Fragen an die Imame-Konferenz

16. Juni 2003, 20:08
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Die Grazer Islam-Erklärung öffnet eine Tür, durch die man erst gehen muss - von Gudrun Harrer

Die Botschaft, die die Grazer "Konferenz der Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa" mit ihrer Erklärung am Wochenende aussandte (Text: www.islamische-glaubensgemeinschaft.at), hat zwei Facetten: Erstens wendet sie sich an die in Europa lebenden gläubigen Muslime, um ihnen zu versichern, dass es im Islam nichts gibt, was sie daran hindern würde, Bürger eines nicht islamischen Staates zu sein und voll zu allen Loyalitäten und Pflichten, die diese Staatsbürgerschaft mit sich bringt, zu stehen.

Zweitens ist die Erklärung als Dokument der Aufklärung für alle Nichtmuslime gemeint: Wir, die Muslime, sind keine "fünfte Kolonne" außereuropäischer Kräfte, unser Islam ist einer des Mittelweges, der zu Europa passt.

So weit, so gut. Diejenigen, die den Islam für nicht kompatibel mit der Moderne betrachten, wird nichts davon abhalten, über eine Religion den Stab zu brechen, die solches erst konstatieren muss: dass sie nicht Demokratie, Menschenrechten, Pluralismus und den modernen Wissenschaften zuwiderläuft. Diese Leute haben ein historisch kurzes Gedächtnis (empfohlene Lektüre: der Syllabus der Irrlehren von Papst Pius IX., 1864) und wissen wahrscheinlich auch nicht, dass der protestantische Fundamentalismus in den USA mittlerweile so stark ist, dass an manchen Schulen parallel zur Evolutionstheorie die biblische Schöpfungsgeschichte gelehrt wird: in Biologie wohlgemerkt.

Aber durch abschreckende Beispiele in anderen Religionen die Probleme des Islams mit der Moderne schönreden zu wollen, wäre natürlich verfehlt. Die Grazer Versammlung zeigt sie klar auf - wobei keine der hier gestellten Fragen ihren Verdienst schmälern soll, die Sache der europäischen Muslime endlich einmal ernsthaft anzugehen, inklusive Forderung nach den längst fälligen theologischen Hausaufgaben. Die Fragen:

Warum wird die Existenz extremistischer Gruppen als Medienübertreibung heruntergespielt? Geschieht es wirklich nur aus bestem Glauben oder auch aus Realitätsverweigerung oder gar Konfliktangst? Wie die Wahlen zum Muslimrat in Frankreich gerade wieder zeigen, haben die Extremisten sehr wohl Zulauf.

Das wirft die Frage der Repräsentanz auf: Wer oder was verleiht der Grazer Gruppe Legitimität oder mehr Legitimität als irgendeiner anderen Gruppe? Genügt dazu die Absegnung, die die Konferenz durch die Anwesenheit von Repräsentanten bedeutender internationaler islamischer Organisationen erhielt? Wie steht’s mit der Demokratie? Wie sah der Entscheidungsprozess aus, der zur Grazer Erklärung geführt hat?

Ist der Passus zur Frau in der Erklärung nicht auch so zu lesen, dass die Versammlung die in den europäischen Verfassungen verankerten gleichen Rechte der Frau nicht anerkennen kann? Wie geht man mit dieser Reservatio um?

Bleibt nicht das Verhältnis zu anderen Religionen und Weltanschauungen (danke für die - wenn auch sehr diskret geratene - Inkludierung der Atheisten und Agnostiker) von Klassen geprägt: Judentum und Christentum sind die "besseren" Religionen?

Wurde ehrlich reflektiert, warum die Bezeichnung "europäischer Islam" zugunsten von "Islam in Europa" verworfen wurde? Ist dann der Islam nicht doch ein Implantat (aber ist der Islam eines Bosniaken wirklich ein "Islam in Europa"?), bleibt das Referenzzentrum für die europäischen Muslime dann nicht doch für immer außerhalb? Aber wo, das wollen auch die Nichtmuslime wissen, ist es angesiedelt?

Damit verbunden: Wer wird die theologischen Formulierungen vornehmen, die sich die Konferenz zur kanonischen Absicherung des von ihr entworfenen Islambilds wünscht, und wo wird das sein? Und sollten sich die politischen Machtverhältnisse ändern und sich die internationalen islamischen Institutionen, unter deren Schutz die Konferenz stand, radikalisieren, was ist dann?

Darf der Islam vielleicht dann "europäisch" werden? (DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2003)

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