Wolfgang Weisgrams ungarische Rhapsodie

Welche Geschichte erzählt Ungarn? Und was soll einer sagen zu diesem Land, das ihm seit Jahrzehnten ans Herz gewachsen ist Wolfgang Weisgram versucht es in mehreren quergestellten Anläufen

Über Ungarn zu reden ist schwierig geworden in diesen Jahren. Das ist nicht nur mein Eindruck, aber mein Eindruck auch, wobei ich ehr licherweise vorausschicken muss, dass ich unter einer gewissen Magyarophilie leide und deshalb diesbezüglich vielleicht ein wenig zur Übertreibung neige.

Vor langer Zeit, Anfang der Achtzigerjahre war das, habe ich mein Herz verloren in der Nähe des Donauknies und vor allem donauabwärts, in Budapest. Das Land, die Städte und die Menschen waren mir von Anfang an in einer Weise vertraut, dass ich gar nicht anders konnte, als sie für meine engere Verwandtschaft zu halten. Und daran hat sich bis zum heutigen Tag nicht wirklich etwas geändert.

Den Magyarischen mag ich nähergekommen sein in diesen vergangenen dreißig Jahren. Dem Magyarischen allerdings nur ganz wenige Zentimeter. Aber die reichten zumindest aus, ein paar grundlegende Magyarismen zu überreißen. Denn wer es unternommen hat, als Spätberufener und Untalentierter die vergebliche Liebesmüh auf sich zu nehmen, dem Ungarischen, wenn schon nicht nahe, so doch ein wenig näher zu kommen, wird eine blasse Ahnung davon bekommen, wie verlassen, ja verloren und einsam, sich die Sprecher dieses agglutinierenden Undings zuweilen fühlen mögen. Durch ihre eigene Sprache werden sie gezwungen, die Welt verkehrt - buchstäblich von der "másik"-Seite her - wahrzunehmen. Viel von dem, was man an Ungarn, nicht nur dem aktuellen Ungarn, zum Kopfschütteln findet, rührt wohl auch davon her.

Eigentlich müsste man ja über Viktor Orbán reden in diesen Tagen. Aber ich will nicht. Auch deshalb, weil es zu vermeiden gilt, dem Regierungschef eines befreundeten Nachbarlandes die Dinge so auszurichten, wie sie einem gerade auf der Zunge liegen. Ich lasse mir doch von so einem meine Gefühle für dieses Land nicht durcheinanderbringen. In solchen Tagen und zu solchen Anlässen, zu denen einer unentwegt versucht wäre, wenigstens verbal ordentlich auf den Tisch zu hauen, sollte man sich - und einander - doch daran erinnern, dass dieses schöne Ungarland nicht nur aus Viktor Orbán und seinen Spießgesellen von diesseits und jenseits des rechten Randes besteht.

Eine Diktatur wird Ungarn schon nicht werden, es genügt, dass die Viktátur ausgerufen wurde in Orbánistan. Das ist schlimm genug, führte allerdings auch dazu, dass immer mehr Menschen auf die Straße gehen "wider den Viktátor", wie Karin Rogalska ihren Beitrag für das empfehlenswerte Buch der deutschen Zeitschrift Osteuropa - "Quo vadis, Hungaria? Kritik der ungarischen Vernunft" - übertitelt. Auch wenn dazugesagt werden muss, dass der Fidesz immer noch mehr Menschen zu mobilisieren weiß.

Mehr als schlimm, nämlich echt beleidigend, ist es freilich, andauernd von dem in Ungarn verzapften Mist belästigt zu werden. Dass man, will man sich ein Bild von Ungarn machen, sich mit einem wie dem Fidesz-Mitbegründer Zsolt Bayer befassen müsste, einem nicht nur politischen Saubartl allererster Ordnung, in dessen TV-Sendung unlängst die Kritik einer österreichischen grünen Europaabgeordneten an antisemitischen Kundgebungen in Ungarn so analysiert wurde: "Da kommt so eine gehirnamputierte, an Krätze leidende Idiotin an, Ulrike Lunacek, und das ist noch viel zu fein ausgedrückt. Das Ganze ist eine stinkende Hurenlüge aus dem Mund einer gemeinen Sau."

Soll man dazu wirklich etwas sagen müssen? Im Jahr 2012? In Europa? Außer halt, dass der - aber ja: Westentaschen-Streicher Bayer den einige auch einen "Fäkal-Antisemiten" nennen, ein Orbán-Vertrauter ist, im Vorjahr ausgezeich net mit einem Preis für besondere Verdienste in den Bereichen Wissenschaft, Literatur, Künste sowie Kultur- und Bildungsarbeit.

Nein, lieber erzähle ich vom Sommer 2003, einem wahren Jahrhundertsommer mit zahlreichen Tropennächten, die für das Zusammensitzen so förderlich sind. Einen Teil dieses Sommers durfte ich mit einem jungen, hochintelligenten Mann verbringen, der im Burgenland ein Medienpraktikum absolvierte, das notwendig war für seinen Abschluss an der Pázmány-Universität nahe Budapest. 2003 - Wolfgang Schüssel regierte seit dem Vorjahr auf einem komfortablen Polster von 42,3 Prozent und mit einem deutlich geschwächten Beiwagerl namens FPÖ - versuchte ich zu verstehen, warum so ein junger, gescheiter, weltoffener und dem Rock 'n' Roll huldigender Mann sich so sehr angetan zeigte von Viktor Orbán, dessen erste Regierungszeit im Jahr zuvor auch nicht gerade rühmlich zu Ende gegangen war.

Das Verständnis wollte sich nicht einstellen und tut es auch heute nicht, da mein Freund, dieser András Stumpf, ein mittlerweile sehr bekannter Journalist des Magazins Heti Válasz ist. Seinem Namen zufolge gibt dieses Magazin wöchentlich "Antworten", das aber als eine Art intellektueller Muskel des Viktor Orbán, bösartig formuliert als das obere Ende dessen, von dem Zsolt Bayer das untere verkörpert. Mit András Stumpfs Kommentaren hat zuweilen auch der Fidesz keine rechte Freude, etwa mit jenem über die peinliche Plagiats affäre des Staatspräsidenten Pál Schmitt, dem in dieser Woche der Doktortitel aberkannt wurde. Stumpf hat allerdings einen Eindruck hinterlassen, der mich ein wenig nachdenklich machte und bescheiden, was meine Urteilskraft übers Magyarische betrifft. Denn da, im Sommer 2003, redete einer, der die europäische Wende 1989 noch als Kind miterlebt hatte. Und dessen politische Kategorien gegenüber den meinen völlig verschoben waren.

Konservativ, ja reaktionär - das waren für ihn die Linken, jene also, die sich die kommunistische Erbschaft unter den Nagel ge rissen hatten und im munteren Privatisieren trachteten, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Die hatten ihm nichts anzubieten. Vor allem keine Geschichte, keine Erzählung davon, wie es jetzt weitergeht. Orbán erzählte auch keine Geschichten, aber immerhin: Er druckte sie, die G'schichtln. Wie gesagt: Verstanden habe ich ihn und damit das neuere Ungarn nicht. Aber beim Widersprechen hab ich mir nicht besonders leichtgetan. Und so zog ich mich bald aufs Neutrale des Berufsethos zurück und beharrte dar auf, dass ein Journalist, der auf sich hält, keine ideologische Agenda haben dürfe. Aber in dem Moment, in dem ich das dem angehenden Kollegen aus Budapest wie Wasser predigte, wurde mir schmerzlich bewusst, wie sehr ich doch ein weintrinkender Österreicher war, der sich auch erst daran zu gewöhnen hatte, dass es kaum noch Parteizeitungen gab. Höchstens einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Aber definiere als Österreicher einem Ungarn einmal "öffentlich-rechtlicher Rundfunk".

Weitaus lieber als von Orbán und seiner zensurverdächtigen Medienbehörde erzähle ich von der Lehrerin des András Stumpf, die den Schüler auch nicht versteht, ja sich zuweilen über ihn ärgert. Von Márta Nagy, einer Germanistin, die unterrichtet hat an der Pázmány-Universität, im mitteleuropäischen Kulturinstitut gearbeitet hat und das nun am Budapester Goethe-Institut tut. Von ihr erzähle ich besonders gerne, weil sie und ihr Mann, der famose Übersetzer Lajos Adamik, sich ihre feinziselierten Samisdat-Wahrnehmungen herübergerettet haben in die neuen, die gröberen Zeiten. Es ist nicht so, dass die beiden dramatisieren würden oder aufgeregt mit den Flügeln schlagen, um so unentwegt "Alarm!" zu rufen. Aber jedem, der es wissen möchte, erzählen sie unmissverständlich davon, dass und wie sehr ihnen das Land unter der Hand verblödet. Ist das allerdings wirklich eine ungarische Besonderheit? Oder dieser magyarische Verfolgungswahn, der linke Verschwörungen nicht nur in Europa, sondern auch oder geradezu in Amerika sieht, wie Orbán unlängst erst die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wissen ließ? Kennt man die "Ostküste" nicht auch woanders sehr gut? Überall, überall, überall wird gegen Ungarn champagnerisiert! Darüber sollte man reden?

Viel, viel lieber erzähle ich weiter, was die Márta Nagy vor kurzem erzählt hat. Dass die Ungarn - jedenfalls die Budapester - gerade eine ganz neue Erfahrung machen. Die nämlich, dass es immer mehr ausländische Menschen gibt, die sich nicht bloß - so wie ich - vergeblich mühen, das Ma gyarische zu erlernen. Es gebe, sagt sie, Menschen aus aller Herren Länder, die diese Sprache auch sprechen, und zwar so, dass Magyaren das auch verstehen. Sie erzählt von einer Podiumsdiskussion im Goethe-Institut, bei der keine Ungarn auf dem Podium waren, sondern nur Menschen aus den unterschiedlichsten Himmels richtungen, deren Lingua franca aber Ungarisch war, weil sie hier lebten. Unter den Diskutanten fiel Márta Nagy ein in Budapest lebender Armenier auf, der die so wichtige Vokalharmonie völlig außer Acht ließ. Und doch war er absolut zu verstehen.

Ich brauchte einige Zeit, um mir über das Fundamentale dieser Wahr nehmung klar zu werden. Als Österreicher, der sich gerne und häufig die Welt erklären ließ und weiterhin lässt von Menschen wie Paul Lendvai oder früher einem Alfons Dalma, als Österreicher, der noch dazu konfrontiert ist mit Dialektvarianten aller Unverständlichkeits stufen, ist man so was gewöhnt. Für die Ungarn, die hinterm Eisernen Vorhang aufgewachsen waren, ist das etwas ziemlich Neues. Draufzukommen, dass die Welt sich so sehr für sie interessiert, dass viele gleich nach Budapest ziehen: um zu studieren, um zu arbeiten, um sich zu verlieben und dazubleiben. Das ist so anders, so diametral anders als der vom Fidesz ein ums andere Mal gepredigte Schmarrn, Europa, die Welt, die Juden oder wer auch immer hätte sich verschworen, dem Ungartum den Garaus zu machen. Daher müssen solche Erzählungen wie die von Márta Nagy un bedingt - und sei es bloß auch - in die inter essierten ausländischen Zeitungen gelangen.

Für einen Aufsatz hat Wolfgang Klotz, der Leiter des Belgrader Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, unlängst das 2000 erschienene Werk ei nes gewissen Lász ló Grespik ausgegraben, der damals immerhin Staatssekretär im Kabinett Orbán I gewesen ist. In diesem in drei Folgen erschienenen Essay, "Das Gesetz der Skythen" schrieb der Herr Staatssekretär, dass den Ungarn doch tatsächlich eine andere DNS eigne, eine mit "neun Drehungen". Das entspräche auch exakt der "Drehzahl des vom Planeten Sirius auf die Erde kommenden Lichts". Darauf, aufs Kosmische, sei die "ungarische Intelligenz", die "ungarische Seele" und auch "die Auserwähltheit des ungarischen Volkes" zurückzuführen.

Das ist, ohne jeden Zweifel, auch eine Geschichte. So wie jene über den südsibirischen - also quasi urungarischen - Schamanen, der unlängst im Budapester Parlament war, wo er die heilige Stephanskrone beschwor. Der Name dieser Krone bezieht sich auf Szent István, den ersten christlichen König Ungarns, den nunmehr auch die Verfassung in ih -rer Prä ambel, dem "Na tionalen Glaubensbekenntnis", be schwört.

Und ja, auch das ist natürlich eine Geschichte. Die da zugehörige Geschichte ist aber auch die von der damit mitbegründeten Weltoffenheit des Ungarlandes. Ausdrücklich ermahnte Stefan seinen Sohn Imre, die ins Land geholten "hospites" hochzuhalten und zu ehren, denn "ein Reich von nur einer Sprache und einer Sitte ist schwach und zerbrechlich".

Jean-Marie Le Pen, Jörg Haider, Silvio Berlusconi, jetzt Viktor Orbán. Europa ist, ungewiss wann genau, ins Trudeln gekommen. Aber nicht durch diese Figuren. Umgekehrt war und ist es: Dadurch, dass Europa ins Trudeln gekommen ist, haben diese Figuren erst ihren Platz gefunden. Es mag sein, dass das neue Europa seine Idee und damit auch seine packenden, die Menschen fesselnden Geschichten verloren hat. Von jener, die über den Wohlstand in Freiheit erzählt und einst in aller Munde war, ist jedenfalls längst schon keine Rede mehr. Stattdessen hört man an allen Ecken und Enden die Geschichten aus dem vorigen und dem vorvorigen Jahrhundert, von de nen längst erwiesen ist, dass sie die Zuhörer nicht nur zur Imbezillität, sondern auch zur Bösartigkeit und zur Niedertracht verleiten.

Vielleicht hätte sich das neue Europa auch eine neue Gründungsgeschichte erzählen müssen, statt nur mit dem Taschenrechner durchs neugewonnene Land zu laufen. Eine Geschichte vielleicht, wie ich sie miterleben durfte am 16. Juni 1989. Mit Lász ló Fülöp, einem 1956er-Emigranten, spazierten ich und 100.000 andere über die Népköztársaság útja hinaus zum Hosök tere, um dort mit den Überresten des 1958 hingerichteten 56er-Ministerpräsidenten Imre Nagy auch die Volksrepublik, die Népköztársaság, zu bestatten.

Budapest vibrierte damals vor Hoffnung und Spannung und Zuversicht und Neugier aufs Bevorstehende. Auf dem Hosök tere, dem Heldenplatz, ergriff auch ein junger, rebellisch wirkender Mann das Wort. Freund László ließ mich ein wenig teilhaben an dieser Rede, in welcher der 26-Jährige den Abzug der sowjetischen Soldaten forderte und den endgültigen Schlussstrich unters alte Regime. Auch dieser Viktor Orbán klang damals voller Zuversicht und Hoffnung. Er klang auch ein wenig wie ein Versprechen: Die Jungen werden die Sache jetzt schon in die Hand nehmen und das Land in eine demokratische, europäische Zukunft führen. Fidesz - das ist ja die Abkürzung von Fiatal Demokraták Szövetsége, also Bund junger Demokraten. Und Viktor Orbán schien damals ein Garant dafür sein zu wollen, dass der Name hält, was er so vollmundig versprach.

So was, diese Wiederbestattung der Opfer des ungarischen Volksaufstandes von 1956, mit dem die europäische Wende erst so richtig ins Laufen kam, wäre doch immer noch wert, erzählt zu werden. Weil doch in diesem Jahr - und wenn man will, an diesem Tag - erst das heutige Europa auf den Weg geschickt wurde. Inklusive Österreich übrigens, das seine EU-Mitgliedschaft ja ebenfalls dieser in Ungarn begonnenen Wende verdankt.

Stattdessen wurde diese Wende vielerorts als bloßer Sieg empfunden. Die Wiedervereinigung Europas geschah mit den Gesten des Triumphs. Ossis und Wessis gab und gibt es nicht nur in Deutschland. Und dass da die Ösis dazugehören, sollte auch nicht vergessen werden. Der Aufstieg der FPÖ zur künftigen Regierungspartei vollzog sich in den unmittelbaren Wendejahren, in denen das güldene Österreicherherz seine Europareife eindrucksvoll unter Beweis stellte mit erbärmlichem Ausländerhass und niederträchtigem Nachbarschaftsmobbing.

Jetzt hat es Ungarn voll erwischt. Dass Orbán und die Seinen nunmehr beinahe wüten, zumindest das tun, was man in Wien "sich nix scheißen" nennt, liegt an der verheerenden Zweidrittelmehrheit aus dem Jahr 2010, die nicht nur den ungarischen Wählern ein durchwachsenes Zeugnis ausstellt, sondern mehr noch den Sozialdemokraten von der MSZP, die fulminant gescheitert sind.

Ich neige dennoch dazu, lieber vor der eigenen Tür zu kehren. Denn ab und zu quält mich die Vorstellung, es könne einem H.-C. Strache so ein orbánistischer Wahlcoup gelingen. Gibt es irgendjemanden, der glaubt, Ös terreich würde sich dann wenigstens eine Spur zivilisierter verhalten? (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, ALBUM, 31.3/1.4.2012)

Links

pesterlloyd.net

pusztaranger.wordpress.com

Wolfgang Weisgram lebt im und berichtet für den Standard aus dem Burgenland, das bis 1921 Teil des Ungarlandes gewesen ist. Dessen Geschichte versucht er auch im Hinblick auf das einst so grandiose magyarische Fußballspiel zu bearbeiten.

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