Kuba: Der alte Mann und kein Mehr

17. Juni 2003, 09:58
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Castro führt sein Land vom kommoden Karibik-Kommunismus in den Stalinismus - Eine Analyse von Christoph Prantner

Havanna/Wien - Mit diesem "Mehr" kommt der alte Mann einfach nicht zurecht: Seit Jahren rufen viele Kubaner nach mehr Freiheit und Partizipation, Fidel Castro Ruiz lässt stattdessen republikflüchtige Bootsentführer exekutieren. Die EU richtet ein Kontaktbüro in Havanna ein, um mehr Öffnung auf der kommunistischen Karibikinsel zu erreichen. Kubas greiser Diktator dagegen sperrt Dissidenten gleich im Dutzend ein. Und er lässt - so geschehen vergangene Woche in Havanna - hunderttausende Demonstranten aufmarschieren, die europäische Politiker beleidigen und Botschaften belagern.

Schon im April, als das kubanische Regime prominente Intellektuelle zu teils jahrzehntelangen Haftstrafen verurteilen ließ, war abzusehen, dass die Periode der relativen Öffnung seit dem Papstbesuch von 1998 vorbei ist. Viele interpretierten die Repressalien damals als die übliche Schmiere vom Schulterschluss gegen den übermächtigen Außenfeind USA. Damit war das "Varela-Projekt" - mehr als 11.000 Menschen waren mit ihrer Unterschrift für ein offeneres Kuba einstanden - leicht abzubiegen. Damit waren auch dessen Organisatoren einfach hinter Gitter zu bringen.

Die EU protestierte gegen die Menschenrechtsverletzungen und schränkte die bilateralen Kontakte zu Kuba unlängst zuvorkommend in einem sehr moderaten Maß ein - es soll bis auf weiteres keine hochrangigen bilateralen Besuche mehr geben, die kulturelle Zusammenarbeit wird eingeschränkt. Der Maximo líder nahm dies allerdings zum Anlass, die politischen Kontakte zum wichtigsten Handelspartner seines heruntergewirtschafteten Landes de facto abzubrechen. Und das ist nun doch mehr als eine Finte des dienstältesten Diktators der Welt.

Diese harte Gangart scheint entweder ein Indiz für erhebliche innenpolitische Kalamitäten Castros zu sein, oder eines für eine nicht mehr ganz luzide Einschätzung der Weltlage durch den erfahrenen Tyrannen. Denn mehr als die Europäer riskiert sein marodes Regime in der Konfrontation. Kuba wickelt 34 Prozent seines Außenhandels mit der EU ab, der Großteil der 1,7 Millionen Touristen auf der "Zuckerinsel" kommt aus Europa. - Und ausgerechnet diese Wirtschaftskontakte waren es Anfang der 90er-Jahre (mit den Überweisungen der Exilkubaner aus den USA), die Kuba nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion retteten.

Für Letzteres, die mangelnde Übersicht, spricht jedenfalls, dass sich der 77-jährige Castro Anfang des Jahres auf einer Chinareise völlig frappiert über die rezente chinesische Interpretation des Sozialismus gezeigt hat. "Ich verstehe dieses China nicht mehr", sagte er damals. Heute, scheint es, nimmt er dafür Fahrt zu einer Form des Stalinismus auf, den es auf Kuba bisher noch kaum gegeben hat. Immerhin: Die Unterdrückung und Erstarrung des besonders bei der europäischen Linken immer wohlwollend betrachteten karibischen Kommunismus werden dadurch offenbar, wie sie ohne "Cuba libre"-Seligkeit eben gesehen werden müssen.

Am Sonntag feierte ganz Kuba den Revolutionshelden Ernesto Che Guevara, der in Havanna an der Realität und Fidel Castro scheiterte und später in Bolivien umkam. Die Besten sterben jung, heißt es. Der Comandante en Jéfe hat den Zeitpunkt wohl verpasst, an dem er zu einer ewigen Legende werden konnte. Optimistische Beobachter sehen ihn in seinem Bett sterben und Kuba vor einem friedlichen Übergang zur Demokratie.

Besser für das Land wäre es wohl, der alte Mann führe schon jetzt mit dem abgenagten Skelett seiner Ideologie aufs Meer hinaus. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2003)

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    Fidel Castro

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