Kunst(ge)fährte

8. April 2012, 13:10
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"Car Culture. Das Auto als Skulptur": Wenn Mobile zur Immobilie werden und als Kunstobjekte höhere Weihen empfangen - Schau im Lentos Kunstmuseum Linz - Bis 4. Juli

Wenn Autobauer sich von namhaften Architekten gestaltete Museen zulegen und Kunstsammlungen – speziell die Deutschen haben da in den vergangenen zehn, 15 Jahren für Furore gesorgt -, dann ist es nur folgerichtig, wenn Museen sich ihrerseits dem Automobil widmen. Das Linzer Lentos tut dies gerade, tut dies in einer ausgesprochen humorvollen Form, in einer maximal unpeinlichen, weil augenzwinkernd zu gründlicher Reflexion provozierenden Schau.

Car Culture. Das Auto als Skulptur versammelt unterschiedlichste Positionen, etlichen davon eignet ein interaktiver Ansatz, und weil sich mit dem Automobil so schön Distanzen überbrücken lassen, gibt sich sogar das Ausstellungskonzept raumgreifend, indem es das Museumsareal auch draußen bespielt und in einem Fall gar bis auf den Hauptplatz ausfährt: mit Georg Seiberts Der Käfer – Ein Deutsches Wunder, da staunt der Linzer.

Kunstobjekt Automobil

Eine Punktlandung ist die Schau auch aus einem anderen Grund: Just heutzutage ist es so weit, dass fortgeschrittene automatisierte Produktionstechnologien es den Designern erlauben, ihre Autos wieder als Skulptur zu gestalten – wie einst, in den 1950er-, 60er-Jahren. Nur: weiland, in der Heckflossenära etwa, da wurden die Formen der Karosserie noch von Hand gedengelt. Zur selben Zeit, in der Pop-Art, siehe speziell Andy Warhol, parkte sich das Automobil publikumswirksam in der Kunst ein, der französische Objektkünstler César etwa schuf Skulpturen aus geschweißten, gepressten Autowrackteilen.

Die Sache mit der Schrottpresse ist also nicht neu, aber auch in Stein meißeln Künstler ja seit Jahrtausenden, ohne dass das Thema sich erschöpft hätte. Originell ist der Zugang von Gottfried Bechtold, bekannt vor allem durch seine Beton-Porsches, dennoch und allemal. Es hat laut Fama den Zuffenhausenern alles zusammengezogen, als sie mit ansahen, was der Vorarlberger mit ihrem vorher noch einmal sorgsam gepflegten 911 (Typ 997) anstellte, und man kann das ein wenig nachempfinden, wenn man vor dem finalen Schrottpressenpackerl Verdichtung 997 steht – daneben ein Titrierkolben mit den flüssigen Essenzen, Motoröl und Benzin, fast wie in Patrick Süskinds Das Parfum.

Mit Panamera steht im Lentos ein weiterer Bechtold-Porsche, alles Glas ersetzt durch Bronzeplatten, Kameras spielen die Außenwelt nach innen, fahren wie im Simulator, aber möglich – mit erhöhtem Kollisionsrisiko vielleicht, und was dann passieren könnte, demonstriert Crushed Cayenne von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser, aufgebaut quasi aus dem Treibholz unserer Industriegesellschaft, die Dynamik des Aufprall-Kaltverformungsmoments eingefroren in der Zeit, Gefahr kommt von Gefährt. Oder so.Entfesseln lässt sich kinetische Energie draußen vor der Tür, vorm Museum: Gimme Gummi (Severin Hofmann, David Moises, Leo Schatzl), ein an Gummiseilen hängender VW Käfer, bei dem es statt um Vorwärtsbewegung um Rotation geht, stichhaltig, dreht der heutige Mensch sich doch hauptsächlich um sich selbst. Dass ihm dabei schwindlig wird, verdrängt er, gesellschaftliche Schräglage thematisiert übrigens auch Erwin Wurms Renault 25.

Individuum – Kollektiv

Wenn das meistgebaute Auto der Welt in gleich vier weiteren originellen Arbeiten auftaucht, braucht das nicht zu verwundern – ebenso wenig wie in Zeiten der Kritik am enthemmten Kapitalismus Ecke Bonks Deutsche Einheit, Trabant E Klasse, Modell Brandenburger Tor, das einen eingangs akustisch einer Lesung aus mit Karl Marxens Kapital empfängt.

Ideologisch nicht weit weg davon ist der Flügeltürer-Beitrag der Künstlerin Yin Xiuzhen, Collective Unconscious, wenngleich der zunächst das kollektive Unbewusste anzusprechen scheint – jenes ihres Kulturkreises wohl vor allem, da hier Chinas (Glücks-)Drachen-Mythe bildassoziativ mitschwingt. Ein Kleinbus Typ Songhua Jiang, eine echte Kraxn, würde man in Oberösterreich sagen, inmitten zersägt und textil (zusammengenäht aus lauter Unterwäsche) gestreckt, begehbar für ein ganzes Kollektiv. Und das ist ja einer der Pferdefüße individueller Mobilität: Im Stau wird daraus wieder ein Kollektiv, sind wieder alle gleich.

Ultimativen Leichtbau und Nullemissionen versprechen Beiträge wie Hannes Langeders güldener Ferdinand GT3 RS und sein nach selben Prämissen konstruierter Fahrradi FFX, langsamster Porsche/Ferrari aller Zeiten, weil in Wahrheit Doppel-Fahrrad mit Auto-Hülle – diverse kryptokommunistische Verkehrspolitiker in den Landesregierungen und Rathäusern dieser Republik dürften begeistert sein von der Idee und ihrem Potenzial, Raumverschwendungskritiker und Gehzeug-Konstrukteur Hermann Knoflacher hinwiederum wohl eher nicht.

Wenn dann Superflex im Videostill Burning Car gemütlich eine Mercedes-S-Klasse abfackeln, um ein letztes Lentos-Beispiel zu benennen, so ist damit der Bogen zurück geschlagen zu einer der ersten Kulturleistungen des Menschen, dem Feuer. 1886 gelang es Carl Benz, das Höhlen-Lagerfeuer in Metallzylinder zu bannen, womit das Auto mit Verbrennungsmotor erfunden war. Superflex bringen diesen Prozess von innen wieder nach außen. Wie die Randalierer in Paris oder Berlin. Zurück zur Natur, zurück in die Steinzeit. Countdown läuft. Tolle Schau. (Andreas Stockinger/DER STANDARD/RondoMobil/April 2012)

CAR CULTURE. Das Auto als Skulptur
2. März bis 4. Juli 2012 im Lentos in Linz
Info: Lentos Kunstmuseum
foto: andreas stockinger
Bilder von der Ausstellung gibt's in dieser Ansichtssache.
  • Bilder von der Ausstellung gibt's in dieser Ansichtssache.
    foto: andreas stockinger

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