"Irgendwann wird jeder Vierte Postmigrant sein"

Porträt2. April 2012, 17:32
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Regisseur Nurkan Erpulat wurde mit seinem Stück "Verrücktes Blut" zum Helden des postmigrantischen Theaters

Im Volkstheater probt er jetzt Gorkis "Kinder der Sonne". Ein Porträt von Margarete Affenzeller.

Wien - Für Nurkan Erpulats Stück Verrücktes Blut, in dem der Deutschunterricht in einer Multikulti-Schulklasse grotesk-terroristische Züge annimmt, sind derzeit kaum Karten zu bekommen. Die Koproduktion der Garage X mit der new space company muss aus Platzgründen in das Palais Kabelwerk ausweichen. Was ist los?

Verrücktes Blut ist das Stück zur Stunde. Die am Ballhaus Naunynstraße uraufgeführte Groteske um einen Haufen migrantischer Jugendlicher, die von ihrer Lehrerin mit vorgehaltener Schusswaffe die Werte der europäischen Aufklärung vermittelt bekommen - sie hat Karacho und wurde auch durch eine Einladung zum Theatertreffen geadelt. Sie katapultiert auf tollkühne, emotional aufwühlende, politisch unkorrekte Weise so manche lauwarm geführte Integrationsdebatte nach vorne.

Label "Postmigrantisch"

Mit diesem Stück wurde Nurkan Erpulat (Koautor ist Jens Hillje) zum Star des postmigrantischen Theaters in Deutschland. Und sobald man ihm gegenübersitzt, merkt man, dass er die ihm dabei zugefallene Rolle des " türkischen Regisseurs" schon ein wenig leid ist, aber kettenrauchend natürlich erfüllen wird. Auch wenn der Begriff "postmigrantisches Theater" erst recht eine Nischendasein implementiert, so ist es für Erpulat dennoch sehr wichtig, dass es das Label gibt:

"Was sind die Alternativen? Seit wie vielen Jahrzehnten gibt es eine intensive Arbeitsmigration im deutschsprachigen Raum, und wie schlägt sich das kulturell nieder?! Natürlich wäre es besser, wenn die Verantwortlichen sich selbst darum bemüht hätten, die sich verändernde Gesellschaft auf ihren Bühnen abzubilden, aber sie haben es nicht getan. Irgendwer sagte unlängst: ,Wir haben türkische Schauspieler gesucht, aber nicht gefunden.' Häh? Wo haben die gesucht? In türkischen Imbissen? Die Diskussion kommt mir schon bescheuert vor. Ihr müsst was ändern, sonst werden die Probleme noch größer. Siehe die Anschläge in Paris, London usw. Es geht nicht darum, mir Arbeit zu beschaffen, es geht ja um euch, um das, was gut für euch ist."

Nurkan Erpulat wurde 1974 in Ankara geboren und kam nach einer Schauspielausbildung in Izmir als 25-Jähriger zum Regiestudium nach Berlin. Hier fühlt er sich noch immer als Ausländer und sagt lieber "ihr" als "wir". Derzeit ist er Hausregisseur in Düsseldorf, doch richtig heimisch ist er nicht, "auch London oder Madrid sind schöne Plätze", meint er.

Doch noch einmal zurück: Nurkan Erpulat hätte nach seinem Regieabschluss an der Ernst-Busch-Schule zwar gern Kleist inszeniert, doch niemand hatte daran Interesse. "Dabei war ich gar nicht schlecht, wirklich nicht. Ich war aber in erster Linie der türkische Regisseur", dem man das nicht zutraute. Mit dem Beschluss der deutschen Regierung 2005, Theaterhäuser gezielt interkulturell zu öffnen - was in anderen Sparten wie Oper oder Tanz längst Realität war -, hat sich das geändert.

In der Folge avancierte vor allem das Berliner Ballhaus Naunynstraße unter der Leitung von Shermin Langhoff zur Vorzeigeadresse für postmigrantisches Theater. Langhoff wurde mittlerweile gemeinsam mit Markus Hinterhäuser ab 2014 in die Schauspielleitung der Wiener Festwochen berufen, ein politisches Zeichen der rot-grünen Wiener Stadtregierung, die darauf reagiert, dass Migranten im Kulturleben massiv unterrepräsentiert sind.

Derzeit probt Erpulat Maxim Gorkis Kinder der Sonne am Volkstheater, ein Kammerspiel, das eine marode, unruhige russische Gesellschaft in Erwartung der Revolution abbildet. Und auch darin geht es um getrennte Welten, Menschen unterschiedlicher Klassen, die zunächst aneinander vorbei und dann gegeneinander einem Umbruch entgegengehen.

"Ich lese Gorki heutig, aber ich cancelle den historischen Background nicht", so Erpulat in Bezug auf seine Inszenierung, die am 27. April Premiere hat. Und er spricht die Parallelwelten an: "Gorkis Figuren sind ja Vertreter der Intelligenzia, Wissenschafter, Künstler und deren gut ausgebildete Frauen, die unter ihrer Beschäftigungslosigkeit leiden, aber ist das gemeine Volk, sind Betrunkene und Arme auch ,Kinder der Sonne'? Nicht wirklich. Die werden immer untergehen. Man redet von Idealen, aber man merkt, dass in dem Ideal nicht alle inbegriffen sind."

Dummheit oder Faschismus

Wie das Aufeinanderprallen von Parallelwelten fühlt sich für den Regisseur auch so manche Postmigranten-Diskussion an. "Ein Theaterleiter hat jüngst auf einem Podium gesagt: Man brauche neben den Stücken mit Migrantenthemen ja kaum türkische Schauspieler. Wissen die Leute, was sie da reden!? Ist das Dummheit oder faschistoid?! Ich habe ihm geantwortet: ,Wo haben Sie bei Hamlet denn Ihre dänischen Schauspieler hergenommen!?' Ich verrate hiermit: Meine Gorki-Schauspieler sind keine Russen."

Wo geht die Entwicklung des postmigrantischen Theaters hin? Erpulat: " Ich hoffe sehr, dass das postmigrantische Theater keine Modeerscheinung ist, sondern irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird. Irgendwann wird jeder Vierte oder gar Dritte ein Postmigrant sein. Mit Migrationshinter- oder -vordergrund (lacht)." (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 3.4.2012)

  • Nurkan Erpulat wollte Kleist inszenieren, wurde aber zuerst als 
Galionsfigur des postmigrantischen Theaters benötigt.
    foto: standard/robert newald

    Nurkan Erpulat wollte Kleist inszenieren, wurde aber zuerst als Galionsfigur des postmigrantischen Theaters benötigt.

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