgebracht. Und Bilder wie dieses: "Plötzlich stehen da sieben, acht ausschließlich junge Leute auf der Bühne und wuppen die Eröffnung im Großen Haus. Das ist schon toll". Unter Lux' Leitung hat das Thalia auch ein internationales Festival erfunden, namentlich die Lessing Tage, die 2012 zum dritten Mal über die Bühne gingen. "Das kommt aus meiner Wiener Biografie", erklärt Lux. "Dort herrscht ein unglaubliches Bewusstsein für die kulturelle Tradition der Stadt. Man kann mit jedem über Freud reden oder über Schnitzler, Horváth, Nestroy. Lessing gehört als Identifikationsfigur zu Hamburg - und seine Überlegungen zur Toleranz sind heute besonders aktuell."
Neben kulturellem Bewusstsein sind Lux' Themen Interkulturalität oder Migration. "Wenn die Gesellschaft sich so stark verändert, kann das Theater das nicht einfach ignorieren. Es muss den Zugang erleichtern. Das ist immer ein bisschen Don Quijotterie - versuchen muss man es trotzdem." Auch an Aufklärung und Demokratie versucht man sich. Beim Thalia-"Kulturgipfel" konnte beispielsweise jeder zahlen, soviel er wollte und wurde beim Informationsabend über Einnahmen und Ausgaben des Theaters informiert. Ökonomische Transparenz - da trifft es sich gut, dass quasi vor der Haustür, am Gerhart-Hauptmann-Platz, das Hamburger Occupy-Lager liegt.
Im November rief das Theater das "Volk" gar auf, vier Stücke des kommenden Spielplans selbst zu wählen. Viel Kritik und Häme waren die Folge, auch bei der Wahl soll nicht alles ganz richtig gelaufen sein. Für Lux hat sie dennoch Erkenntniswert. Die Wahl habe auf ein Grunddilemma des Theaters verwiesen: dass es einerseits Dienstleister sei, andererseits aber auch ein Ort, der Kunst produzieren soll. Was sein Theater dagegen definitiv nicht machen soll: "nur irgendwas im Wolkenkuckucksheim. Das reicht nicht." (Andrea Heinz aus Hamburg, DER STANDARD, 5.4.2012)
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Liest sich eher wie ein Theater, das sich noch überlegt, was es leisten und erzählen will - und nicht wie dir Burg, die einfach bekannte Stücke mit bekannten Schauspielern ansetzt, um ausverkauft zu sein, aber keine Ahnung vermittelt, warum man das eigentlich alles tut.
Lux ist ja ein Proponent des Systems Bachler: Gourmet-Theater mit ein bisschen Zeitkritik-Hautgout. Die Haltung des Suchenden, des Neuerers, ist bei ihm also eher Pose (wie bei den meisten Stadttheatermenschen).
Was Sie über die Burg sagen, stimmt zum Teil (leider).
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