Polizzen mit mehr Ertrag und Risiko

27. Oktober 2003, 15:48
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Im Markt für Lebensversicherungen mischen seit ein paar Jahren britische Anbieter kräftig mit. Auch sie mussten zuletzt Haare lassen, locken aber immer noch mit besseren Renditen als österreichische Gesellschaften - allerdings bei höherem Risiko.

Steife Konventionen, feuchtes Wetter, Hunde, Pferde und merkwürdiges Essen - all das fällt dem gelernten Kontinentaleuropäer spontan zu Großbritannien ein. Das Geburtsland des Kapitalismus hat aber doch einiges mehr zu bieten: Britische Versicherungsgesellschaften mit langer Tradition erobern seit wenigen Jahren den deutschsprachigen Raum und machen sich vor allem im Segment der Lebensversicherungen breit.

"Wir sind unter den Lebensversicherern im österreichischen Neugeschäft mit einem Marktanteil von vier Prozent bereits die Nummer Acht", erzählt stolz Walter Schuster, Geschäftsführer der Österreich-Niederlassung des britischen Versicherungsgiganten Standard Life, der seit 1999 mit ehrgeizigen Zielen ein eigenes Büro in Graz betreibt. Standard-Life-Produkte werden ebenso wie jene vieler Mitbewerber als Euro-Polizzen mit Kapitalgarantie auch über Makler und Vermögensberater verkauft. Ein Vertriebsweg, den derzeit die um rund zwei Drittel kleinere Clerical Medical für eine massive Expansion in Österreich und Deutschland nutzen will.

Die aggressive Marktpolitik der Inselbewohner hat aber zuletzt einen deutlichen Dämpfer bekommen, denn die Kunden sind generell vorsichtig geworden: "Ich denke, derzeit liegt sehr viel Geld unter den Kopfkissen", so Schuster und rechnet für heuer mit einem Plus bei Neuverträgen von zwanzig Prozent nach fast hundert Prozent im Vorjahr. Dabei locken die Briten trotz drei miserabler Börsenjahre immer noch mit sechs Prozent Rendite jährlich, das sind rund ein bis eineinhalb Prozentpunkte mehr als man derzeit bei österreichischen Anbietern erwarten kann.

Mehr Ertrag und mehr Risiko

Der Hintergrund: Britische Lebensversicherer denken in äußerst langen Zeiträumen - die durchschnittliche Versicherungsdauer beträgt siebzehn Jahre. Daher können auch massive Schwankungen eines hohen Aktienanteils, der bis zu einhundert Prozent betragen darf und derzeit zwischen fünfzig und achtzig Prozent liegt, durch so genannte Glättungsverfahren ausgeglichen werden. Eine Risikostrategie, die nur dann aufgeht, wenn auf schlechte Jahre wieder viele gute folgen.

Eine weitere Unsicherheit liegt in der Durchsetzbarkeit von Streitfragen, wenn eine britische Versicherung nicht wie Standard Life einen eigenen Standort in Österreich betreibt. Dann wird manches zum unlösbaren Problem: "An uns hat sich eine Dame gewandt, die mit CMI (Anm.: brit. Versicherung) Streit hat. Wir schreiben Briefe, doch CMI rührt sich einfach nicht," erzählt Gregor Kozak, Ombudsmann des österreichischen Versicherungsverbandes.

Risiko Nummer drei: Schließlich gilt für alle Lebensversicherungen: Ein Großteil der Kosten wird intern in den ersten Jahren verrechnet und knabbert kräftig an der Kapital- und Renditebildung - daher ist ein Ausstieg während der Laufzeit immer teuer. Bei britischen Polizzen werden noch dazu erst bei Vertragsende großzügige Boni ausgeschüttet.

Doch auch für kürzere Laufzeiten hat Großbritannien einen florierenden Markt: So genannte Secondhand-Polizzen werden seit 1995 auch in Österreich angeboten (siehe Beispiel). Dabei kauft man - immer über einen österreichischen Makler - mit einem Abschlag von bis zu zwanzig Prozent in einen bestehenden Vertrag ein. Der Verkäufer profitiert, da er bei Kündigung von der Versicherung noch weniger bekommen würde. Er bleibt Versicherter, tritt aber notariell alle Rechte an den Käufer ab. Dieser wiederum kann für eine relativ kurze Laufzeit eine solide Rendite erwarten.

In Kauf nehmen muss er dafür aber ein oft schwer kalkulierbares Währungsrisiko des englischen Pfunds. Der Höhenflug des Euro hat so manchem Versicherten innerhalb des letzten Jahres rund zehn Prozent seiner Rendite gekostet. (Gerlinde Maschler, Der Standard, Printausgabe, 16.06.2003)

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    foto: photodisc
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