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"Die Studierenden hätten sich grundsätzlich überlegen können, wie eine Neuorganisation des tertiären Sektors ausschauen könnte."
Ein neues Finanzierungsmodell und flexiblere Studienpläne: Am Mittwoch hat die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) ein Papier präsentiert, in dem sie schildert, wie sie sich die Zukunft der Universitäten vorstellt. Unter dem Titel "Forum Hochschule" wurden als Gegenentwurf zum Hochschulplan des Wissenschaftsministers Konzepte und Ideen gesammelt. Die Präsentation fand an der Akademie der bildenden Künste in Wien statt. Rektorin Eva Blimlinger erklärt im Gespräch mit derStandard.at, warum sie sich die Ideen der ÖH visionärer gewünscht hätte und weshalb sie didaktische Weiterbildungen für Universitätslehrende sinnvoll finden würde.
derStandard.at: Die ÖH hat viele Ideen für die zukünftige Gestaltung der Universitäten präsentiert. Wie lautet Ihre Beurteilung - sind das Denkanstöße oder Utopien?
Blimlinger: Es sind in vielen Bereichen sicher Denkanstöße. Mir taugt die Energie, die hier hineingesteckt wurde. So etwas in so kurzer Zeit zu produzieren ist eine großartige Leistung. Was mich, ich möchte fast sagen, traurig stimmt, ist, dass man mit der Präsentation einer Formel, wie sich ein Budget rechnen lässt, einen ökonomistischen Ansatz verfolgt. Dieser hat sich offenbar schon derart hegemonialisiert hat, dass er auch unter Studierenden Platz greift.
Die ÖH hat zwar eine Drittelung des Budgets vorgeschlagen, was sich zugunsten einer Grundfinanzierung auswirkt, aber ich bin dennoch enttäuscht. Es ist natürlich die Erwartung da, dass die ÖH etwas produzieren soll, das man auch umsetzen kann. Es könnte aber noch mehr Power an weiterreichenden Ideen geben.
derStandard.at: Sind Ihnen die Vorschläge zu praxisnah?
Blimlinger: Das ist nicht der Punkt. Praxisnah ist gut, aber es ist ökonomistisch. Wenn ich versuche, eine Finanzierung zu rechnen - mit welcher Formel auch immer -, dann ist das ein Ansatz, den ich in einem Hochschulforum wie diesem, das von der HochschülerInnenschaft ausgeht, durchaus für problematisch halte.
derStandard.at: Worauf hätte sich die ÖH mehr konzentrieren sollen?
Blimlinger: Ich will nichts vorschreiben, es sind Diskussionsergebnisse. Aber die Studierenden hätten grundsätzlich überlegen können, wie eine Neuorganisation des tertiären Sektors ausschauen könnte. Letztendlich ist das Einzige, was ganz neu ist, die vorgeschlagene Vereinheitlichung des tertiären Sektors. In allen anderen Bereichen bleibt die Struktur, wie sie ist. Es orientiert sich sehr an Bestehendem.
Gut, der Senat soll mehr Rechte kriegen, und das Rektorat ist dann quasi eine Art Vollzugsorgan. Da frage ich mich aber, wozu man dann noch ein Rektorat braucht. Der Rektor oder die Rektorin macht dann den Grüßaugust.
derStandard.at: Vielleicht agierte die ÖH ökonomistisch, weil sie oft den Vorwurf bekommen hat, dass sie Ideen liefert, die man nicht umsetzen kann?
Blimlinger: Das wird dieses Mal auch so sein. Die Antwort der Politik wird genau die gleiche sein: Es ist zu teuer, es ist eine Utopie, Autonomie heißt nicht, dass alle mitreden können. Die Argumente werden nicht viel anders sein. Der Slogan "Lesen und Umsetzen" wird wieder nicht zur Kenntnis genommen werden, in der Vorstellung, dass es zu utopisch ist. Man wird wieder sagen, das ist alles zu visionär. Bei mir ist es genau das Gegenteil, ich hätte es mir visionärer gewünscht.
derStandard.at: Stichwort Autonomie der Universitäten. Sie haben in Ihren Eröffnungsworten gesagt, die Autonomie stehe zur Disposition. Was haben Sie damit gemeint?
Blimlinger: Der Begriff wird in einer Weise verwendet, wo überhaupt nicht klar ist, was Autonomie bedeutet. Die Bandbreite des Verständnisses von Autonomie ist groß. Die Studierenden sagen, Finanzen, Forschung und Lehre sollen selbstständig gemacht werden. Aus meiner Sicht heißt Autonomie aber nicht, dass es nicht eine gesellschaftliche und staatliche Verantwortung gibt. Der Staat muss definieren, wie sich die Autonomie entwickeln kann. Ich glaube, es sollte eine Grundsatzdebatte geben, wie die Autonomie der Universitäten von allen beteiligten Personen verstanden wird.
derStandard.at: Was ist Ihr Verständnis?
Blimlinger: Dass die Universitäten als eigenständige Institutionen fungieren können, aber mit einer klaren Rahmenbedingung, was der staatliche Willen ist, was an den Universitäten gemacht werden soll. Es muss den Rahmen und das Geld geben, und dann entscheidet die Universität autonom darüber, was ihre Lehre und ihre Forschung ist, wie sie sich konstituiert.
derStandard.at: Die ÖH spricht sich gegen Studiengebühren aus. Sie haben als Rektorin der Akademie auch angekündigt, keine einheben zu wollen. Andere Universitäten halten sich das noch offen. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Blimlinger: Keine Ahnung. Wie das weitergeht, weiß ich nicht. Einzelne Universitäten ziehen jetzt nach (BOKU und Musik-Uni Wien, Anm.). Hier komme ich wieder zum Thema Autonomie. Es wurde gesagt, die Universitäten können autonom entscheiden, ob sie Gebühren einheben wollen oder nicht - aufgrund einer fehlenden politischen Entscheidung. In meinen Augen ist es eine politische Entscheidung zu sagen, es gibt Studiengebühren oder nicht. Dagegen kann man dann natürlich politisch agieren. Aber zu behaupten, das kann eine Universität, die staatlich finanziert wird, autonom entscheiden, ob sie Studiengebühren einheben soll oder nicht, ist ein falsches Verständnis von Autonomie.
derStandard.at: Die ÖH hat in ihrem Papier einen großen Schwerpunkt auf die Qualität der Lehre gelegt. Es wurden Ergebnisse einer Studie präsentiert, dass die Studierenden hier unzufrieden sind. Die ÖH fordert, dass die Lehrenden pädagogisch besser ausgebildet werden. Eine gute Idee?
Blimlinger: Die UniveritätslehrerInnen sind das einzige Lehrpersonal, das keine pädagogische Ausbildung hat. Sie sind Experten in ihrem Fach, aber haben nie eine Verpflichtung gehabt, eine didaktische Ausbildung oder Bildung zu erhalten. Es gehört klargestellt, wie man das in Zukunft organisieren will. Allerdings halte ich nichts von verpflichtenden Weiterbildungen alle fünf Jahre, wie das seitens der ÖH angedacht wurde. Weiterbildungen funktionieren nur, wenn sie freiwillig sind. Es ist aber nicht einzusehen, dass diejenigen, die im höchsten Bildungsbereich agieren, diejenigen sind, die überhaupt keine didaktische Ausbildung haben.
derStandard.at: Was erwarten Sie sich jetzt vom Hochschulplan des Wissenschaftsministers?
Blimlinger: Ich hoffe, dieselbe Energie und derselbe Enthusiasmus fließen auch in den Hochschulplan. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 29.3.2012)
Eva Blimlinger (51) wurde im November 2011 als Rektorin der Akademie der bildenden Künste inauguriert. Davor war sie Forschungskoordinatorin der Historikerkommission der Republik und seit 2008 wissenschaftliche Koordinatorin der Kommission für Provenienzforschung. Sie lehrte an verschiedenen österreichischen Universitäten und leitete an der Universität für angewandte Kunst Wien das Büro für Öffentlichkeitsarbeit.
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es steht frau blimlinger et al. frei, nicht ökonomistisch zu denken. konsequenterweise sollte sie aber dann für einen gotteslohn arbeiten um endlich sich und die uni von den lästigen fesseln des mammons zu befreien. put the money where your mouth is!
mit solchen urteilen würd i vorsichtig sein. hab als ausländer in ö studiert, nix vom staat gekriegt (im gegenteil, damals hast als nicht-ö brav gezahlt), dafür aber brav gearbeitet. und getränkesteuer bezahlt. ergo: immer langsam mit den rössern.
auch ein finanzierungskonzept zu präsentieren, sonst würden es alle für komplett unglaubwürdig halten. so ists natürlich eine vision, aber gibt viele dinge die ma umsetzen sollte - zum beispiel was die verändeurngen bei der lehre angehen und so.
Ja, das ist ein Wahnsinn, daß man sich im Zusammenhang mit Unireformen Gedanken über die Finanzierung macht. Unis soll man einfach so gestalten, wie sie einem am leiwandesten vorkommen. Dann hält man die Hand auf und brüllt so lange, bis die öffentliche Hand alles bezahlt hat.
Die Frau Blimlinger hat sich in der geschützten Werkstätte Universität wirklich noch einmal ein Spezialkammerl gesichert.
Als Akademie der bildenden Künste kann man sich solche Positionen leisten, allerdings ist das ein bisschen pharisäerhaft, weil die sich natürlich ihre Studenten längst selektieren, wie es ihnen gefällt.
Die "Peinlichkeit der Durchführung" dieser ganzen "visionären" Positionen zeigt sich erst auf den Unis ohne solche Privilegien.
Die Debatte über Autonomie ist ziemlich anstrengend. Ich bin entschieden dagegen, dass die Unis entscheiden, wer studiert. Das würde erst recht dazu führen, dass reichere Leute studieren und die soziale Mobilität bedeutend beeinflussen. Außerdem gibt es Studienrichtungen, bei denen man „nur“ mit Bachelor chancenlos ist, Arbeit zu finden.
Immer dieses Totschlagargument "dann dürfen nur mehr die reichen studieren" - Warum?
Wird etwa z.B. bei den Medizinaufnahmetests der Finanzstatus abgefragt?
Und wo ist die soziale Druchmischung besser? In den Unis oder FHs (die sich die Studenten aussuchen)?
Und wo ist die soziale Druchmischung besser? Auf österreichischen Unis oder an durchschnittlichen europäischen Unis?
Soziale Mobilität wird in Zukunft von Privatuniversitäten (mit Studiengebühren) eingeschränkt werden; und die werden (bei den Reichen) regen Zulauf haben wenn die staatlichen Unis ihren elitären Status verlieren.
Was heißt da "warum"? Zugangsbeschränkungen sind soziale Selektion, weil Wissen vererbt wird, weil sich die Kinder reicher Leute es leisten können, sich auf das Studium zu konzentrieren und dafür nicht nebenbei arbeiten müssen. Das ist nun einmal Realität.
Leider gehen sie auf meine drei Argumente/Gegenfragen überhaupt nicht ein...
Ich versuche aber trotzdem auf Ihre einzugehen:
Es gibt de facto weit verbreitet eine Zugangsbeschränkung - die nennt man "rausprüfen" (Ja, das gibt es...). Sozial schwache Studenten haben daher schon jetzt einen Nachteil weil sie in diesem wichtigen ersten Jahr diese Dauerdoppelbelastung haben.
Bei einer Auswahl VOR dem Studium wäre dem eben nicht so. Das Aufnahmenverfahren wäre relativ kurz und daher finanziell wesentlich weniger belastend.
Bei Beschränkung der Masterstudien lass ich ihren Gedankengang gelten.
Aber meine Grundbehauptung ist die folgende:
Selektion IM Studium ist sozial selektiver als Selektion VOR dem Studium, und ohne geht es nicht
Auch bei der Selektion vor dem Studium fliegen tendenziell weniger wohlhabende Leute öfter raus.
Aber ich gebe auch zu, dass ich mich ungenau ausgedrückt habe. Ich bin zwar gegen soziale Schranken, hier wollte ich aber kritisieren, dass Rektoren tatsächlich fordern, bestimmen zu können, wer den Master macht und wer „nur“ bis zum Bachelor kommen darf.
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