Die Prinzessin darf jetzt tricksen

  • Sanft erneuerte Märchenheldin: Lily Collins in Tarsem Singhs freier 
Gebrüder-Grimm-Variation "Spieglein Spieglein - Die wirklich wahre 
Geschichte von Schneewittchen". 
    foto: emw

    Sanft erneuerte Märchenheldin: Lily Collins in Tarsem Singhs freier Gebrüder-Grimm-Variation "Spieglein Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen". 

Quietschbuntes Schneewittchen-Update: "Spieglein Spieglein" von Tarsem Singh

Wien - Ein verwitweter Alleinerzieher heiratet die schönste Frau im Lande. Dann muss er draußen in der Welt seine Arbeit tun. Als er von dort nicht wiederkommt, fallen sein Besitz, seine Aufgaben und die Verantwortung für seine kleine Tochter der hinterbliebenen Gattin zu. Die Jahre ziehen ins Land, in dem Mädchen erwächst der Stiefmutter vermeintliche Konkurrenz. Sie greift zu drastischen Mitteln.

Spieglein, Apfel, Gift, sieben Zwerge und ein Märchenprinz: Eine Version dieses Stoffes kennt man unter dem Namen "Schneewittchen" aus der Kinder- und Hausmärchensammlung der Brüder Grimm. Fürs Kino hat man die Geschichte jetzt neu adaptiert und sich dabei ein paar Änderungen erlaubt.

Die böse Stiefmutter (Julia Roberts) hat als Erzählerin zunächst die Oberhoheit über die Geschichte. Der Prinzessin ist sie alles andere als zugetan. Aber Schneewittchen (Lily Collins) muss deshalb nicht gleich in den Glassarg. Im tiefverschneiten Wald ausgesetzt, gerät sie an eine kleinwüchsige, siebenköpfige Räuberbande. Diese gewährt dem aufgeweckten Mädchen zuerst widerwillig Unterschlupf in seiner Höhle. Dann erhält das Schneewittchen Unterricht in jenen Fertigkeiten, welche man zum Überleben braucht: Fechtkunst, Faustkampf, Foulspiel.

Auch am lebenden Prinzen (Armie Hammer) lassen sich diese neuen Hobbies bald gut erproben. Inszeniert hat das flotte Märchen-Update Tarsem Singh. Zunächst Videoclip-Regisseur, hat sich Singh bereits 2000 mit seinem Kinodebüt "The Cell" als bildgewaltiger Erzähler empfohlen. Damals statteten Production Designer Tom Foden und die japanische Kostümbildnerin Eiko Ishioka das surreale (Alp-)Trauminnenleben eines Killers aus. Beide waren an Folgeprojekten des Regisseurs beteiligt (Ishioka ist im Jänner 73-jährig gestorben).

Mit "Spieglein, Spieglein" haben sie eine schräge Märchenwelt entworfen: farbenprächtig und detailversessen, mit Wolkenschloss und Ziehharmonika-Beinkleid, gefältelt, frisiert, gesteckt und gestickt, vom frechen Schwanenhütchen bis zum Cul de Paris - dem ausgepolsterten Rockhinterteil - als Zwergenunterschlupf.

Treffsichere Stiefmutter

Julia Roberts scheint die Rolle als Stiefmutter-Bitch und Schönheitskönigin zu genießen, nicht nur wegen der extravaganten Roben und der (großteils gebauten und nicht nur simulierten) spektakulären Kulissen.

Auch ihre Sätze sind nicht ohne. Die schnellen, treffsicheren Dialoge schlagen die Brücke zur Gegenwart. In ihrer Formelhaftigkeit persiflieren sie Coachingphrasen, in Anspielungen werden Bezüge zur äußeren Wirklichkeit hergestellt - "too small to fail", lautet etwa ein Leitspruch der Zwergenökonomie. Ein kurzweiliger, harmloser Spaß fürs lange Osterwochenende. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 4.4.2012)

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