Mit Strohhut und Solarzellen

1. April 2012, 16:26
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In El Salvador suchen ehemalige Guerilleros Wege in den friedlichen Alltag. Über das Geschäft mit Regenwürmern, den Duft der Pupusas und einen heiligen Holzspan

"Das ist das Gold der Erde." Estanislao Amayo schöpft tief in einen Komposthaufen und lässt hunderte Würmer durch seine Finger rieseln. Kiloweise verkauft er sie an die Bauern rundum, auch bei ihm nähren sie den Boden mit ihrem Dünger. Von Chemie will der Salvadorianer nichts wissen, schon vor Jahren hat er sich dem Biolandbau verschrieben, erzählt er, während er durch seine Felder stapft. Ananas wachsen im Schatten von Olivenbäumen. Mais und Bohnen kokettieren mit Bananen und Kaffee. In einem Teich tummeln sich winzige Fische, und vor seinem Ziegelhaus glitzern Solarzellen in der Sonne. Amayo streift die zappelnden Regenwürmer sanft von den Händen. "Wir haben hier alles, was wir zum Leben brauchen", sagt er, schiebt den Strohhut aus dem Gesicht und verleiht seiner Stimme ein wenig Pathos: "Hier bin ich geboren, hier will ich begraben sein."

Die grünen Hügel rund um seine Landwirtschaft im Hinterland von Morazán waren eine der Hauptschauplätze des blutigen Bürgerkriegs zwischen linken Guerillaeinheiten und Regierungstruppen, der zwischen 1971 und 1991 mehr als 75.000 Opfer forderte. Kaum einer in El Salvador hatte keine Toten zu beklagen. Zwei Jahrzehnte später reißt die Familien des Landes die starke Emigration auseinander. Zwei Söhne Amayos versuchen in den USA auf dem Bau ihr Glück. Vor 20 Jahren hat er sie das letzte Mal gesehen; wer illegal in den Staaten arbeitet, wagt keine Heimatbesuche. Seine jüngsten Kinder versucht der Bauer zum Bleiben zu bewegen.

Honduras ist von seinem Hof wenige Kilometer entfernt. Sixto Vigil deutet von einem Felsplateau aus übers Land. "Dort drüben verläuft die Grenze." Als Bub floh er mit seiner Familie ins Nachbarland. Mit 13 kehrte er mit seinem Vater zurück, um der Guerilla beizutreten. Rund um diesen Berg hätten sie gekämpft. Jetzt steht darauf ein schlichtes Hotel. Nie hätte er damals zu träumen gewagt, an diesem Ort einmal Pool und Tennisplatz vorzufinden, sinniert der kleine kräftige Mann mit dem samtenen Blick, heute ein Buchhalter. Den Vater hat er im Krieg verloren, für Freiheit würde er wieder kämpfen, "aber niemals mehr mit einer Waffe in der Hand".

Friedliche Dörfer

"Jung zu sein und kein Revolutionär ist ein biologischer Widerspruch", steht in Jocoaitique auf dem Denkmal eines Kommandanten geschrieben. Heute zählen die Dörfer im Osten Salvadors zu den friedlichsten Zentralamerikas. Die von San Salvador ausgehende Kriminalität wird nur in den Geschichten jener sichtbar, die ihre Arbeit in die Hauptstadt zwingt. Sonntags ziehen Kinder die Glocken der Kirchtürme. Im Schatten der Bäume wird aus Morroschalen an heißen Getränken aus Kokos und Mais genippt. Pupusas, gefüllte Maisfladen, verbreiten verführerischen Duft. Hie und da rumpelt ein Auto über die Pflastersteine und weicht den dösenden Hunden aus. Abends wird es schlagartig finster: Nur die Sterne beleuchten die Straßen, die Nacht gehört den zirpenden Grillen und dem Krähen der Hähne.

Reisende zieht es nur vereinzelt ins Land. Es sind vor allem Entwicklungsorganisationen wie Horizont 3000, die den Kontakt zur Bevölkerung suchen und beim Aufbau des Lebensunterhalts helfen.

Erinnerungen an den Bürgerkrieg

Im März hat die Rechte die Mehrheit im Parlament zurückerobert. Idylle und Gewalt, Religion und soziale Konflikte liegen in Salvador nach wie vor eng beieinander. In Perquin erinnert ein Freilichtmuseum an den Bürgerkrieg. Hinter einem Vorhang aus Patronenhülsen eröffnet sich ein nachgebautes Guerilla-Camp. Lachende Besucher, die für Fotos mit Waffen posieren, lassen einen die Flucht über Hängebrücken und Schützengräben antreten. Im Revolutionsmuseum nebenan: verblichene Bilder und Zeitungsartikel. Das Geplänkel wird leiser. Im nahen Mozote verstummt es. An einem Dezembertag 1982 wurden in dem winzigen Ort 1200 Menschen, darunter hunderte Kinder, von Regierungstruppen ermordet. Vor der mit ihren Namen und bunten Mosaiken versehenen Kirche blühen die Rosen.

Im Schatten der Vulkane liegen quirlige Städte wie San Miguel. Schwer bewaffnete Polizeipatrouillen passieren die Straßen und bewachen das Krankenhaus. An einer Ecke lässt ein Coca-Cola-Laster seine Lieferung mit Maschinengewehren absichern. Zwei Fahrstunden weiter in Alegria raubt nur noch der tiefe Blick ins Tal den Atem. Bepackt mit Obst und Krabben war ein Bus dorthin die steile Straße emporgekeucht. Die Besitzerin einer Herberge weiht, ehe sie Wege zum Kratersee weist, in die wundersame Bewandtnis des Bergdorfes ein.

Marienerscheinung in der Tomate

Dreimal schon sei die Heilige Mutter Maria hier erschienen, jüngst sogar in ihrem Haus. "Auf einem Holzspan, der von einem Sesselbein absplitterte", erzählt die betagte Dame andächtig. Eingebettet in Watte, von Kerzen und Heiligenfiguren umgeben, ruht dieser in einem Schrein und harrt der Pilger. Man möge ihr doch berichten, wenn sich ein gleiches Wunder auch in Österreich zutrage, bittet sie. Aus Australien jedenfalls sei ihr eines bekannt: "Auf einer aufgeschnittenen Tomate hat sich Maria den Menschen offenbart." Den zweifelnden Blick tut sie mit nachsichtigem Lächeln ab: "Es ist nicht wichtig, welcher Religion du angehörst. Aber glauben müssen wir an etwas." Ohne nur einen Cent anzunehmen, nimmt ihr Sohn Gäste mit in die Hauptstadt. Vorbei an Maquilas, Fabriken in zollfreier Zone, in denen tausende Salvadorianer für internationale Textilketten zu Billiglöhnen schuften, und Elendsvierteln, die sich an steile Hänge schmiegen. Da und dort thronen pompöse Villen. "Drogengeld", quittiert ein Einheimischer knapp.

Carolina Baiza lässt sich von den Wirren nicht beirren. Studiert hat sie in Europa, zurückgekommen ist sie beseelt davon, beim Aufbau ihres Landes mitzuhelfen. Als Hippie sei sie abgetan worden, als sie ihre Chance im Tourismus sah und ihr kleines Hotel in der Hauptstadt auf Umweltschutz umrüstete, lacht sie und schüttelt ihre dunklen Locken. Heute gilt sie landesweit als Vorreiterin für nachhaltiges Wirtschaften. "El Salvador ist im Aufbruch. Wir stehen noch ganz am Anfang, aber was gibt es Schöneres, als Pionier sein zu dürfen." (Verena Kainrath/DER STANDARD/Rondo/30.3.2012)

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    Den Machismo an der Wurzel packen: Männer unter sich beim Friseur.

  • Ein Leben ohne Gewalt wünschen sich die Frauen von Suchitoto.
    foto: verena kainrath

    Ein Leben ohne Gewalt wünschen sich die Frauen von Suchitoto.

  • Artikelbild
    foto: verena kainrath
  • Das steht an allen Ecken des Dorfes geschrieben.
    foto: verena kainrath

    Das steht an allen Ecken des Dorfes geschrieben.

  • Anreise & Unterkunft
Flüge von Wien über Madrid nach San Salvador bietet etwa www.iberia.com
Hotel Arbol de Fuego in San Salvador.
Hotel Perkin Lenka in Perquin.
Hotel Cartagena in Alegria
Infos auf www.horizont3000.at
    grafik: der standard

    Anreise & Unterkunft

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