Ein Spiegelseufzer der Natur

  • Meister zitternder Oberflächen: Andrej Tarkowskij.
    foto: filmmuseum

    Meister zitternder Oberflächen: Andrej Tarkowskij.

Am 4. April wäre der russische Filmemacher Andrej Tarkowskij 80 Jahre alt geworden

Wien - Ein geschnitzter Spiegelkasten - eine sogenannte "Chiffonniere" - ist der heimliche Hauptdarsteller in Andrej Tarkowskijs Film Der Spiegel (1973). Spiegel, auch Spiegelflächen wie die zitternden Oberflächen schmaler Gewässer, bilden das Reflexionsmedium in Tarkowskijs Kinokunstwerken. Sieben große Filme drehte der bedeutende Regisseur der Sowjetunion. In ihnen gibt es kaum etwas zu sehen, zu erfahren von der sozialistischen Lebenswelt. Tarkowskijs Landschaften ähneln Übergangsgebieten. Durch ihre Tableaux fließen kaum merkliche Strömungen: Erhebt ein unsichtbarer Wind den Atem, scheint selbst noch das natürliche Licht wie durch ein Prisma hindurchzugehen.

Mit der sozialistischen Zeitrechnung konnte und wollte der Einzelgänger Tarkowskij - er wäre am 4. April 80 Jahre alt geworden - offensichtlich nichts zu tun haben. Gewiss, in Iwans Kindheit (1962) opfert sich ein weißblonder Bub im Großen Vaterländischen Krieg für die Heimat auf. Leuchtraketen steigen über einer urzeitlichen Wasserlandschaft auf. Iwan erlebt in Rückblenden jene unbeschwerte Kindheit, die ihm durch das völlig unbegreifliche Geschehen des Krieges geraubt wird. Das "Reale" sind tote Birken im Frontgebiet. Die Wahrheit ist ein Licht, das in den Kindheitsbrunnen gefallen ist. Klein-Iwan greift nach dem Stern im Ziehbrunnen, zerstört jedoch sein Ebenbild. Nur im Spiegel aber, so er unversehrt geblieben wäre, hätte die Wahrheit Bestand gehabt.

Kunst ist in Tarkowskijs betörender Traumwelt ein strenges, nach ethischen Maßregeln zu bewertendes Geschehen. Man weiht sich ihr, wie der Mönch Andrej Rubljow (1966). Man leistet aber auch Verzicht auf sie, wie der rätselhafte Eremit Domenico (Nostalghia, 1983), dessen einsturzgefährdetes Haus einer bizarren Urlandschaft gleicht, in der Moosbänke zu buckligen Kontinenten werden, der Boden zur regennassen Sumpflandschaft.

Feuer der Reinigung

Domenico wird sich am Forum Romanum auf den Rücken eines Bronzepferdes stellen, um den Menschen Spiritualität zu predigen. Nach getaner Arbeit übergießt er sich mit Benzin und zündet sich an. Im Kosmos Tarkowskijs bleibt das Feuer das wirkungsvollste Medium der Reinigung: In seinem Schwanengesang Opfer (1985) geht das Holzhaus des Helden Alexander (Erland Josephson) zwischen Krüppelkiefern in Flammen auf. Krankenpfleger versuchen den tobenden Brandstifter einzufangen, die Kamera blickt währenddessen lange unbewegt auf das Bild, als wäre bereits ein flüchtiger Lidschlag ein unverzeihliches Verbrechen.

Tarkowskij, der im Umgang mit den sowjetischen Filmbehörden eiserne Sturheit bewies, war Sohn des Lyrikers Arsenij Tarkowskij: eines Überlebenden der Stalin'schen Säuberungen, der als Übersetzer davonkam. Arsenij verließ recht bald nach Andrejs (und dessen Schwester) Geburt die Familie. Der Knabe sah, wie die Mutter sich und die Kinder als Druckereiangestellte durchbrachte. Die Sommeraufenthalte am Land lieferten das Bildmaterial für die späteren Filmmeisterwerke: das unerklärliche Wogen der Pflanzen, als seufze die Natur schmerzlich auf. Die Mutter - ihr setzt Tarkowskij in Der Spiegel ein Denkmal - briet abends Pflanzentriebe in Lebertran heraus. Der Hunger ist in den ersten sowjetischen Nachkriegsjahren ganz bestimmt nicht nur ein spiritueller gewesen.

Man hat Tarkowskij als Metaphysiker abzutun versucht: als humorlosen Gottsucher. Vor der Gewalt seiner Bildwelt verstummen jedoch auch Atheisten. Sein Konzept der Erinnerung schließt versteckte Seelenbezirke auf: Sichtbar werden die Regungen der Menschen im Medium des Spiegels, der seine Wahrheit niemals unverzerrt preisgibt.

Die Spiegeltür des eingangs erwähnten Kastens gab es wirklich: Das Möbelstück war aus dem Besitz der Großmutter auf die Tarkowskijs übergegangen. Der Kasten mit dem Schnitzwerk und den Einlegeböden überlebte die vielen Umzüge nicht. Nur der Spiegel blieb übrig, und der Knabe Andrej versuchte ein und das andere Mal, ein Zündholz an der glatten Oberfläche zu entzünden. Der Schwefel hinterließ lange, hässliche Spuren. Und um ihretwillen sind die Spuren der Erinnerung immer auch gezeichnet: von den fantastischen Entstellungen poetischer Traumarbeit.

Die Geschichte vom Spiegelkasten erzählt Tarkowskijs Schwester Marina in ihrem empfehlenswerten Erinnerungsbuch Splitter des Spiegels (edition ebersbach). Die Filme Tarkowskijs - er starb 1986 im Pariser Exil allzu früh an Krebs - sind auf DVD erhältlich. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 3.4.2012)

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