Identitätssuche nach Krieg und Frieden

3. April 2012, 21:36
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Ana Mijic untersucht das Opferbild der Ethnien in Bosnien und Herzegowina

Zwei Tage in Wien haben gereicht und Ana Mijic wusste: "Hier will ich leben." Als Studentin der Politikwissenschaften und der Soziologie war die 1979 in Münsingen in Baden-Württemberg geborene Mijic auf Exkursion in Wien - und hatte sich sofort in die Stadt verliebt. 2007 bewarb sie sich für eine Stelle als Assistentin am Institut für Soziologie der Uni Wien und arbeitet seither hier - "ein Glücksgriff", wie sie sagt. "Hier hatte ich genügend Freiraum, um mein Forschungsprojekt zu verfolgen.

"In ihrem Projekt, das seit Oktober 2011 durch ein Junior Fellow-Stipendium des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) in Wien unterstützt wird und demnächst in eine Dissertation münden soll, geht Mijic der Frage nach, wie die Menschen im kriegsgeschüttelten Bosnien und Herzegowina mit ihren durch ethnische Konflikte geprägten Identitäten umgehen.

Mit Kriegen und Konflikten hat sich Mijic schon während des Studiums an der Universität Tübingen beschäftigt, als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Friedenspädagogik in Tübingen war sie in Krisenregionen in Sri Lanka und am Balkan tätig. Die Nachwirkungen des Balkankrieges in Bosnien und Herzegowina genauer zu analysieren, lag nahe - schließlich verfügt Mijic, deren Eltern in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland einwanderten, über die entsprechenden Sprachkenntnisse.

"Am Anfang stand die Frage: Wie konstruieren die Menschen nach all diesen Kriegserfahrungen ihre Identität?", sagt Mijic. "Durch Vertreibung, Verfolgung und Ermordung wurden die Menschen gezwungen, sich zu einer ethnischen Gruppe zugehörig zu fühlen, was ihre Selbstwahrnehmung prägte. Heute wird aber von ihnen verlangt, gemeinsam in einem staatlichen Gebilde zu leben." Nach wie vor liegen tiefe Gräben zwischen den Ethnien - Serben, Kroaten und Bosniern. Was sie jedoch eint, ist, dass sie sich jeweils als die Hauptopfer betrachten.

Das hat Mijic in mehreren Forschungsreisen festgestellt, in denen sie quer durch das Land zog und ausführliche Gespräche mit 30 Menschen aller Bevölkerungsgruppen führte. "Ich wollte den Leuten Raum für ihre Erzählungen geben, anstatt einen Fragenkatalog abzuarbeiten", betont die Soziologin. Die Analyse der Feldforschung brachte eine Reihe von Argumentationsmustern zutage, die zeigen, wie die Menschen das Opferbild von der eigenen Ethnie aufrechterhalten.

"Eine Strategie besteht darin, nur Mitglieder der eigenen Ethnie als die wahren Opfer zu betrachten, eine andere stellt die Verbrechen der jeweils anderen als die viel schlimmeren dar", erklärt Mijic. Eine dritte Strategie verbindet alle Gruppen insofern, als der Krieg als eine abstrakte Naturkatastrophe begriffen wird, der über alle herein gebrochen sei - was jedoch die nötige gemeinsame Auseinandersetzung mit der Vergangenheit behindert.

Mijic fand aber auch Anzeichen, dass eine junge, urbane, gebildete Generation durchaus andere Strategien entwickelt - ein Thema, dem sie sich künftig intensiver widmen will. Nach einem Auslandsaufenthalt in den USA oder in Irland, der ebenfalls vom IFK finanziert wird, will Ana Mijic aber wieder nach Wien zurückkehren. Und hat dafür auch ein urösterreichisches Forschungsthema in petto: Korruption und ihre Ausformungen im Alltag. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 4.4.2012)

  • Die Soziologin Ana Mijic beforscht Konflikte.
    foto: privat

    Die Soziologin Ana Mijic beforscht Konflikte.

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