Ungarns Präsident sieht keinen Rücktrittsgrund

Kommission: Plagiatsstellen auf 197 von 215 Seiten der Dissertation, schuld sind aber Doktorväter

Nein, an einen Rücktritt habe er "keinen Augenblick lang gedacht". Ungarns Staatspräsident Pál Schmitt, mit schweren Plagiatsvorwürfen konfrontiert, gab sich am Mittwoch in Seoul, am Rande eines Südkorea-Besuches, selbstsicherer denn je. Denn eine Expertenkommission der Budapester Semmelweis-Universität für Medizinwissenschaften (Sote) hatte ihm zwar attestiert, weite Teile seiner Dissertation aus dem Jahre 1992 abgeschrieben zu haben, ihn aber von jedem eigenen Verschulden freigesprochen. Die Doktorväter hätten die "fachlichen Mängel" in der Arbeit übersehen und ihn so im Glauben belassen, korrekt zu handeln.

In Deutschland musste ihm Vorjahr der populäre Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass er zahlreiche Passagen in seiner Doktorarbeit von anderen abgekupfert hatte. Im Falle Schmitts bestätigte die Sote-Kommission, dass 197 von 215 Seiten der Dissertation auf "textidentischen Übersetzungen" von Werken des bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolaj Georgijew und des Hamburger Soziologen Klaus Heinemann beruhten, das heißt plagiiert wurden.

Aufgedeckt hatten die Affäre Journalisten der Wochenzeitung HVG. Sie hatten die Quellenwerke ausfindig gemacht und die entsprechenden Passagen miteinander verglichen. Doch Schmitt ist ein treuer Erfüllungsgehilfe des rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Der ehemalige Olympia-Fechter und langjährige kommunistische Sportfunktionär unterzeichnete über 360 Gesetze der Regierung.Das Internet-Portal Origo berichtete, welch immensem Erwartungsdruck von oben die Sote-Kommission ausgesetzt war. Sote-Rektor Tivadar Tulassay soll demnach Orbán persönlich vorgejammert haben, wie er den Ruf der einst renommierten Medizinuniversität bewahren könne, ohne zugleich das Ansehen Schmitts zu opfern. Die hohe Politik half schließlich der " Kreativität" der Kommission bei der Lösung des Dilemmas auf die Sprünge: Ihr Mitglied Miklós Tóth, der Dekan der sportwissenschaftichen Fakultät, wurde inmitten des Untersuchungsverfahrens als Vizepräsident in das Ungarische Olympische Komitee kooptiert. (DER STANDARD, 29.3.2012)


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