Denken wir mit dem Bauch?

  • Einige Neurowissenschaftler bezeichnen das Bauchhirn als Kopie der Gehirnes im Kopf.
    foto: eva kaliwoda/pixelio.de

    Einige Neurowissenschaftler bezeichnen das Bauchhirn als Kopie der Gehirnes im Kopf.

Entscheidungen werden zwar mit dem Bauch getroffen, denken kann der Darm aber nicht

Hören Sie auf Ihren Bauch, wenn Sie gezwungen sind, eine Entscheidung zu treffen? Dann besitzen Sie den sogenannten sechsten Sinn, einen gesunden Hausverstand oder handeln ganz einfach intuitiv. Der menschliche Darm ist für dieses Sensorium verantwortlich. Er gilt als das Zentrum menschlicher Emotionen. 

Genau genommen ist der menschliche Magen-Darm-Trakt ein neurologisches Organ, besitzt er doch ein eigenes, enterales Nervensystem, in dem sich mehr als 100 Millionen Nervenzellen befinden. Völlig autonom werden damit sämtliche Verdauungsvorgänge koordiniert und Nachbarorgane nebenbei noch involviert. Über den Nervus vagus und die sensiblen Rückenmarksnerven steht der Bauch zwar mit dem Gehirn in Verbindung, Einmischungen von oben erfolgen aber nur in Ausnahmefällen, beispielsweise wenn nach Aufnahme von verdorbener Nahrung Erbrechen für eine rasche Entfernung sorgen soll.

Der Bauch als Steuerzentrale

Ganz salopp wird dieses komplexe enterische Nervensystem vom Volksmund auch "Bauchhirn" genannt. "Seit dem bekannten Buch von Michael Gershon, 'Der kluge Bauch', herrscht ein regelrechter Hype um dieses zweite Gehirn", sagt Peter Holzer, Leiter der Forschungseinheit für Translationale Neurogastroenterologie an der Medizinischen Universität in Graz. Einige Neurowissenschaftler bezeichnen das Bauchhirn gar als Kopie des Gehirnes im Kopf und begründen diese Annahme auf der neurochemischen Ähnlichkeit. "Der Bauch ist eine zweite Steuerzentrale, kann aber weder denken noch kreativ sein", sagt Holzer und bezeichnet die Struktur des "Bauchhirns" im Vergleich zum Kopfhirn als primitiv. Gemeinsam hat das Gehirn mit dem Bauch im Wesentlichen eines: die autonome Verarbeitung von Nervenimpulsen. 

Die Redewendung "aus dem Bauch heraus entscheiden" impliziert jedoch den Verdacht, der Bauch sei eventuell doch zu irgendeiner kognitiven Leistung fähig. Tatsächlich handelt es sich bei "Bauchentscheidungen" jedoch um rein intuitive Prozesse, die im Gegensatz zu kognitiven Entscheidungen wesentlich schneller und auch müheloser getroffen werden. Der Begriff "Bauchhirn" ist demnach nicht wirklich korrekt. Vielmehr sollte vom Bauchgefühl die Rede sein.

Umfangreicher Datentransfer

"Die Neurogastroenterologie geht davon aus, dass Informationen, die vom Bauch ins Gehirn gelangen, die emotionale Situation eines Menschen unbewusst mitbestimmen", betont der Grazer Experte. Dieser Datentransfer funktioniert über die sogenannte Darm-Hirn-Achse und ist ausgesprochen umfangreich. Im Nervus vagus gehen 90 Prozent der Informationen vom Bauch zum Gehirn. Umgekehrt werden gerade einmal zehn Prozent weitergeleitet. "Eine Reihe psychosomatischer Beschwerden werden seit langem auf die Hirn-Darm-Achse zurückgeführt", beschreibt Holzer, wie sich Ärger beispielsweise auf den Magen schlagen kann. 

Der Fokus der Neurogastroenterologie liegt auf der umgekehrten Richtung, der Darm-Hirn-Achse und in diesem Zusammenhang auch auf funktionellen Darmerkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom oder funktionelle Dyspepsien - Erkrankungen, für deren Symptome sich keine organischen Ursachen finden lassen. "Noch immer wird darüber diskutiert, ob funktionelle gastrointestinale Störungen primär ein Hirn- oder aber ein Darmproblem sind", so Holzer. Er geht davon aus, dass Krankheit und seelische Gesundheit in einem Kreislauf wechselseitig aufeinander einwirken.

Einfluss durch das Darmmikrobiom

Mittlerweile wissen Neurogastroenterologen auch, dass nicht nur die Nervenzellen im Darm, sondern auch das Immunsystem und Darmhormone mit dem Gehirn kommunizieren. Diese beiden ergänzenden Informationskanäle stehen unter dem Einfluss des Darmmikrobioms, das die Gesamtheit der Mikroflora im Darm repräsentiert und zwischen 800 und 1.000 verschiedene Bakterienarten beinhaltet. 

"Neuere Untersuchungen zeigen, dass das Ernährungsverhalten Veränderungen im Darmmikrobiom mit sich bringt und diese Veränderung wiederum Einfluss auf das psychische Wohlbefinden nimmt", konstatiert Holzer. In experimentellen Studien zeigt sich auch, dass die Vielfalt der Mikroorganismen in der Darmflora abnimmt, wenn ein Reizdarmsyndrom vorliegt. "Wir wissen, dass das System stabiler ist, wenn das Darmmikrobiom im Gleichgewicht ist", so der Experte. Offen bleibt also nach wie vor die Frage: Hat der Patient Beschwerden, weil sich seine Darmflora verändert hat, oder aber verändert sich seine Darmflora aufgrund der Beschwerden? In jedem Fall ist der Darm hinkünftig nicht mehr ausschließliche Angelegenheit von Gastroenterologen. "Auch Psychiater sollen den Bauch nicht aus den Augen verlieren", ergänzt Holzer abschließend. (Regina Philipp, derStandard.at, 4.4.2012)

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