Der große Bedarf an wertvollen Brückenköpfen

3. April 2012, 20:45
2 Postings

Der Austausch von Forschern zwischen Europa und Südostasien soll forciert werden - Die EU präsentiert sich dabei als Partner sowohl für den Top-Standort Singapur als auch für die Schwellenländer der Region

Flächenmäßig zählt Singapur zwar zu den kleinsten Nationen Südostasiens, was Innovation betrifft, ist der Inselstaat aber ein Schwergewicht. Global unter den Top drei der innovativsten Länder der Welt, ist er innerhalb des Verbandes südostasiatischer Staaten (ASEAN) allein an der Spitze.

Eine Tatsache, die auch Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn während ihres Besuchs der Nanyang Technological University in Singapur im März erwähnte. Anlass ihrer Visite ist das EU-ASEAN Year of Science, Technology and Innovation (YoSTI 2012), das als Rahmen für den Wissensaustausch zwischen Forschern aus Südostasien und Europa dienen soll.

Geoghegan-Quinn rührte bei dieser Gelegenheit kräftig die Werbetrommel für das laufende siebente Forschungsrahmenprogramm (FP7). "Mehr als 55 Milliarden Euro werden bis 2013 in FP7-Forschungsprojekte gesteckt werden", sagte sie und betonte: " Das Programm ist offen für alle." Was einer Einladung in Richtung ASEAN gleichkam, sich noch mehr zu beteiligen. Bereits jetzt sind Partner und Institutionen aus ASEAN-Ländern in rund 150 Projekten involviert, hauptsächlich aus den Bereichen Umwelt, Gesundheit, Energie und IKT. Allen voran Thailand, das unter allen ASEAN-Staaten am aktivsten ist, gefolgt von Indonesien und Vietnam. Malaysia, die Philippinen und Singapur sind ebenfalls stark vertreten, Brunei, Kambodscha, Laos und Burma (Myanmar) hingegen sind abgeschlagen.

Globale Problemfelder

Geoghegan-Quinn gab auch einen Ausblick auf das FP7-Nachfolgeprogramm " Horizon 2020", das mit einem Budget von 80 Milliarden Euro dotiert ist, von 2014 bis 2020 laufen wird und die Zusammenarbeit zwischen Forschern aus ASEAN und Europa weiter vertiefen soll. Zugutekommen soll das Programm Schwellenländern in der Region. Schließlich ziele die Kooperation auch darauf ab, dem Mangel an Wissenschaftern und adäquater Forschungsinfrastruktur Abhilfe zu schaffen, sagte sie.

"Die EU geht davon aus, dass die gemeinsame Produktion von Wissen bei globalen Problemfeldern zu besseren Ergebnissen führt", sagt Alexander Degelsegger. "Es geht um die großen, globalen Herausforderungen wie Klimaerwärmung, Epidemien oder den Verlust von Biodiversität." Dafür sollen 32 Milliarden Euro reserviert sein. Degelsegger ist am Wiener Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) beschäftigt und war als Experte des regionalen Dialoginstruments READI (Regional EU-ASEAN Dialogue Instrument) in Singapur.

Seit 2008 existiert das Projekt SEA-EU-NET. Ein Netzwerk, das den biregionalen, forschungspolitischen Dialog zwischen EU und ASEAN fördern soll. Insgesamt nehmen 22 Partner aus Europa und Südostasien daran teil. So ist auch das österreichische Wissenschaftsministerium im Lenkungsausschuss vertreten, während das ZSI als Partner vor allem im Bereich Analyse mit an Bord ist.

Historisch bestehen starke zwischenstaatliche Beziehungen mit Südostasien - nicht selten aus der Kolonialzeit -, beispielsweise zwischen Frankreich und Vietnam oder England und Singapur. "Die EU stellt diesen bilateralen Verbindungen ihr multilaterales Modell gegenüber", sagt Degelsegger. Er weist auf die großen Netzwerkprojekte des FP7 hin, die eine Kooperation von mehreren Einrichtungen erlauben und die entsprechenden Geldmittel zur Verfügung stellen. Weder Japan noch die USA, Letztere engagieren sich verstärkt in der Region, hätten ein Programm, das dem gleichkäme.

"Es ist im FP7 relativ einfach, als Partner in ein Projekt einzusteigen", ergänzt sein Kollege Florian Gruber, ebenfalls ZSI. Er leitet den Bereich Analyse innerhalb des SEA-EU-NET. Ein Forscher aus Laos könne auf diese Weise in einem modernen Labor an der TU Wien arbeiten. "Umgekehrt können österreichische Forscher von einem gut ausgebauten Netzwerk profitieren" , sagt Degelsegger. Was Forschungsausgaben und Forschungsförderung betrifft, verfolgen die ASEAN-Länder einen Top-down-Ansatz.

Zum Teil über staatliche Agenturen wie die National Science and Technology Development Agency (NSTDA) in Thailand oder direkt von den entsprechenden Ministerien wie dem Ristek, dem Technologieministerium in Indonesien. Innerhalb der Region sind unterschiedliche Geschwindigkeiten offensichtlich: Singapur konnte sich als Forschungsdrehscheibe etablieren, manche Länder wie Laos scheinen am Innovationsradar gar nicht erst auf. Den meisten Ländern fehlt schlicht das Geld. So investiert Thailand rund 0,15 Prozent seines BIP pro Jahr in Forschung, Indonesien gar nur 0,08 Prozent, heißt es. "Bei Zahlen aus bestimmten Ländern muss man vorsichtig sein", wirft Gruber ein. In Singapur seien die Zahlen valide. In weniger entwickelten Ländern fehlten die Mittel für Erhebungen.

Anstieg mit Bedenken

Auf der anderen Seite bestehen in diesen Ländern Ängste vor einem Anstieg des Forschungsbudgets. "Selbst Singapur hat Bedenken, niemals die notwendigen Köpfe produzieren zu können", sagt Gruber. Deshalb werden Forscher quasi importiert. " Singapur versteht es, sich gut zu verkaufen. Wissenschaftern werden dort traumhafte Bedingungen geboten – und genau das soll kommuniziert werden", stellt Gruber fest.

In anderen südostasiatischen Ländern stellt man sich allerdings die Frage, wie man jene Köpfe, die im Ausland studieren, wieder ins Land zurückholen könnte. Malaysia beispielsweise versucht es mit Incentives wie einem sicheren Job, einem Auto, Steuerbefreiungen. Aber viele junge Menschen, die einmal in den USA, Australien oder Europa studiert haben, bleiben dort. Es setze sich aber die Erkenntnis durch, meint Gruber, dass diese Forscher, egal wo es sie hinverschlägt, wertvoll seien und eine Brückenkopffunktion im jeweiligen Land haben könnten. (Markus Böhm aus Singapur, DER STANDARD, 4.4.2012)

=> Wisse: Vom Verband zur Gemeinschaft

Wissen: Vom Verband zur Gemeinschaft

Rund 600 Millionen Menschen leben heute in den insgesamt zehn Staaten, aus denen sich die 1967 gegründete Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) zusammensetzt: Brunei Darussalam, Kambodscha, Indonesien, Laos, Burma (Myanmar), Malaysia, die Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam. Hauptsitz des Verbandes ist Jakarta. Das ursprüngliche Ziel war die Verbesserung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenarbeit. Daneben traten später auch Sicherheits-, Kultur- und Umweltfragen. 1971 wurde das ASEAN Permanent Committee on Science and Technology gegründet (PCOST, seit 1978 nur COST) mit dem Ziel, ASEAN in Sachen Wissenschaft und Technologie wettbewerbsfähiger zu machen und Forschungskooperationen zu stärken.

Das spiegelt sich auch im ASEAN Plan of Action on Science and Technology (APAST) und sechs Flagship-Programmen wider, die konkrete Projekte wie den Aufbau einer Functional-Food-Industrie bis 2013 beinhalten. Seit 1989 gibt es den ASEAN Science Fund. Der im Jahr 2000 mit einer Million US-Dollar festgesetzte Beitrag pro Land wurde 2009 erreicht, womit der Wissenschaftsfonds insgesamt über rund 10,25 Millionen Dollar verfügt. Dabei handelt es sich um "arbeitendes Kapital", also um Zinsen, die für regionale Aktivitäten eingesetzt werden. Der Fonds wurde seit dem Jahr 2000 Schritt für Schritt aufgestockt, wirft mehr Zinsen ab, weshalb auch mehr Projekte realisiert werden können. 2010 wurde in Krabi, Thailand, die gleichnamige Initiative beschlossen, die den Fokus von Wissenschaft und Technologie auf Innovation ausdehnt, die Weiterentwicklung und eine Fortsetzung des APAST bis 2015 und darüber hinaus vorsieht. Bis 2015 soll ASEAN zur ASEAN-Community werden. Ein Vorbild dafür: die EU. (max)

  • Artikelbild
    grafik: der standard
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Aufbau von Forschungsinfrastruktur in den Schwellenländern der Region ist eines der Ziele der EU.

Share if you care.