Briefe, die sie nicht erreichten

25. Juni 2003, 09:28
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Otto Leichters lange verschollenes Brieftagebuch

Berichte von Österreicherinnen und Österreichern, die unter dem Druck der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ihr Land verlassen mussten, gibt es viele und seit langem. Erst sechzig Jahre nach der Niederschrift ist in den Neunzigerjahren auf wahrlich nicht alltäglichen Wegen ein einmaliges Dokument aufgetaucht. Nun haben es Heinrich Berger, Gerhard Botz und Edith Saurer als Herausgeber wissenschaftlich aufgearbeitet und vorgelegt: Die Briefe, die der sozialdemokratische Journalist Otto Leichter (Arbeiter-Zeitung) in der Pariser Zwischenstation seines Exils von September 1938 bis August 1939 an seine Frau Käthe schrieb, die sich in Gestapo-Haft befand, weil ihr die Flucht aus Wien nicht rechtzeitig gelungen war.

Käthe Leichter hat diese Briefe nie gelesen, sie wurde 1942 im KZ ermordet. Ihr Mann hat sie erst gar nicht abgeschickt, die Gefahr, sie könnten die Gestapo reizen und die ersehnte Entlassung der geliebten Frau aus der Haft verhindern, schien ihm zu groß. Aber er bedurfte dieses Kontaktes, also verfasste er sie als ganz privates Brieftagebuch, das er ihr beim Wiedersehen übergeben wollte, und eben darin besteht die Einmaligkeit dieser Texte.

Berichte aus dem Exil wurden oft in Hinblick auf spätere Veröffentlichung geschrieben oder nachträglich zu politischen Zwecken stilisiert. Otto Leichter hingegen musste keinerlei Rücksicht auf eine bestimmte Öffentlichkeit oder nahe stehende Menschen nehmen, was es besonders interessant macht, wenn er über Zeitgenossen schreibt, und menschlich berührend, wenn er von den beiden Söhnen, die bei ihm waren, berichtet oder Intimstes anspricht, wie es Liebende bewegt.

Für einschlägig Interessierte schienen die politische Rolle und das Schicksal des Paares mit den Büchern von Herbert Steiner (Käthe Leichter. Leben, Werk und Sterben einer österreichischen Sozialdemokratin, Wien 1997) und Christian Fleck/Heinrich Berger (Gefesselt vom Sozialismus - Der Austromarxist Otto Leichter, Frankfurt 2000) aufgearbeitet. Nicht ganz: Nach der Öffnung des Moskauer Sonderarchivs gaben die Historiker Stefan Karner und Gerhard Jagschitz 1996 den Band Beuteakten aus Österreich heraus, in dem sich auch der Hinweis auf das Konvolut von Otto Leichters Briefen in Tagebuchform an seine Frau fand, die nun vorliegen.

Darin hält Leichter nicht nur seine ziemlich illusionslose Einschätzung der künftigen politischen Entwicklung ebenso fest wie seine Enttäuschung und sein Entsetzen über die Lage in Europa, er ist auch realistisch, was die Dauer der Haft seiner Frau betrifft, wobei er gelegentlich Hoffnung schöpfte, sich das Schlimmste als unerträgliche Möglichkeit jedenfalls nie eingestand: Wie hätte er sonst für sie schreiben können?

Immer wieder versucht er, sich in ihre Lage zu versetzen, spricht über ihre Beziehung und die Auswirkungen einer langen Trennung, über seine Rolle als Vater und natürlich immer wieder über das Verhältnis zu guten Freunden und solchen, die ihm unter den Bedingungen der Emigration das nicht mehr zu sein schienen.

Wie die Tagebuchbriefe letztlich nach Moskau gelangten, lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Otto Leichter meinte nach dem Krieg, sie seien wohl 1940 auf seiner Flucht in den Süden Frankreichs verloren gegangen. Wie, ist unklar, aber dass sie der Gestapo in die Hände fielen, steht fest. Vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin wurden sie in das Schloss eines Grafen Altano in der schlesischen Stadt Habelschwerdt ausgelagert, wo sie die Rote Armee beschlagnahmte (und nach Moskau brachte, wo sie 1996 gefunden wurden). Der Verfasser hat das nicht mehr erfahren, Otto Leichter ist 1973 gestorben. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.6.2003)

Von Günter Traxler


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    "Otto Leichter. Briefe ohne Antwort"
    Aufzeichnungen aus dem Pariser Exil für Käthe Leichter 1938-1939
    Herausgegeben von Heinrich Berger, Gerhard Botz und Edith Saurer
    € 39,-/352 Seiten
    Böhlau, Wien 2003

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