Reportage: In Hay Rashad haben die Islamlehrer das Sagen

17. Juni 2003, 09:03
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Nach dem Zusammenbruch aller Strukturen im Irak sind oft Geistliche in die Bresche gesprungen

Dort wo Saddam-City, das schiitische Armenviertel am Rande Bagdads, aufhört, beginnt erst der richtige Slumgürtel der irakischen Hauptstadt. In Saddam-City - jetzt in Sadr City umbenannt - gibt es noch Häuser, in Hay Rashad, Hay Tarik und Hay Sheshenia hausen die rund 65.000 Einwohner vorwiegend in Hütten, oft zusammen mit Ziegen und Schafen. Vor 20 bis 25 Jahren sind diese Schiiten aus dem Süden zugewandert. Saddams Regime hat bestritten, dass es sie überhaupt gibt.

Am Eingang zum Hay Tarik liegen zwei kleine Seen. Ihr trüber Inhalt ist eine Mischung aus Grundwasser, Abwasser und Fäkalien. In diesen heißen Sommertagen vergnügen sich Kinder beim Schwimmen in der Brühe, Frauen waschen die Kleider der ganzen Familie. "Die sehe ich dann später in meinen Kliniken wieder", sagt Alexander Christof von APN (Architects for people in need), einer deutschen Nichtregierungsorganisation (NGO), die bereits vor dem Krieg im Irak Saddam Husseins aktiv war.

Der Nachbarbezirk Rashad war ein Gefängnisdistrikt. In einem Gebäude des ehemaligen Frauengefängnisses ist jetzt eine Klinik untergebracht. "Islamische Schule" steht in großen Buchstaben über dem Bild des örtlichen Islamlehrers. "Ohne die lokalen Scheichs geht im Moment gar nichts", erklärt Christof. Er hatte hier seit eineinhalb Jahren eine Klinik geplant, aber in Saddams Zeiten keine Bewilligung erhalten.

Die 10.000 Einwohner von Hay Rashad hatten bisher ohne medizinische Versorgung gelebt. Unmittelbar nach Kriegsende begann APN mit den Umbauten, seit kurzem behandeln die Ärzte täglich mehr als 250 Patienten. Jeder, der kommt, wird kostenlos versorgt. Sämtliches Personal - mit Ausnahme eines Gastarztes aus Deutschland - stammt aus Anhängern der Schule des Islamlehrers. Als ehemaliger Soldat sei er arbeitslos gewesen. Über einen Bekannten sei er zu dieser Stelle gekommen, erklärt einer der jungen Mediziner.

Schlechtes Wasser

70 Prozent der Patienten sind Kinder, drei Viertel ihrer Krankheiten sind auf das schlechte Wasser zurückzuführen. "Kurz gesagt, es handelt sich fast ausschließlich um Krankheiten der Armut", sagt Dr. Zuheir al-Khanak. Der Kinderarzt hat vor 40 Jahren Bagdad verlassen und kam jetzt zur Klinikeröffnung für einen Monat zurück. Zwar gibt es in Tarik eine Wasseraufbereitungsanlage, die in den vergangenen Jahren vom IKRK instand gehalten wurde, aber es gibt derzeit kein Wasser. Nur ein kleines Rinnsal fließt aus einer Röhre, dort füllen ein paar Mädchen 15-Liter-Kanister und tragen sie auf dem Kopf nach Hause.

Keine humanitäre Katastrophe

Auf den ungeteerten Straßen der Slumviertel fährt kaum ein Auto, an dessen Scheiben nicht das Bild eines geistlichen Führers klebt. Freundlich, aber bestimmt wird auch die ausländische Besucherin von den lokalen APN-Mitgliedern dazu angehalten, auf der Straße ein Kopftuch zu tragen.

Auch über die neue APN-Klinik in Tarik hält der Geistliche Sayid Musawi seine schützende Hand. Probleme mit der Sicherheit gab es hier deshalb nie. Vor dem Gittertor herrscht ein ungewöhnliches Gedränge. Fast zwei Monate nach dem Krieg sind erstmals US-Soldaten vorgefahren und beginnen Kartons mitSpezialmahlzeiten abzuladen. Der Klinikleiter ist etwas ratlos. Er wird sich Kriterien zurechtlegen, nach denen er die Nahrungsmittel abgibt. Christof ist ungehalten.

"Wenn sie uns wirklich helfen wollen, sollten sie fragen, was wir benötigen, und das dann in unser zentrales Lager bringen und nicht einfach irgendetwas herbringen und für Unruhe sorgen", erklärt der APN-Leiter. "Es herrscht keine humanitäre Katastrophe, aber ein Vakuum", umschreibt Christof die gegenwärtige Lage. Seine NGO engagiert sich im Bereich Gesundheit und Wasser für die Ärmsten, hat sechs Kliniken eingerichtet und will in Hay Tarik die Wasserversorgung erneuern. Dass die lokalen Geistlichen überall entscheidend mitreden, nimmt der Projektleiter in dieser Phase hin.

Die Alternative wäre Nichtstun. "Nach und nach werden wir die Kliniken dem Gesundheitsministerium übergeben", erklärt er seine längerfristige Strategie. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2003)

Von Astrid Frefel aus Hay Rashad
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Rund drei Viertel der Krankheiten am Rande Bagdads sind auf unreines Wasser zurückzuführen.

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