Die tägliche Gurke

Michael Schmidt fotografiert Essen so, wie sozialistischer Realismus gern ausgesehen hätte

Michael Schmidt fotografiert wie einer, der Michael Schmidt heißt, nämlich ganz normal, das jedoch frontal und radikal. Ein Brot besteht aus zusammengebackenen Krümeln, weißlich, wahrscheinlich von der Sorte, wo man nicht wirklich über Geschmacksnuancen philosophieren wollte. Die Gurken sind solche dünnen, leicht gekrümmten Salatgurken aus den endlosen südspanischen Gewächshangars, die Michael Schmidt auch ausführlich ins Bild nimmt, keine prallen Bauerngurken. Dafür liegen Schmidts Gurken in Pappkartons, die gut stapelbar sind.

Wer also unter "Lebensmittel" das feinsinnig empathische Gespräch über unterschiedliche Sorten von Himbeeressig versteht, ist hier nur indirekt gemeint, nämlich als eine Randgruppe, die hier grade nicht im Mittelpunkt steht. Ich denke, Michael Schmidt wünscht sich auch nicht, dass Fleisch 30 oder 40 Euro pro Kilo kosten sollte, um als besonders kostbar zu gelten. Stattdessen porträtiert er ein Stück Wurst aus dem Supermarkt oder drei Blatt Schinken oder ein Stück normales Schweinskarree inklusive der Plastikverpackung fürs Kühlregal. 

Sozialistischer Realismus

Die hier fotografierten Lebensmittel sind solche, mit denen, Tag für Tag, Montag bis Sonntag, auch ein paar hundert Millionen Menschen quer durch Europa und durch alle Klassen sich ernähren können - und ohne Wochen im Voraus einen Tisch zu reservieren. Das geht natürlich nicht ohne Pathos ab. Wenn Schmidt einen Paprika oder eine Mango porträtiert, ist das so, wie sozialistischer Realismus gerne ausgesehen hätte, wenn er ganz echt sein wollte, also ohne Parteikomitee. Oder, noch klassischer, aus der Fotogeschichte zitiert: So wie August Sander in den 1920er-Jahren einen Ziegelarbeiter oder einen Metzgermeister abgebildet hat, ungeschminkt, immer ernsthaft, eben auch pathetisch. Und genau so geschieht das hier mit der Gurke und den Erntearbeitern. Von denen sieht man vornehmlich den Rücken, gebückt und verkrümmt.

Hier schwingt das 19. Jahrhundert nach und tut nicht postmodern auf 21. - obwohl am Ende jedes einzelne Detail ganz heute und hundertprozentig gegenwärtig ist. Im 19. Jahrhundert ist schließlich auch die ganze Fotografie beheimatet, anfangs schwarz-weiß, so wie die Mehrzahl von Michael Schmidts Aufnahmen. Diese Vergangenheit ist indessen oft nachdrücklicher die Heimat des 21. Jahrhunderts, als einem lieb sein mag - Stichworte: Industrialisierung, Massenfertigung, Globalisierung. In dieser Zeit dachte, beobachtete und schrieb etwa auch Thomas Robert Malthus (Essay on the Principle of Population, 1798), der sich überlegte, wohin es führt, wenn immer mehr Menschen die Erde bevölkern und Nahrung wie auch ihren Platz in der Welt suchen:

Aufschrei für eine Verbesserung

"Ein Mensch, sagte er, der in einer schon occupirten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren, oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen."

Natürlich sind die Bilder von Michael Schmidt über die Lebensmittel ein Aufschrei für eine Verbesserung der Bedingungen, für die Erntearbeiter wie fürs Gemüse, umfassend und geradlinig, aber eben gewerkschaftsmäßig robust und nicht vegan. Mit aktueller Entrüstungsliteratur in Sachen Leben und Essen - Stichwort Thilo Bode: Die Essensfälscher - hat das alles nichts zu tun. Darüber sind manche einschlägige Besprechungen eher ratlos ausgefallen. "Eine Wurst, wer da noch lacht", alberte sich der Spiegel ungelenk an die Bilder heran. Besser wusste es Die Welt: "Tatsächlich lässt sich am Tisch des Ehepaars Schmidt fabelhaft über schlechte Produkte schimpfen, über exzellentem Essen, versteht sich." 

Mit Gefühl und Respekt

Der frontale Blick, den Michael Schmidt auf Lebensmittel wirft, ist über Jahrzehnte erprobt, mit immer neuen Aufnahmen von scheinbar belanglosen Zwischenräumen, insbesondere in Berlin, noch zu Zeiten der Mauer, und auch danach, in Porträts von Menschen, von Jugendlichen ganz so wie in Selbstporträts. Als ich ihn, vor vielen Jahren, bei einem Symposion der Camera Austria in Graz, flüchtig kennenlernte, wirkte er wie jemand, der fast nur aus konzentrierter Aufmerksamkeit zu bestehen schien, aber das ohne alles Gedöns erledigte, berlinerisch eben.

Auf ihre unverwechselbare Art sind diese Blicke sogar ein wenig humorvoll, wenngleich immer mit Gefühl und mit Respekt. Wollten eine Kuh oder eine Gurke sich selbst fotografieren, könnten deren Bilder so aussehen wie die von Michael Schmidt. (Rüdiger Wischenbart, Rondo, DER STANDARD, 30.03.2012)

Michael Schmidts Ausstellung wird auch in Innsbruck gezeigt

Michael Schmidt, geboren 1945 in Berlin, ist einer der führenden zeitgenössischen Fotografen in Europa. Zu seinen wichtigsten Publikationen (alle in Schwarz-Weiß) zählen die Buchprojekte zu den Themen Berlin-Kreuzberg, 1984, Waffenruhe, 1988, EIN-HEIT, 1991, Frauen, 2000, sowie Irgendwo, 2005. Eine seiner frühesten Ausstellungsbeteiligungen ist die Teilnahme an Fotografie 1983 (Forum Stadtpark / Camera Austria, Graz). Das Buch Lebensmittel erscheint im Snoeck Verlag (ISBN 978-3-940953-93-3) in einer nummerierten Buchhandelsausgabe (1-1000) bis zum 30. 4. zum Subskriptionspreis von 97 Euro (danach 128 Euro). Die Ausstellung Lebensmittel wird vom 4. März bis 13. Mai 2012 erstmals im Museum Morsbroich präsentiert. Im Anschluss daran zeigt die Galerie im Taxispalais in Innsbruck (16. Juni bis 26. August 2012) das Projekt.

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    foto: michael schmidt
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Michael Schmidt aus der Serie Lebensmittel.
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    Michael Schmidt aus der Serie Lebensmittel.
  • "Lebensmittel" erscheint im Snoeck Verlag.
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    "Lebensmittel" erscheint im Snoeck Verlag.

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