Regenbogen über Tunesien

Blog | Reiner Wandler, 4. April 2012, 14:37

Nordafrika hat ein Magazin für die lesbisch, schwule, bisexuelle und transgender Gemeinschaft - Jetzt wurde die Seite Opfer eines Hackangriffs.

"Die islamische Sicht der Homosexualität", prangt seit dem 4. April in großen Lettern auf der Seite von Gayday. Ein Klick führt zu einer Seite mit unzähligen schwulenfeindlichen Koranzitaten. Die Homosexualität sei ein "Test für die Menschen" sowie "Blindheit" oder andere schwere Gebrechen. "Andere kommen arm zur Welt, klein, groß, schwach, ihnen fehlen Finger, sie haben eine große Nase ... aber von allen wird erwartet, dass sie Gottes Gesetz befolgen", schlussfolgern die Hacker. Sittenwidriges Verhalten habe "zum Untergang ganzer Städte" geführt, warnen sie.

Vorläufiger Höhepunkt

Die Cyberattacke ist der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe von Angriffen gegen das mutige Projekt, das im März 2011, zwei Monate nach der tunesischen Revolution, entstand. Die Web erhält Drohmails und wird auf Facebook beschimpft. Im Februar giftete Tunesiens Minister für Menschenrechte Samir Dilou im Fernsehen gegen Gayday. "Die Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen", erklärte Dilou, der auch das Amt des Regierungssprechers inne hat. "Es gilt die roten Linien die von unserer Tradition und Religion festgelegt worden sind, zu respektieren", fügte der Anwalt hinzu. Dilou gilt als einer der Aufsteiger innerhalb der islamistischen Partei Ennahda.

Das Gayday Magazin denunziert auf Englisch, Französisch und Arabisch homophobe Übergriffe, bringt Nachrichten aus aller Welt, berichtet über Kultur, mischt sich in internationale Kampagnen ein und bietet in einem Forum Gelegenheit zum anonymen Austausch. Es sind alles ehrenamtliche Journalisten, die die Web am Laufen halten. "Wir treten für die Abschaffung der Gesetzgebung ein die Homosexualität kriminalisiert und fordern stattdessen Gesetze, die homophobe Diskriminierung unter Strafe stellt", erklärt der Chefredakteur, der nur online Rede und Antwort steht und immer unter einem Pseudonym auftritt.

Er weiß warum. Der Artikel 230 des Strafgesetzbuches ahndet Homosexualität mit bis zu drei Jahren Haft. "Sie wollen, dass die Forderungen der Homosexuellen nicht auf die Tagesordnung der Revolution kommen", sagt der Gayday-Chef. "Aber wir wollen erreichen, dass wir im neuen Tunesien einen Platz haben."

"Es ist ein Kampf von David gegen Goliath", erklärt der Chefredakteur von Gayday. Doch das Engagement zeigt erste Erfolge. Mittlerweile gibt es auch ein LTGB-online-Radio mit dem Namen Tunisia Gays'. Nationale und internationale Menschenrechtsorganisationen setzen sich für die Rechte der LTGB-Gemeinschaft ein. Das macht Hoffnung: "Ein Magazin, ein Radio und wann eine Gay-Pride-Parade", fragt ein Leser. (Reiner Wandler, derStandard.at, 4.4.2012)

"Ein Klick führt zu einer Seite mit unzähligen schwulenfeindlichen Koranzitaten"

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ich dachte immer, sowas gäb's gar nicht, weil der islam ja - im gegensatz zu allen anderen religionen - total tolerant gegenüber homosexualität sei, und die jetzige homophobie nur auf britische kolonialisierung zurückzuführen sei?

tja, das wird noch ein langer harter kampf um..

..die menschenrechte werden; und wie man am beispiel russland oder am beispiel österreich (schrittweise verschlechterung bei der asylgesetzgebung in den letzten ca. 15 jahren) sieht, gibt es auch immer wieder rückschritte

"und wie man am beispiel russland oder am beispiel österreich (schrittweise verschlechterung bei der asylgesetzgebung in den letzten ca. 15 jahren) sieht, gibt es auch immer wieder rückschritte"

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also ich stelle weltweit rückschritte fest.
und eine unerquickliche zunahme von religiosität bzw. akzeptanz irrationaler und menschenfeindlicher ideologien.

allerdings finde ich, dass man in Russland nicht unbedingt von rückschritt sprechen kann.
da bleibt nur alles beim alten (jetzt halt mit orthodoxem statt kommunistischem hintergrund).

und Österreicher wird - wie's aussieht - à la longue den weg Ungarns gehen, was ich für eine tragödie halte ...

"also ich stelle weltweit rückschritte fest"

kommt eher auf den zeitraum und auf die region an, die sie betrachten; zB viele länder in süd- und mittelamerika: hier gibt es einige deutliche verbesserungen im vergleich mit den 1970er- und 1980er-Jahren!

"viele länder in süd- und mittelamerika: hier gibt es einige deutliche verbesserungen im vergleich mit den 1970er- und 1980er-Jahren!"

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das stimmt allerdings (v.a. Brasilien, Argentinien, Chile, Uruguay)

Ohne Überschreitung der roten Linien von Religion und Tradition kann es keinerlei Fortschritt geben.
Genau das ist auch das Problem in der islamistischen Welt.

Leider kann

man bei dem Radiosender nichts hören. Auch gehackt?

Respekt!

Mutig und idealistisch für eine bessere Zukunft. Die besten Wünsche!

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