Bambuswald der Feriendorfverrückten

16. Juni 2003, 19:28
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Ronald Pohl

Wien - Noch im vorvergangenen Jahrhundert musste man die schlammfarbenen Oberläufe zentralafrikanischer Flüsse befahren, um auf das Grauen zu stoßen: "The horror!", wie es in Joseph Conrads Prosahorrorladen Herz der Finsternis unbehaglich spukwispernd heißt.

Der weiße Mann, heißt es darin weiter, habe sich des Dschungels bemächtigt - sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen. In Wahrheit ist es natürlich der Urwald, der seinerseits den Kolonisator überwältigt und ihn in einem Strudel aus Exzessivität und Habgier spurlos mit sich fortreißt.

Irgendwann deckt den stolzen Eroberer nur noch ein schütteres Hemdchen aus Rindenmulch. Im Museumsquartier, Halle E, stecken im Mulch auch noch zahllose Zimmerfächerpalmen und Farnhölzer. Vorne links gähnt ein Wasserloch, während im Hintergrund die Galerie eines Bambuspfahlbaus verschärfte Urlaubsstimmung verbreitet: Die Berliner Volksbühne, deren Ausstatter Bert Neumann das globale Weltdorf im Blick behält, wenn er zu den Wiener Festwochen angereist kommt, hat den zauberhaftesten aller unerträglichen Ferienklubs im ganzen Asienwald gebaut.
Denn bereits in Tennessee Williams' Melodrama Süßer Vogel Jugend von 1959 ist es mit dem hochtrabenden Anspruch, Zivilisationsgüter zu exportieren, den Urwald zu roden, den rassistischen Hinterwäldlern am Golf von Mexiko Utopien zu lehren, nicht mehr weit her. Der unstete Tunichtgut Chance Wayne (Martin Wuttke) kehrt heim in die Südstaaten nach Saint Cloud - eine abgetakelte Hollywood-Fregatte und Drogenhalbtote nervös im Schlepptau.

Er will sein Mädchen abholen, dem er irgendwann, bei einem seiner zahllosen Abstecher in Boss Finlays Wahlbezirk, die Syphilis als traurige Mitgift hinterließ. Und er will groß herauskommen. Immer noch, obwohl er alt geworden ist und stumpf und kahl.


Teichkarpfenputzer

Nur scheint der Gigolo Wuttke, ein "All american boy" als Saftmixer und Teichkarpfenputzer mit Blondhaarputz, aus Saint Cloud gar nie herausgekommen zu sein. Er trägt ein Netzleibchen am untersetzten Körper und eine Silberkette um den Hals. Durch das Sichtfenster einer gelben Plastikplane züngelt er das farbige Zimmermädchen Lucy (Martha Fessehatzion) an wie ein Leguan.

Das Reisefieber, diese unstillbare Sehnsucht nach der Ferne in uns, muss im ohrendröhnenden Zikadenzirpen und Froschquaken abgeklungen sein. Frank Castorfs Volksbühnen-Ensemble zieht Empfindungssplitter und Verhaltensnormen an sich heran, bevor es im Trüben der Exotik auswärts fischen geht - oder kopfüber baden, wie unlängst Peter Zadek mit dem tropenschwülen Leguan.
Chance Wayne, der ungeliebte "Heimkehrer", wird von seinen Schauspielerinnenkollegen schon einmal mit dem Familiennamen angeredet, wenn er "auf den Geist geht".

Er ist nicht mehr jung, obwohl er doch eigentlich gerade die 30 ganz schwindelig und wohlstandstrunken erreicht haben müsste. Er sitzt mit seinen natürlichen "Feinden", den xenophoben Hinterwäldlern und Anwohnern, zusammen wie mit etwas windelweichen Club-Med-Gästen, die von sich behaupten, sie hätten "Waffen geschoben" und "mit Drogen gehandelt".
Tom Finley junior (Milan Peschel), der doch eigentlich den Schänder seiner Schwester Heavenly kastrieren will, scheint eine nicht endende Happyhour zu feiern.

Er steht mit dem Surfbrett auf rieselndem Granulatboden, oder er beklagt seine Nikotinsucht, oder er rotzt und schmatzt Zitate aus der Conrad-Verfilmung namens Apocalypse now. Sein Schwager in spe, der kellnernde Gynäkologe Scudder (Fabian Hinrichs), leidet an einer entsetzlichen Depression und beklagt nichts flehentlicher als die Durchnässung seiner "trocken zu reinigenden" Armani-Hose.
Saint Cloud ist ein Zeitverschlag. Mit einer überbordenden Fülle von Abweichungen, Zitaten und Wirklichkeitseintragungen weicht das Castorf-Ensemble den schimmeligen Südstaatenpanzer auf.

Obwohl das Bambuswäldchen vor Eindringlingen gut gesichert scheint, ziehen subkulturelle Allüren und Zeichen, blöde Witze ("Sag' mal, gibt's da Haie?") und popkulturelle Signale wie in stockenden, schillernden Schwaden herein. Und darin liegt die beispiellose Herrlichkeit dieses Theaters: in der maximalen Mobilisierungskraft eines zur Stückkommentierung und methodischen Abirrung wild entschlossenen Ensembles, namentlich der Frauen.

Wie die viel zu junge Kathrin Angerer die Hollywood-"Prinzessin" Del Lago aus tausenderlei Quatschanfällen zum Blondinenperückenwitz zusammenschraubt, mit Schmollmundbewegungen und Treppensturzversuchen, als weichgekokstes Weibchen, als wasserfallsüchtige Tigerin - es ist ein Traum.

Handkamerabilder

Wenn auch nicht der genuin whiskeyfarbene, rauchfarbene des Tennessee Williams, den Regisseur Castorf aus Kommentierungen des Neoliberalismus und wackeligen Handkamerabildern lieber neu erfindet. Aber das war an seinen voluminösen Dostojewksi-Abenden nicht anders.
Das Grauen aber ist ein alter, beißender, karpfenäugiger Mann - Boss Tom Finlay (Volker Spengler) als Orson Welles der US-Hinterhöfe, der Pornobildchen wegschnippt, das geschändete Töchterchen (Laura Tonka) ankräht, oder, ans Publikum gewandt, in Colonel-Curtz-Manier um Verständnis wirbt.

Colonel Curtz: Wir befinden uns folgerichtig wieder mitten in Joseph Conrads Urwaldfinsternis. Es herrscht eine verkaterte Stimmung im herabgewirtschafteten Globaldorf, das eine logische Heimstatt ist für unsere wüstesten, unsere angstvollsten Träume.
Besser und klüger kann man unseren Weltzustand nicht erfassen. Tosender Applaus.

Mit "Forever Young", der freien Bearbeitung von Tennessee Williams' "Süßer Vogel Jugend", gelang Frank Castorf und seinem Berliner Volksbühnen-Ensemble eine grandiose Meditation über das konfuse, globale Weltdorf: drei pausenlose Sternstunden im Museumsquartier, Halle E.
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