"Hast Du 'Woyzeck' gelesen?"

1. April 2012, 18:02

Die Performancegruppe God's Entertainment verhandelt - ausgehend von Georg Büchners Soldatendrama - Fragen der Moral: im direkten Gespräch mit dem Publikum und mit echten Straffälligen als Akteuren

Wien - Georg Büchners Dramenfragment "Woyzeck" (1836), in dem der ärmliche Soldat seine Freundin Marie im rauschhaften Wahn ersticht, geht auf einen historischen Fall zurück. Der Leipziger Johann Christian Woyzeck tötet 1821 aus Eifersucht die 46-jährige Witwe Johanna Woost; seine Zurechnungsfähigkeit hat die medizinische Fachwelt lange befasst, schließlich wurde er verurteilt und öffentlich hingerichtet. Büchner dürfte in einer Fachzeitung davon erfahren haben.

Zeitungsmeldungen dieser Art laufen auch in der Moralerkundungsshow von God's Entertainment als große Projektionen über die Leinwand im Brut-Künstlerhaus: "Krankenschwester von Nachbarn erschossen"; "Das kurze Leben des Polizisten H." usw. Das Wiener Performancekollektiv hat seine neueste, im November im Berliner HAU-Theater uraufgeführten "Arbeit Messer-Mord: Klinge steckte noch in der Brust" an Georg Büchners Woyzeck nur entfernt angelehnt. Genau genommen kommt keine Zeile aus dem Stücktext vor. Georg Büchner spendiert hier seinen Namen, der Rest ist eine aus Bausteinen der Wirklichkeit gezimmerte Theatershow, die die Themen des Stücks auf ganz eigene, ziemlich originelle Weise verhandelt. Zum einen sind es echte Straffällige, die hier als Woyzecks von heute vor das Publikum treten und über die schmalen Türen ihrer Bühnengefängniszellen hinweg von ihren jeweiligen kriminellen Taten erzählen (Drogendealen, Totschlag). Zum anderen ist es das von einer Spielleiterin moderierte direkte Gespräch mit dem Publikum.

Überrumpeltes Publikum

Mit der Frage "Hast Du Woyzeck gelesen?" wird eine erste Zuschauerin überrumpelt. Und auf "Was ist Moral?" findet der nächste auch nicht sofort eine gut formulierte Antwort. Diese Form der Publikumsbeteiligung gehört zu God's Entertainments Formen-Repertoire (siehe "Fight Club" oder "Trans-Europa-Bollywood"). Und die jeweilige Performance steht und fällt auch mit der Qualität des Zuschauer-Inputs. Eine vage Sache, die eigentümliche Dynamiken zur Folge hat. Denn ginge es nach den Moralvorstellungen des Wiener Premierenpublikums, dann wären selbst Drogendealer und schwere Hacker ihre Strafen längst los.

Das erstaunliche Entgegenkommen ist wohl auf die Show zurückzuführen, die die neun Berliner und Wiener Strafentlassenen hier liefern. Vom Gefängnisalltag in Hochbetten reißen sie sich alsbald los und bieten gegen ein kleines Taschengeld ihre Dienste als Masseur oder Wahrsager an. Das Publikum macht mit. Einer vollführt eine gerissene Lecturedemonstration anhand des 20-Euro-Scheins (nicht zuletzt ist auch Geld im "Woyzeck" eine treibende Kraft).

Und schließlich stehen diese Akteure mit ihren mächtig tätowierten Körpern auf einer kleinen Varietébühne auch für jene nackte Kreatürlichkeit ein, auf die Büchners Füsilier gegenüber seinen Widersachern - dem Hauptmann, dem Doktor und seinem Nebenbuhler, dem Tambourmajor - ja zurückgeworfen wird. Das Publikum wird eingeladen, sich diese von der Gesellschaft ausgegliederten "Kreaturen" aus nächster Nähe anzusehen. Ein Voyeurismus mit theatralischem Wert, aber vagen Erkenntnissen.  (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, 2.4. 2012)

Bis 4. 4., Brut Künstlerhaus

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Büchner ist heute wieder aktueller denn je.

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