Wie Kegelschnecken Schmerzpatienten helfen können

8. April 2012, 19:51
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Bereits kleinste Mengen ihres Giftes kann die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen blockieren

Die in tropischen Meeren lebenden Kegelschnecken gehen mit giftigen Pfeilen auf Opferfang. Die Substanz, mit der ihre Harpunen versehen sind, wirkt in der Regel für die angeschossenen Fische sofort tödlich, schließlich sind die langsamen Weichtiere kaum in der Lage, ihre Beute länger zu verfolgen ehe diese sterben. Bestandteile dieses Giftes können in kleinsten Mengen die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen blockieren. Damit sind sie potenziell als neuartige Schmerzmittel geeignet. Deutsche Forscher haben nun die Struktur und Wirkung verschiedener Formen des Kegelschneckentoxins µ-PIIIA aufgeklärt.

Gut versteckt im Schlamm wartet die Kegelschnecke Conus purpurascens auf ihre Opfer. Die wurmartig bewegte Atemröhre der Schnecke ragt aus dem Schlamm hervor und lockt Beute an. Kommt ein Fisch neugierig näher, schießt die Schnecke blitzschnell ihre giftige Harpune auf ihn ab, die sich aus einem Zahn ihrer Raspelzunge entwickelt hat. Das gelähmte Opfer lässt sich anschließend leicht von der Schnecke verspeisen. Rund zwei Wochen braucht die giftige Kegelschnecke, um den Fisch zu verdauen. In dieser Zeit regeneriert sich auch wieder ihre Gift-Harpune.

Schmerzmittel ohne Suchtgefahr

"Wir interessieren uns für die Nervengifte der Kegelschnecke, die Conotoxine heißen", sagt Diana Imhof vom Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn, die das Projekt leitet. Sie wirken in kleinsten Mengen, unterbrechen sehr selektiv die Signalübertragung in den Nervenbahnen und können damit die Schmerzweiterleitung gut blockieren. Damit sind diese Toxine sehr interessant für die Entwicklung von Schmerzmitteln für terminal Krebskranke oder Patienten mit chronischen Schmerzen, bei denen keine anderen Therapeutika mehr eingesetzt werden können. "Der Vorteil solcher Conotoxine ist, dass sie nicht abhängig machen", berichtet die pharmazeutische Chemikerin. "Da das von uns untersuchte Peptid im Körper recht schnell abgebaut wird, braucht man aber stabilere Formen zur Verabreichung."

Die Bonner Forscher arbeiteten mit Stefan H. Heinemann vom Lehrstuhl für Biophysik der Universität Jena, Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Altersforschung Jena und der TU Darmstadt zusammen. "Das für die Wirkstoffuntersuchung interessierende Gift Conotoxin µ-PIIIA kommt nur in außerordentlich geringen Mengen in den marinen Kegelschnecken vor", sagt Erstautorin Alesia A. Tietze. Den Wissenschaftlern gelang es jedoch, das spezielle Gift in größerem Umfang auf chemischem Wege im Labor für weitere Untersuchungen herzustellen. "So konnten wir die Struktur verschiedener Varianten des Conotoxins µ-PIIIA mit Hilfe der Kernresonanzspektroskopie aufklären und deren unterschiedliche Wirkung untersuchen", sagt die Wissenschaftlerin.

Dogma widerlegt

Bei dem besagten Gift handelt es sich um eine Substanz, bei dem verschiedene Aminosäuren wie bei einer Perlenkette aufgereiht sind. "Diese Kette kann sich auf verschiedene Weise verknäueln und so unterschiedliche dreidimensionale Strukturen ausbilden", erläutert Imhof. Bisher glaubte man, dass nur eine einzige dieser Formen eine biologische Wirkung entfaltet. "Genau dieses Dogma konnten wir aber widerlegen", berichtet die Bonner Wissenschaftlerin. "Wir haben drei aktive Faltungen des Peptids mit ähnlicher Wirkung identifiziert - wahrscheinlich gibt es sogar noch mehr." Diese Varianten unterscheiden sich jedoch leicht hinsichtlich ihrer biologischen Wirkung und sind daher wertvolle Startstrukturen für eine Weiterentwicklung hin zu Schmerzmitteln.

Daher wollen die Wissenschaftler weitere Untersuchungen durchführen, um noch mehr über diese unterschiedlichen Faltungsvarianten des Conotoxins µ-PIIIA herauszufinden. Es wird jedoch noch Jahre dauern, bis möglicherweise Patienten davon profitieren. "Unsere Untersuchungen befinden sich noch im Stadium der Grundlagenforschung", sagt Imhof. (red, derstandard.at, 3.4.2012)

  • Alesia A. Tietze (links) und Diana Imhof haben gemeinsam mit Kollegen Struktur und Wirkung verschiedener Formen des Kegelschneckentoxins µ-PIIIA aufgeklärt.
    foto: volker lannert/uni bonn

    Alesia A. Tietze (links) und Diana Imhof haben gemeinsam mit Kollegen Struktur und Wirkung verschiedener Formen des Kegelschneckentoxins µ-PIIIA aufgeklärt.

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