Happels Herzblut

2. Juni 2003, 18:00
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Der Herr Happel, sagte die Frau mit der weißen Hose, habe alles zusammengetragen...

Aber jetzt sei er schon ein paar Jahre tot. Die Aorta, sagte die Frau mit der weißen Hose. Ob es uns etwas ausmachen würde, das Licht abzudrehen und ihr zu sagen, wenn wir fertig wären? Von der Kassa aus habe sie den Eingang nämlich nicht im Blick.

Raus hier, hatte A. eine Stunde vorher mitten in der brütendheißen Stadt gesagt, das Autodach weggeklappt und um eine Himmelrichtung gebeten. Donauabwärts, nach Terra incognita, ließ sie gelten: Schließlich gehören wir zu jener Generation, für die der Eiserne Vorhang noch steht. Irgendwo hinter dem Friedhof der Namenlosen. Das letzte Mal waren wir beide vor Jahren in der Gegend. A., als sie mit ihrem Vater Fisch essen war. Ich als Mittelschüler. Auf dem Weg in die Au. Hainburg. Orth an der Donau?. Auf der Karte stand „Bienenzuchtmuseum“. Wir grinsten.

Ein leeres Museum

Das Schloss war leer. Die Frau mit der weißen Hose schien überrascht, dass an einem Samstag jemand vorbei schaute. Und zu den Bienen wollte. Gruppen, erzählte die Frau mit der weißen Hose, kämen während der Woche. Aber die interessierten sich auch nur für das Fischerei- und das Donaumuseum. Die Frau in der weißen Hose schien stolz darauf zu sein. Wir waren höflich. Obwohl: Donaufischerei? Flussgeschichte? Na hallo. Uns, die wir die Welt bereist haben, die wir mit Tümmlern geschwommen sind, die chinesische Mauer bewandert und sowohl die verbotene Stadt in Peking als auch deren Schätze in Taipeh gesehen haben, wollte jemand etwas zeigen? Ein paar Kilometer vor Wien? In einem Ort, so nah an der Stadt, dass hier nur lebt, wer zu blöd zum Straßenbahnfahren ist?

Eineinhalb Stunden und eine Lektion Demut später sperrt uns die Frau mit der weißen Hose das Türchen zur Wendeltreppe im Schlossturm auf, an der das vergilbte Schild vom Bienenmuseum hängt. In einer klassischen Ritterburg-Saal-und-Zimmerflucht hat Herr Happel ­­ Geschichte gestapelt. Kleine Geschichte. Echte Geschichte. Banal. Beklemmend nah am Alltag. Und darum macht es nichts, dass Wörter wie „Präsentationstechnik“, „Didaktik“ oder „Museumskonzept“ nie in die Nähe der mannshohen Vitrine voll rostiger Kaffeemühlen gelangt waren. Oder zu den Schwarzweißfotos von Busbränden (7 Tote) und der Eröffnung des Touringclub-Rasthauses in den 40er Jahren. Oder der unendlichen Sammlung von Reindlingen, Töpfen und Kochgeschirr. Oder zu dem von roten Papierschnitzeln symbolisierten Feuer unter einem Steintopf, neben dem ein Zettel mit dem Wort „Jungsteinzeit“ hängt. Im Gegenteil.

Bienenanatomie

Als Sonderschau hatte jemand in einem Nebenraum alles über „unsere Volksschauspielerin“ Annie Rosar gesammelt. Nur eine Vitrine mit Groschenromanen auf denen röhrende Hirsche die Cover zieren, passt nicht zum Thema. Das Bienenzuchtmuseum? Zwei Räume. Stapelweise Bienenkörbe. Schautafeln der Bienenanatomie (innen wie außen), wie wir sie noch aus der Schule kannten. Tabellen über Österreichs Honigsorten zwischen 1946 und 1956. Diagramme aus den 50er Jahren, die den Altersschnitt der österreichischen Bienenzüchterverbände darstellen. Artefakte, Zeitungsartikel, Bilder, Broschüren, Einladungen zu Jahresversammlungen, Schleudern. Lauter wundervolle Nebensächlichkeiten. Willkommen im Lexikon des unnötigen Wissens, hauchte A. - und das war nicht spöttisch gemeint. Ganz und gar nicht. Es roch nämlich. Nach sonnenbeschienenem Staub. Nach Volksschul-Lehrmittelkammerl. Nach Vergessen. Nach Herzblut. Das vor allem. Nach Herzblut - und vergeblicher Liebesmüh.

Im Herbst, erzählte uns die Frau in der weißen Hose später, würde das Bienen- und Heimatmuseum aufgelöst: Die einstigen Festsäle des Schlosses würden wieder zu ebensolchen werden. Erstens weil sie schön sind. Zweitens, weil in den hässlichen Räumen, die als Eventräume vermietet werden, das Nationalparkmuseum Platz benötige. Was dann mit den Ausstellungstücken passiert? Leihgaben werde man zurückgeben. Falls die Leihgeber noch leben. Vom Rest könnte ein bisserl ins Donaumuseum übernommen werden. Ein bisserl, höchstens. Immerhin müsste der Herr Happel die Auflösung dessen, wofür er gelebt hat, nicht mit ansehen. Die Aorta, wiederholte sich die Frau mit der weißen Hose. Und fragte, ob wir auch nicht vergessen hätten, das Licht auszuschalten.

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