Mit "unglaublichem Grant" raus aus der Durchschnittsfalle

2. April 2012, 16:30
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Statt Talente individuell zu fördern, orientiere sich das österreichische Bildungssystem am Durchschnitt, kritisiert Genetiker Markus Hengstschläger

Markus Hengstschläger promovierte im Alter von 24 Jahren, mit 29 wurde er außerordentlicher Professor, mit 35 Professor für Medizinische Genetik an der Medizinuni Wien, heute leitet er das Institut. Eine Biografie, die mit Durchschnitt nichts zu tun hat. So wollte er auch nie sein, deswegen möchte er aufrütteln: "Dieses Land zipft mich unglaublich an", sagt Hengstschläger. "Ich habe einen unglaublichen Grant." Kanalisiert hat er ihn in seinem Buch "Die Durchschnittsfalle. Gene - Talente - Chancen". Nicht um reich zu werden, "pro Buch bekommt man zwischen 30 und 50 Cent", sondern um auf Missstände aufmerksam zu machen, wie er betont.

Der Grant resultiert beim gebürtigen Oberösterreicher aus der österreichischen Mentalität, die im Bildungsbereich ihren Niederschlag findet. "Man kümmert sich überhaupt nicht um die Zukunft", kritisierte er am Freitag bei einem Vortrag in Wien. Mutlosigkeit paare sich mit Inkompetenz.

Auf der vermeintlich sicheren Seite

Ein Beispiel, das er immer wieder bringt, spielt im Turnsaal. Ein Ball wird irgendwann von irgendwem in den Raum geworfen. Ein Lehrer muss 20 Kinder aufstellen - mit dem Ziel, dass einer von ihnen den Ball fängt. "Was macht der Lehrer", fragt Hengstschläger, um gleich die Antwort zu geben: "Er wird die Kinder in der Mitte des Saales postieren." Warum? Weil der Ball die letzten zehn Male entweder von links oder von rechts gekommen ist. "Der Durchschnitt ist also in der Mitte." Das glaube auch die Politik.

Um das zu eruieren, werden Meinungsumfragen in Auftrag gegeben, Ländervergleiche angestellt, Beraterteams engagiert, sagt Hengstschläger und meint damit das zögerliche Agieren der österreichischen Politik. Nach der Devise: "Hauptsache, man irrt sich nicht alleine." Es sei "einfacher, mit der Mehrheit zu irren, als alleine recht zu haben". "Individualität und Flexibilität", predigt er, seien die Zauberwörter, um Zukunftsfragen zu lösen. Diesem Credo folgend müssten die Kinder quer über den Turnsaal platziert werden, um die Chance zu erhöhen, den Ball zu fangen. Und nicht in der Mitte.

"Evolution", so Hengstschläger, "ist das erfolgreichste Konzept des Planeten." Es gibt 7.800 Arten von Schnecken. "Nicht, weil sie so schön sind, sondern weil sie überleben wollen." Das Prinzip der Fortpflanzung: "Die nächste Generation ist anders als die der Eltern." Wäre das nicht so, könnten sich Menschen nicht an die sich verändernden Umwelt- und Rahmenbedingungen anpassen. Migration sei Teil der Evolution: "Bewegen wir uns nicht, so sterben wir aus."

Individuelle Förderung

Statt Talente individuell zu fördern, orientiere sich das österreichische Bildungssystem am Durchschnitt. Kommt ein Schüler mit drei Nicht genügend und einem Einser nach Hause, führt er aus, so werden die Eltern mit einer Schelte reagieren. Und Nachhilfelehrer engagieren, um die Scharte in diesen Fächern wieder auszumerzen. Das Fach mit dem Einser werde ignoriert statt zusätzlich forciert, weil: "Da ist er eh schon so gut." Mit dem Resultat, dass der Schüler in allen Fächern Durchschnitt wird, moniert Hengstschläger, um im selben Atemzug wieder zu relativieren, dass natürlich auch die Fünfer ausgebessert gehören. Aber wie? "Üben, üben, üben. Ohne das geht nichts."

Und jeder hat Talente, die es zu entdecken gilt. "Lehrer müssen sich auf die Suche nach individuellen Leistungsvoraussetzungen machen." Das größte Kapital, das Österreich hat, ist die Individualität. Jeder Mensch hat 22.000 Gene, sagt der Genetiker. Zwischen den Menschen gebe es einen genetischen Unterschied von gerade einmal 0,1 Prozent. "Biologische Restriktionen" liegen vor, klar, aber mit gezielter Unterstützung könne sehr viel erreicht werden. "Der Durchschnitt hat noch nie für Innovationen gesorgt." (om, derStandard.at, 2.4.2012)

Nachlese

"Der Durchschnitt ist das Konzept der Politik" - Markus Hengstschläger im Interview

  • Genetiker Markus Hengstschläger referierte beim Breakfast Briefing von Business Circle und Orange.
    foto: business circle/anna rauchenberger

    Genetiker Markus Hengstschläger referierte beim Breakfast Briefing von Business Circle und Orange.

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