"Shameless": Keine Zeit für Make-up

Die Figuren in der US-Serie "Shameless" spielen ohne Schminke - Weil es um maximale Authentizität geht, sagt Hauptdarstellerin Emmy Rossum - Es funktioniert: Von kaputten Typen wie jenen des Säufers Frank hört sie oft

Wien - Was für eine Familie: Der arbeitslose Vater säuft bis zum Umfallen, der eine Bruder prügelt sich in Ringkämpfen grün und blau, der andere lebt nach der überraschenden Entdeckung homosexueller Neigungen selbige intensiv aus. Dazwischen klopft die verwahrloste Mutter und will plötzlich Erziehungsaufgaben übernehmen. Über all dem wacht Fiona Gallagher, die älteste Tochter des irischen Trunkenbolds Frank. Die familieneigene Pflegemutter hat alle und alles im Griff. Mit sanfter Selbstverständlichkeit hält sie zusammen, was ständig auseinanderzufallen droht.

Immer wieder erzählen ihr Menschen, jemanden wie Frank Gallagher zu kennen oder gar mit ihm zu leben, sagt Emmy Rossum. "Beängstigend, aber irgendwie witzig", findet das der weibliche Star der US-Serie Shameless: "Wir zeigen eine richtige Familie in einer realen Situation."

Die Pilotfolge bescherte Showtime 2011 das beste Ergebnis seit sieben Jahren. Konkurrenten wie Die Tudors und Dexter wurden klar abgehängt. In Österreich läuft das abgründige Serienepos im Abokanal Fox bei Sky, ab 16. April in der zweiten Staffel. Am Samstag, 14. April, können TV-Junkies zehn Stunden die schrägen Abenteuer im Kino verfolgen: ab 14 Uhr in der Wiener UCI Kinowelt Millennium City.

Unverblümt

Rossum blieb das Schicksal ihrer Figur erspart, sie kommt aus gesicherten Verhältnissen. Mit 25 Jahren hat die trainierte Opernsängerin bereits etliche Auftritte in der Metropolitan Opera hinter sich. Mit Shameless landete sie in einer weit weniger glamourösen Ecke: " Ich suchte eine Herausforderung. Es sollte ein Unterschied zu allem sein, was ich bisher gemacht habe", sagt Rossum im Gespräch mit dem Standard.

Kein Make-up lautete etwa die Vorgabe von Serienerfinder Paul Abbott, für heutige Verhältnisse ein geradezu schamloses Unterfangen: "Die meisten der Charaktere leben ein Leben, das ihnen im wirklichen Leben kaum Zeit für Make-up ließe", argumentiert Rossum das Bemühen um größtmögliche Authentizität. Vor der Kamera war das für die ungeschminkte Rossum befreiend: "Weil man als Schauspieler daran erinnert wird, was wirklich wichtig ist, um die Figur darzustellen."

Showtime adaptierte Shameless nach dem gleichnamigen britischen Original. Auf Channel 4 endete kürzlich die neunte Staffel. Abbott gehört zu den gefragtesten TV-Autoren. In Großbritannien schreibt er etwa für die Langzeitserie Coronation Street. Shameless betreut er in der alten und neuen Welt: "Er kommt mehrere Male, um sicherzustellen, dass wir es nicht vermasseln", erzählt Rossum. Abbott verarbeitet autobiografische Elemente: "Wir achten darauf, besonders sorgsam mit seinen Erinnerungen umzugehen." Die Darstellung der Familie in Shameless bilde die Realität ab, sagt Rossum: Dysfunktionen habe es immer schon gegeben, nun würden sie eben auch im Fernsehen gezeigt.

Möglich sei das allerdings nur in Kabelstationen, sagt Rossum. Eine Show in den großen Sendern ABC, CBS oder NBC über Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Gewalt? " Unvorstellbar, nicht in der unverblümten Art, wie wir das zeigen", sagt Rossum.

Ihre liebste Familienserie waren übrigens Golden Girls. Die alten Ladys mit dem schnellen Mundwerk schätzte sie "wie eine Familie". (Doris Priesching, DER STANDARD, 3.4.2012)

 

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