Mein Name ist Hase

5. April 2012, 06:15
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Jedes Jahr dasselbe Gerücht: Der Schoko-Osterhase soll in seinem früheren Dasein ein Nikolaus gewesen sein. Ein süßes Doppelleben?

Bart weg, Mütze ab und kräftig an den Ohren gezogen - schon wird aus der Schoko-Weihnachtsfigur ein niedlich kauernder Hase. Führt das gold-, lila-, blau- oder braungewandete Tier ein Doppelleben? Ein Szenario, das sich ins Bewusstsein vieler gefressen hat: Der Handel kennt kein Mitleid, Restposten werden eilends aus den Regalen geräumt, entstaniolisiert, eingeschmolzen und ihrer künftigen Bestimmung entsprechend in neue Formen gegossen und in neue Ummantelung gezwängt. Soweit die Theorie. Denn der Mythos des wandelbaren Nikolos zum Osterhasen und zurück lebt.

"Völlig zu Unrecht", wie Roman Hauswirth, Geschäftsführer des gleichnamigen burgenländischen Süßwarenproduzenten, im Gespräch mit derStandard.at, meint. "Uns ist kein Hersteller bekannt, der seine Figuren einschmilzt." Jährlich verarbeiten rund 120 Hauswirth-Mitarbeiter etwa 2.000 Tonnen Schokolade. 60 Prozent davon werden in Österreich verkauft, der Rest entfällt auf den Export in die EU, nach Kanada, Südafrika, Australien und China. Hauptprodukte sind der 150 Gramm schwere Stehhase und der 60-Gramm-Sitzhase aus Milchschokolade. Was die Stückzahl der Schoko-Tiere betrifft, spricht Roman Hauswirth lieber in Bildern: Würde sich Hase an Hase schmiegen, entstünde eine Glitzerkette vom Neusiedler- bis zum Bodensee.

Die Wochen vor Weihnachten und Ostern sind für die Süßwarenbranche die wichtigste Zeit des Jahres. Verschmähte Schoko-Figuren werden nach Saisonende vom Handel in der Regel günstiger abgegeben, sprich, kurzerhand verramscht. In den Schmelzofen kämen sie aber keinesfalls. Hauswirth: "Es bleibt mir ein Rätsel, warum sich dieser Mythos in den Köpfen der Konsumenten festgesetzt hat." Da eine Wiederverwertung größtenteils per Hand durchgeführt werden müsste, würde das Endprodukt dem Kunden ein sprichwörtliches Ei legen: Der "geklonte" Hase wäre erheblich teurer als sein frisch produzierter Bruder.

Käsiger Geschmack

Rein theoretisch wären Einsammeln, Ausziehen und Einschmelzen möglich. Dunkle Schokolade würde sich dabei - je nachdem wie lange und unter welchen Bedingungen die Schokofigur gelagert wurde - besser eignen als das Pendant aus Vollmilch. Dennoch ist die Prozedur laut Meinung von Chocolatier-Experten aber auf keinen Fall empfehlenswert. Thomas Böhm, Produktionsleiter und verantwortlich für die Schokoladenproduktion bei Manner Austria zu derStandard.at: "Beim Einschmelzen von Schokolade, also bei zweimaligem Behandeln von Milchpulver wird Milchsäure freigesetzt. Das führt nicht nur zu Qualitätsverlust, sondern auch zu Geschmacksveränderung. Die Schokolade schmeckt leicht käsig."

Auch bei Kraft Foods (Milka) ist nach dem Fest bereits vor dem Fest: Sobald die Osterhasenproduktion abgeschlossen ist, beginnen die Vorbereitungen auf Weihnachten. "Der Mythos, dass übrig gebliebene Osterhasen eingeschmolzen und zu Nikoläusen verarbeitet werden, gehört ins Reich der Sagen. Sind die Saisonprodukte einmal im Handel, entscheidet der Händler, was mit den Restposten geschieht", stellt Heidi Hauer, Pressesprecherin Kraft Foods Österreich, klar. Darüber hinaus beliefert Kraft Foods Sozialmärkte in ganz Österreich bereits vor dem Osterfest mit Schmunzelhasen & Co.

Der Anteil an Saisonware ist bei Manner Austria mit zehn Prozent relativ gering. Das Unternehmen ist laut eigenen Angaben der einzige Süßwarenhersteller Österreichs, der seine Schokolade noch selbst produziert. Die Kakaobohnen werden zugekauft, geröstet, gemahlen und zum fertigen Produkt weiterverarbeitet, so Pressesprecherin Karin Höfferer - eine Metamorphose von Schokomensch zu Schokotier ein "No-Go". Nicht abgenommene Ware wird ebenfalls caritativen Einrichtungen spendiert.

Anderes Land, gleicher Tenor in Sachen "Schoko-Recycling": Lindt & Sprüngli weist solche Vorgangsweisen vehement zurück. "Wir produzieren nur auf Bestellung vom Handel", so Nina Keller, Pressesprecherin am Schweizer Firmensitz auf Anfrage. "Sobald die Goldhasen das Werk verlassen haben, werden sie nicht mehr zurück genommen, zumal das Einschmelzen unserem Qualitätsversprechen und jeglichen Wirtschaftlichkeitsaspekten widersprechen würde." Was nach den Feiertagen noch übrig ist, wird vom Handel zu reduzierten Preisen abgesetzt. Goldhasen, die in den Werken übrig bleiben, werden an Mitarbeiter und soziale Einrichtungen in der Region verschenkt. "Multifunktionale Formen" - ausgepackter Hase gleicht ausgepacktem Weihnachtsmann - sind tabu. Keller: "Wie auch? Unser Santa Claus steht, unser Hase sitzt." (ch, derStandard.at, 5.4.2012)

Wissen

Rund 178 Mio. Euro gaben die Österreicher für das Osterfest im vergangenen Jahr aus, heuer wird laut einer Umfrage der Markant Market Research mit 195 Mio. Euro (+9 Prozent) gerechnet.

Insgesamt wollen 53 Prozent der Österreicher zu Ostern Geschenke verteilen. Das durchschnittlich geplante Osterbudget wird laut Prognose von 48 Euro im Vorjahr auf 55 Euro steigen.

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    foto: hauswirth

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    In der Branche wird nicht doppelt gemoppelt. Ob Schokomensch oder ...

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