Friedensplan für Syrien: Naiv gezeichnetes Bild

Kommentar |

Kofi Annan sieht den Konflikt als eindimensional, mit einer Ebene und einem Hauptakteur – dieses Bild ist naiv und falsch

Die Chancen, dass sich der Befriedungsplan von Kofi Annan in Syrien durchsetzen lässt, sind gering. Dieser Plan sieht den Konflikt als eindimensional, mit einer Ebene und einem Hauptakteur – dem Regime –, das Handlung A ausführen muss, damit Zustand B eintritt. Dieses Bild ist naiv und falsch. Es ist ein Konflikt, der sich längst auf mehreren Ebenen abspielt. Selbst wenn das Regime – was nicht zu erwarten ist – das vom Plan vorgesehene Programm glatt abspulen würde, wären da auch noch andere Player, die dafür gewonnen werden müssten.

Wenn sich das Regime, wie versprochen, aus umkämpften Räumen zurückzieht, würden diese sofort von den kämpfenden Rebellen beansprucht – ganz egal, wie die zivilen Kräfte auf dem Boden das sehen würden. Bei den Rebellen hat man es mit unterschiedlich disziplinierten Gruppen mit sehr unterschiedlichen Motivationen zu tun – vom Wunsch, ein Stadtviertel und seine Bewohner vor dem Regime zu schützen, bis zum aktiven Jihad gegen "Ungläubige". Ihre Antwort auf deeskalierende Schritte zu kontrollieren und zu koordinieren, das ist Herkulesarbeit.

Umso wichtiger ist es, dass in Istanbul die Opposition einen neuerlichen Anlauf unternimmt, an einem Strang zu ziehen. Sie muss sich auch auf ein Ziel einigen, das heißt, unter anderem unmissverständlich kommunizieren, ob auch sie sich mit dem Annan-Plan identifiziert – und die bewaffneten Rebellen in Syrien davon überzeugen will.  (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 29.3.2012)

Share if you care