Knallbunte Provokationen für die Zukunft

  • Diese Frau schießt ungewöhnlich scharf: Ursula Andress ist in Elio Petris 
"Das 10. Opfer" als verführerische Amerikanerin auf Beutezug in Rom.
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    Diese Frau schießt ungewöhnlich scharf: Ursula Andress ist in Elio Petris "Das 10. Opfer" als verführerische Amerikanerin auf Beutezug in Rom.

Das Kölner DVD-Label Bildstörung erweitert den Markt um Rares und Grenzgängerisches: Elio Petris popfuturistische Mediensatire "Das 10. Opfer" mit Marcello Mastroianni ist das jüngste Beispiel

Wien - Bevor der tödliche Schuss kommt, dankt der Täter noch rasch dem Sponsor der Sendung. In Elio Petris "Das 10. Opfer" ("La decima vittima"), einer hellsichtigen Science-Fiction-Satire aus dem Jahr 1965, sind die Ausmaße der TV-Verkommenheit nur ein klein wenig größer als in der Gegenwart. Der staatlich getragene Feger im Fernsehen ist eine Show, in der sich Menschen gegenseitig abknallen (oder auch mittels Sprengstoff in die Luft jagen), jeder Spieler ist abwechselnd Jäger und Gejagter, und wer am Ende übrigbleibt, dem winkt eine schöne Stange Geld.

Petris knallbunte Komödie, die mit einem blondierten Marcello Mastroianni und einer aus dem Bikini-Oberteil feuernden Ursula Andress eine prominente Besetzung aufweist, ist für das unabhängige Kölner DVD-Label Bildstörung eine charakteristische Veröffentlichung. Seit 2008 setzt das von Carsten Baiersdörfer and Alexander Beneke gegründete Unternehmen auf einem zunehmend mit Trash überschwemmten deutschen DVD-Markt auf Distinktion.

Dass es bei Elio Petris Film um eine poppig-anarchische Spielart von Medienkritik geht, passt gleich mehrfach ins Konzept. Bei Bildstörung - der Titel ist nicht ohne Hintersinn - erscheinen ausschließlich Filme, die sich über ihre eigensinnige Ästhetik einen Kultstatus erarbeitet haben oder/und nicht selten mit von der Mehrheit getragenen Werte- und Geschmacksvorstellungen brechen: Ein Kino irgendwo an der Abzweigung zwischen Exploitation, radikalem Autorenfilm und übersehenen Raritäten, das die Wohlanständigkeiten von Arthouse-Formaten umgeht.

Freunde der Transgression

Bereits der erste Titel, der bei Bildstörung erschienen ist, Agostí Villarongos "Im Glaskäfig" ("Tras el cristal", 1986), gab die Richtung vor und wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur herausgebracht. Die zwischen Thriller und grellem Psychogramm eines NS-Täters changierende Arbeit löste in den 80ern kontroverse Reaktionen aus, gilt inzwischen aber als umjubelter "Film maudit", der zur Konventionalität vieler Historiendramen vollkommen quersteht.

Mit Andrzej Zulawskis ins Fantastisch-Surreale neigender Beziehungsstudie "Possession" (mit einer großartigen Isabelle Adjani) findet sich ein weiteres Beispiel eines transgressiven Kinos im Programm; Rolf de Heers bizarres Familiendrama "Bad Boy Bubby" oder "Lärm & Wut" vom französischen Anti-Naturalisten Jean-Claude Brisseau wiederum sind herausfordernde Beispiele einer alternativen Form von Sozialdrama.

Was im angelsächsischen Raum, nicht nur bei Label-Flaggschiffen wie Criterion und Masters of Cinema, schon selbstverständlich ist, findet sich auch bei Bildstörung: eine editorische Sorgfalt, die Bonus-Materialien, Textmaterial und die Verpackung der DVDs miteinschließt und an das Sammlerherz appelliert - für den schnellen Verbraucher gibt es mittlerweile auch billigere Varianten ohne Extras.

Im Fall von "Das 10. Opfer" greift etwa auch das hübsche Cover die in Comicfarben gehaltene sowie mit verspielt-futuristischen Kostümen und Sets durchsetzte Ausstattung auf. Ähnlich wie der drei Jahre jüngere "Barbarella" betreibt auch Petris Film ein ironisches Spiel mit sexuellen Reizen - Mastroiannis Latin-Lover-Figur wird von einer "sexuell frustrierten" Amerikanerin gejagt.

In dem Spiel um Eros und Thanatos, die Gefahr wechselseitiger Attraktionen, die der Film in seinem Faible für falsche Umhüllungen und inszenierte Settings gerne auf die Spitze treibt, vermag man auch eine Auseinandersetzung mit dem zeitgleichen seriösen Kino der Entfremdungen eines Michelangelo Antonioni erkennen. Auch in diesem Sinne erweitert Bildstörung das Repertoire. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 3.4.2012)

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