"Das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles"

Interview2. April 2012, 17:00
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Senatorin Esther Benbassa: Vorstadtbewohnern bleibt der soziale Aufstieg wohl für immer verwehrt

Die Lage in den Vororten der großen französischen Städte bleibt trist. Ihren Bewohnern bleibt der soziale Aufstieg wohl für immer verwehrt, analysiert die Senatorin Esther Benbassa im Gespräch mit Stefan Brändle.

STANDARD: War die Mordserie von Mohamed Merah in Toulouse ein Einzelfall? Oder erinnert sie an den Banlieue-Jugendlichen Khaled Kelkal, der 1995 mit den algerischen GIA-Islamisten in Verbindung geriet und Terroranschläge inszenierte?

Benbassa: Und als weitere Parallele platzierte Kelkal eine Bombe vor einer jüdischen Schule in Lyon. (Es gab 14 Verletzte, Anm.) Die Ähnlichkeit ist in der Tat groß, sowohl in Bezug auf das Profil der Täter wie auch ihrer Herkunft aus diesen desolaten Banlieue-Ghettos. Das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles. Mehr jedenfalls als wenn man einfach sagt, Merah sei "verrückt" gewesen.

STANDARD: War denn Merah, der im Internet Enthauptungen anschaute und eiskalt Kinder erschoss, kein Psychopath?

Benbassa: Damit macht man es sich zu leicht. Wie man von starken Hassgefühlen mit einem Mal zur Tat schreitet, bleibt auch für Psychologen ein Rätsel. Merah war kein herkömmlicher Serienmörder, wie es Vergewaltiger oder andere Triebtäter oft sind. Er bereitete seine Taten minutiös vor, er identifizierte sich mit der palästinensischen Frage und mit einer radikal antiwestlichen Ideologie. Das ist nicht die Art eines Psychopathen. Es genügt ja auch nicht zu sagen, Adolf Hitler sei ein "Verrückter" gewesen.

STANDARD: Wie wichtig war der religiöse Aspekt im Fall Toulouse?

Benbassa: Mit Religion hatte das nur an der Oberfläche zu tun; schließlich trank Merah Alkohol, er ging in Diskotheken, kleidete sich französisch. Und plötzlich ging er nach Afghanistan, um sich in den Taliban-Camps ausbilden zu lassen und zu Al-Kaida zu gehören! So war Kelkal 1995 in den algerischen GIA eingetreten und entführte 2006 Youssouf Fofana, einen jungen Juden, und folterte ihn zu Tode.

STANDARD: Weil das Opfer Jude war? Sind solche Akte "antisemitisch"?

Benbassa: Ja, wenn einer wie Merah ein jüdisches Kind an den Haaren packt, um es anzuschauen und zu erschießen, erinnert mich das an Vorgänge in Polen im Zweiten Weltkrieg. Diese Kelkals, Fofanas und Merahs verabscheuen die Juden, weil diese - wie sie meinen - gesellschaftlich reüssieren, in den Medien sind und weil sie Palästinenser töten.

STANDARD: Warum kommt die Integration dieser Vorstädte und ihrer Bewohner in Frankreich nicht voran?

Benbassa: Weil Frankreich diese Leute gar nicht integrieren will. Das französische Gesellschafts- und Schulsystem bleibt sehr elitär, fast aristokratisch. An den Topschulen findet man die Kinder der Pariser Elite, die sich auf diese Weise reproduziert. Aus der Vorstadt gelangt man kaum hinein. Der soziale Aufstieg ist fast völlig blockiert, und diese Jungen bleiben Bürger zweiter Klasse. Sie bleiben ausgeschlossen von der Gesellschaft, zurückgeworfen auf ihre Trabantenstädte, wo vielleicht gerade mal zwei Bus-Linien hinführen. Im Viertel selbst herrscht Wohnungs- und Arbeitsmisere, 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, keine Freizeitaktivitäten, keine Bibliotheken, dafür aber zerrissene Familien, häufig ohne väterliche Bezugsbilder.

STANDARD: Stichwort Autoritätsverlust ...

Benbassa: Auffälligerweise suchte Mohamed Merah die starke Autorität, er wollte in die Armee. In der Banlieue gibt es keine Autorität mehr. Vom übrigen Land abgekoppelt, igeln sich diese Viertel nach außen ab; sie leben nach eigenen Regeln, eigenen Gesetzen. Auch nach dem Gesetz der Gewalt. Sie ist in diesen Vierteln alltäglich. Die Jungen erleiden sie und geben sie weiter. Da ist ein gewaltiges Reservoir an Gewalt vorhanden.

STANDARD: Diese soziale Wirklichkeit bleibt im aktuellen Wahlkampf aber schlicht ausgeblendet.

Benbassa: Ja, abgesehen von einer gelegentlichen Islamisten-Razzia. Vor einem Monat, also vor dem Drama in Toulouse, hatte ich im Senat selbst eine parlamentarische Anfrage eingereicht, um zu erfahren, was die Regierung gegen die Krise in den französischen Vorstädten weiter unternehmen werde. Niemand wollte darüber debattieren; es war, als hätte schon die Frage etwas Obszönes, etwas Schändliches. Die Politiker interessieren sich nicht einmal für die naturalisierten Immigranten, weil diese auch nicht wählen gehen. Die Stimmenthaltung in diesen Quartieren ist enorm.

STANDARD: Warum denn?

Benbassa: Weil sich diese Franzosen afrikanischer oder arabischer Herkunft nicht als vollwertige Bürger fühlen. Sie sehen sich selbst als Bürger zweiter Kategorie.

STANDARD: Heißt das, dass die Millionen muslimischer Wähler gar nicht zählen?

Benbassa: Ein "muslimisches Votum" gibt es nicht. Sonst würden sich die Politiker dafür interessieren.

STANDARD: Jede neue Regierung legt einen jeweils neuen "Banlieue-Plan" auf; Nicolas Sarkozy sprach 2007 sogar von einem "Marshallplan". Und doch bleibt die Lage dieser Ghettos desolat. Sind Sie pessimistisch?

Benbassa: Ich bin eine aktive Pessimistin (lacht). Die Lage ist schwierig. Sollte die Linke im Mai an die Macht kommen, könnten sich die Verhältnisse etwas bessern, da sie stärker sensibilisiert ist und für das Ausländerstimmrecht in diesen Vierteln eintritt. Ihr Kandidat François Hollande hat Angst, deswegen die Wahlen zu verlieren. Aber wir werden wir ihm auf die Finger schauen!

STANDARD: In US-Städten haben sich einstige Ghettos wie die New Yorker Bronx stark entwickelt ...

Benbassa: ... weil dort der soziale Lift nach oben funktioniert. Das erlaubte die "affirmative action". Dunkelhäutige können dort heute bis in die Oberklasse aufsteigen. Die USA sind eben ein Immigrationsland.

STANDARD: Frankreich historisch gesehen auch.

Benbassa: Jawohl, und alle Polen, Russen, Spanier, Portugiesen sind integriert. Nicht aber die Zuwanderer aus den Kolonien. Denn das sind "andere". Ein sozialistischer Ex-Minister sagte mir kürzlich: Wir haben die Aufklärung, sie haben den Aberglauben. Ein solcher Spruch sagt alles: Die "anderen" sind und bleiben anders als die Franzosen.

STANDARD: Haben die Franzosen Angst, dass es weitere Mohamed Merahs geben könnte?

Benbassa: Solche Dramen können wieder vorkommen. Wenn sich ein Bursche überhaupt nicht mehr in die Zukunft versetzen kann, wenn er nicht einmal ein kleines Licht sieht und das Gefühl hat, dass alles gegen ihn ist, dann kann das wieder passieren. Einzeltaten wie von Kelkal haben so wenig geändert wie die Vorstadtkrawalle von 2005. Seither hat die Gewaltbereitschaft nur noch zugenommen. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 3.4.2012)

Esther Benbassa (62) ist eine der bekanntesten Intellektuellen Frankreichs. Die Professorin lehrt an der Sorbonne-Universität jüdische und Minderheiten-Geschichte. Außerdem ist sie Senatorin für die Grüne Partei. In ihrem Wahlkreis, dem Pariser Vorstadtdepartement Val-de-Marne, leitet sie einen Verein für die Integration von Migranten.

  • Esther Benbassa: "Mit Religion hatte das nur an der Oberfläche zu tun"
    foto: provat

    Esther Benbassa: "Mit Religion hatte das nur an der Oberfläche zu tun"

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