Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Kindersoldaten in Monrovia, Liberia – einem Nachbarstaat Sierra Leones – im August 2003. Der Einsatz von Kindern im Krieg gilt nach Urteilen des Sondertribunals nunmehr weltweit als Kriegsverbrechen.

Renate Winter war Jugendrichterin in Wien. 2002 wurde sie ans Sondertribunal für Sierra Leone berufen, wo über Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bürgerkrieg zwischen 1991 bis 2002 geurteilt wurde. 2008 und 2009 war sie dessen Präsidentin.
Mit Renate Winter, Richterin aus Österreich, sprach Irene Brickner.
STANDARD: Das internationale Sierra-Leone-Sondertribunal hat Gerichtsgeschichte geschrieben, weil die Rekrutierung von Kindersoldaten erstmals als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewertet wurde. Wie wurden diese Kinder zu Soldaten?
Winter: Es gab verschiedene Methoden: Verschleppung, Entführung, Missbrauch einer Tradition, im Rahmen derer Buben nach ihrer Pubertät, oft ab 13 Jahren, ihr Dorf verteidigten. Doch die Kindersoldaten jagten nicht mit Speer und Bogen, sondern verwendeten Kalaschnikows. Sie wurden sexuell missbraucht und gezwungen, im eigenen Dorf Gräueltaten zu verüben, sodass sichergestellt war, dass sie nie wieder zurückkehren können.
STANDARD: Die Kinder wurden also völlig entwurzelt?
Winter: Ja. Es kam eine Gruppe Leute ins Dorf. Sie zwang die Kinder mit vorgehaltener Waffe zu morden, vergewaltigen, dem Nachbarn den Fuß abzuhacken. In den Ausbildungslagern wurden sie anschließend zum Töten trainiert. Solche Kindersoldaten gab es bei sämtlichen kriegsführenden Parteien.
STANDARD: Das ist extrem brutal. Wie kam es zu dieser Verrohung?
Winter: Ich glaube, es ist weitverbreitet, den Grausamsten zu wählen, man spricht davon, dass, als Kriegsherr Charles Taylor zum zweiten Mal antrat, ein Lied gesungen wurde: "Er hat meinen Papa umgebracht, er hat meine Mama umgebracht, daher wähle ich ihn."
STANDARD: Inwieweit hat die Verelendung mitgespielt? Sierra Leone war und ist eines der ärmsten Länder der Welt.
Winter: Verarmung bringt nicht Brutalität, Verarmung bringt Korruption. Mit der Korruption kommt das mehr oder weniger organisierte Verbrechen - und der Wunsch anderer, so wie diese Leute auch Geld zu haben. Diese Kombination führt zu Brutalität. In Sierra Leone ging es vor allem um den Zugriff auf die Diamantenminen.
STANDARD: Das Sierra-Leone-Sondertribunal bestraft Ex-Kindersoldaten nicht - nur jene, die sie kämpfen ließen. Warum?
Winter: Nach elfjährigem Bürgerkrieg in einem Land ohne Geburtenregister ist es unmöglich festzustellen, wann ein Ex-Kindersoldat 15, also strafmündig war. Außerdem handelten die Kinder unter Drogen, die ihnen unter Zwang eingegeben wurden.
STANDARD: Wie geht es den Betroffenen heute?
Winter: Meistens gar nicht gut. Ich weiß von keinem, der nicht traumatisiert wäre. Und nach zehn Jahren Leben im Busch, ohne einen Arzt zu sehen, sind sie auch körperlich krank. Mädchen - unter den Kindersoldaten rund ein Fünftel - bleibt, weil sie vom Feind zu Sex gezwungen wurden, nur die Prostitution. Es sei denn, man eröffnet ihnen einen Weg, auf eigenen Füßen zu stehen. Dann besteht die Chance, dass ihre Familie sie wieder akzeptiert, sodass sie nicht mehr vogelfrei sind.
STANDARD: Am 26. April wird in Den Haag das Urteil über Charles Taylor verkündet - unter anderem wegen Missbrauchs von Kindern als Soldaten. Hat ein solches Urteil präventive Wirkung?
Winter: Ja, denn es spricht sich relativ schnell herum, dass es nach solchen Urteilen nicht mehr selbstverständlich ist zu machen, was man will. Das war schon am Balkan, nach Urteilen des Jugoslawien-Tribunals so. Kindersoldaten wiederum gibt es nicht nur in West afrika, sondern etwa auch in Afghanistan.
STANDARD: Dieser präventiven Wirkung steht der Vorwurf entgegen, die Sondertribunale arbeiteten zu langsam. Stimmt das?
Winter: Es dauert lang, aber das ist nicht die Schuld der Richter. Als ich nach Sierra Leone kam, stand dort nicht einmal ein Gerichtsgebäude. Wir brauchten eineinhalb Jahre, bevor wir eine Bürostruktur und erste, geschulte Mitarbeiter hatten. Das sind die wahren Bedingungen, doch über die sprechen die Kritiker nicht. (DER STANDARD, 31.3.2012)
USA begrüßen demokratische Fortschritte in westafrikanischem Land
Ergebnisse in ehemaligem Bürgerkriegsland in einer Woche erwartet
14.000 Polizisten und Soldaten sollen Ausschreitungen verhindern
Wahlen als Test für demokratische Konsolidierung nach Bürgerkrieg von 1991 bis 2002
UNIPSIL dauert bis zum 31. März 2013
Umstrittene Initiative gegen große Anzahl an Schwangerschaften bei Jugendlichen
Sierra-Leone-Tribunal in Finanznöten
Sondertribunal sieht Kriegsverbrechen als erwiesen an - RUF-Anführer Issa Sesay zu 693 Jahren verurteilt
Der neue Präsident Ernest Koroma verspricht einen Neuanfang - Ein Kopf des Tages
Man muss froh sein, wenn dieses Thema angesprochen wird. Ein größeres Verbrechen ist kaum vorstellbar, trotzdem ist es medial wenig vertreten.
Allen, die sich dagegen engagieren, sollte mehr Unterstützung zukommen. Das Engagement sichtbar gemacht werden, damit die Folgen dieser Brutalitäten bekannt werden.
Sehe ich nicht so. Die Fragen waren zum großen Teil relevant und Frau Winter hat gesagt, was Sache ist.
Ich nehme an der Artikel hängt mit der nahenden Urteilsverkündigung von Taylor zusammen. Ich wünsche ihm ein langes Leben im Gefängnis.
Das hilft dem Land allerdings auch nichts. Es wird nach wie vor ausgebeutet und wir sind mitschuldig, da wir Regierungen wählen die diese Ausbeutung nicht kritisieren oder sogar unterstützen.
... und mit der Tatsache, dass Sierra Leone gerade auf die SOO gut gemeinte Entwicklungshilfe von Amerika scheißt .. weil die ja ihr ganz uneigennützig hin entsandtes Team von mehr als 100 Fachleuten wieder abziehen mussten, weil das Land lieber das Geld alleine verdient, als freiwillig den Amerikanern zu überlassen?
Auf einmal werden Geschichten ausgegraben, die seit 1997 niemand wirklich interessierten und über die Medien ganz Europa sensibilisiert, sodass wir dann ein paar Monate später einen Krieg rechtfertigen können. Und während Europa unter Tränen den Erlösern zujubelt ..
... sich diese dann heimlich das Öl unter den Nagel reissen!
selbes Muster ... wie immer!
Und auch der Standard wieder mit dabei!
hauptsächlich die Briten, reissen sich schon einen grossen Teil der seltenen Mineralien, sowie Diamanten, unter den Nagel.
Beim Erdöl in Küstennähe scheinen wohl die Russen die Nase vorn zu haben.
Den Menschen von Sierra Leone wird wohl nicht viel bleiben.
sondern die Menschen.
Das Land ist reich an Bodenschätzen, mit einer paradiesischen Landschaft (jedenfalls dort, wo nicht gegraben wird).
Zur Traumatisierung der Menschen: das wäre eine Untersuchung wert, auffälig ist das hohe Auftreten von Stottern.
erzählt die geschichte dreier mädchensoldaten, vergewaltigt, unter drogen gesetzt und gezwungen furchtbarste dinge zu tun. sie haben überlebt und erzählen ihre erlebnisse ungeschönt, ungeschnitten, hautnah:
http://www.youtube.com/watch?v=fYQBWNIQUZE
(& weiterführende links)
ich sah diese doku unlängst auf ARTE und sie lässt kaum mehr los
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.