Fremdschämen

29. März 2012, 17:03
  • Es gehört zu den Grundrechten des Menschen, sich zum Trottel zu machen.
    foto: der standard

    Es gehört zu den Grundrechten des Menschen, sich zum Trottel zu machen.

Pro: "Blöd sein tut weh" von Doris Priesching - Kontra: "Gut ausgelastet" von Karl Fluch

+++Pro
Von Doris Priesching

Einer muss es ja machen. Nehmen wir zum Beispiel Carmen Geiss. Sie kennen niemanden mit diesem Namen? Kein Fehler, aber falls doch, dürfte Sie in der Sekunde ein kalter Schauer des Grauens erfasst haben. Carmen Geiss ist die Gattin von Robert Geiss, Selfmademillionär und Jetset-König der untersten Kategorie. Von Köln sind sie mit Kind und Kegel nach Monaco ausgewandert und führen im Fernsehen ihre sehr eigenwillige Interpretation vom Genuss des Lebens vor. Die Frau mit der rauen Stimme und den Schlauchbootlippen hört auf den Kosenamen "Alte".

Ihr liebender Gatte setzt sie das eine Mal auf einer Insel aus und ballert ein andermal beim Paintball auf sie. Dass der Farbpatzen zwischen den Augen landete, "war so nicht geplant", erklärt Robert: "Erst sollte die Brust dran sein, dann das Knie." Sie macht bereitwillig den saudummen Blondinentrampel und kräht fröhlich: "Ach, Schatz, isch weiß scho, warum isch disch geheiratet hab." Wem das nicht wehtut, der ist wie Robert - ohne Ehrgefühl und Zivilcourage.

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Kontra---
Von Karl Fluch

Es gehört zu den Grundrechten des Menschen, sich zum Trottel zu machen. Schauen Sie in den Spiegel und sehen Sie selbst. Das Trendwort "fremdschämen" ändert daran nichts. Es verdeutlicht nur das breite Feld menschlicher Arroganz. Zu glauben, sich für jemand anderen schämen zu müssen, ist anmaßend. Mehr noch: Man erhebt sich über andere und deren vermeintliche Peinlichkeit und heuchelt gleichzeitig Anteilnahme, indem man an jemandes statt errötet, angeblich.

Kurz: Es soll uns unangenehm sein, was andere falsch machen. Pardon, da bin ich eigen und denke, es obliegt immer noch - zum Beispiel - der Kirche, sich für Ungeheuerlichkeiten in von ihr geführten Schulen und Heimen zu schämen. Oder wenn Promis sich wieder einmal milieuadäquat in die Goschn hauen, soll das ruhig so sein. Wer eine Suppe einschenkt, soll sie auch auslöffeln. Wer sich dabei bekleckert, ist an der Dreckwäsche selber schuld, wenn er sie falsch reinigt, nicht mein Problem. Ich bin gut damit ausgelastet, mich für mich selbst zu schämen. (Rondo, DER STANDARD, 30.03.2012)

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fremdschämen

ist ein akt der selbsterkenntnis, sonst nichts, der für den sich geschämt wird, weiss davon nichts.

fremdschäme

n ? was ist das ? reicht es nicht mehr, dass man für die eigene fehler sich schämen muss, und in der ecke verweilen muss ?

was herr fluch ausser acht lässt ist der hauptgrund fürs fremdschämen:
man ist in einer wie auch immer gearteten kategorisierung in enier oder mehreren gruppen mit dem verursacher.
heisst: ich schäme mich fremd wenn popowaki in aserbaidschan von einem österreicher gemacht wird. ich schäme mich fremd wenn ein strache seine gehirnblähungen von sich gibt und dabei vorgibt ein wiener zu sein. ich schäme mich fremd wenn ein familienmitglied etwas in meinem beisein macht das mir im traum nicht einfiele, man aber aufgrund des innerfamiliären friedens das nicht thematisieren kann...

Fremdschämen ist ein zweischneidiges Schwert.

Einerseits ist es eine Kunst sich voll wissentlich zum Trottel zu machen, es dabei äußerst zu geniessen, dabei aber einen gewissen Humor zeigt und sich selbst nicht so ernst dabei nimmt. Die anderen schämen sich dann dafür, weil sie der Meinung sind, über solche Dinge erhaben zu sein.

Andererseits ist Fremdschämen durchaus angebracht, wenn es zutiefst bös- und abartig wird. Wenn nämlich der Verursacher nicht patschert trottelig, sondern im vollen Bewusstsein seiner Intelligenz Aussagen tut, die einen, wäre man tot, im Grab rotieren liessen.

Gefährlich ist die zweite Variante. Vermutlich fehlt es aber vielen Leuten zugegebenermassen an sozialer Intelligenz, das richtig zu beurteilen.

Entscheiden über Gefühle?

Na endlich ... Und ich dachte schon hier wird das Grundsätzliche übersehen.

Fremdschämen

tut weh in den Spiegelneuronen.

Fluch hat Recht.

Und der letzte Satz sagt auch, warum: Ich bin gut damit ausgelastet, mich für mich selbst zu schämen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Schamgefühl
"Scham ist ein Gefühl der Verlegenheit oder der Bloßstellung, [...] auf dem Bewusstsein beruhen kann, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen nicht entsprochen zu haben.
...
Scham kann auch durch Verfehlungen oder empfundene Unzulänglichkeit (Peinlichkeit) anderer ausgelöst werden, .... Hierfür ist mitunter der Neologismus Fremdschämen gebräuchlich, ..."

Hr. Fluch negiert den sozialen und gesellschaftl. Kontext des Scham auslösenden (resp. auslösen solltenden) Fehlverhaltens. Und mag sich damit als Kind der 90er und deren Über-Individualisierung outen ("Ich bin nur dann Teil d. Gesellschaft, wenn ich persönl. einen Vorteil davon habe. Sonst bin ich ich.").

Das Foto ist Spitze! ;)

Das wars dann aber auch schon..

Die Schöne und das Biest

was hat zivilcourage da verloren (1. kommentar, letzter satz)???

Zu glauben, sich für jemand anderen schämen zu müssen, ist anmaßend

Obwohl es der hiesigen Gesellschaft im Laufe der Jahrhunderte wenigstens gelungen ist, die Repressalien für unerwünschtes Benehmen deutlich abzuschwächen, lassen es sich die Moralapostel dennoch nicht nehmen, über andere zu richten.
Es reicht ihnen nicht, den Abweichler in die Norm bringen zu wollen, auch jene, die allen die persönliche Freiheit auf Skurrilität zugestehen, wird Amoralität unterstellt.
Hierzulande können die Benimm-Despoten ohnehin nicht mehr allzuviel Schaden anrichten. Zurechtweisen, sich mokieren und das Gefühl der Erhabenheit sind vergleichsweise Peanuts, weltweit gesehen.
;->

Ich schäme mich schon manchmal fremd.

Es ist nicht anmaßend, sich über derlei bildungsfremdes neureiches Gewürm erhaben zu fühlen. Nein, ist es einfach nicht, basta.

Es ist nicht anmaßend, sich über derlei bildungsfremdes neureiches Gewürm erhaben zu fühlen. Nein, ist es einfach nicht, basta.

Nun, Botschaft und Meta-Botschaft Ihres Postings widersprechen einander auf das Heftigste.

Neigte ich zum Fremdschämen, täte ich dies, für Ihre zutiefst abstoßende Bezeichnung der von Ihnen verachteten Menschen als "Gewürm".

Grauslich das ist.
;->

Die Frage erübrigt sich angesichts der Tatsache, dass das Schämen eine unwillkürliche Reaktion ist und nicht das Resultat einer Entscheidung.

Für oder gegen Schämen (Fremd- oder Nichtfremd-) zu argumentieren ist also genauso irrelevant wie z.B. für oder gegen Erschrecken zu argumentieren.

für die peinichkeiten und dummheiten von mediengeilen zeitgenossen muss man sich wirklich nicht schämen. sie wollen gesehen und beobachtet werden.
etas anderes ist es, wenn sich jemand privat, also ohne kameras und unter ausschluss der öffentlichkeit mal komplett daneben benimmt. da kann der effekt des fremdschämens bei mir schon aufkommen. unwillkürlich, reflexartig...

wo habts denn das foto her? passt super

Bitte, tuts fremdschämen -
solange nicht begriffen wird, dass der Empfänger und nicht der Aussender dafür verantwortlich ist, wie man mit Aussagen/Handlungen/Verletzende Aussagen etc. umgeht, wird das leidige Thema (und viele verwandte Themen wie Gendern etc.) brav weiterdiskutiert werden.

Kurz noch zur Familie Geiss und deren TV-Soap: unfassbar finde ich, dass die Eltern die eigenen (minderjährigen) Kinder da nicht raushalten.

genau! könnte doch bitte wenigstens einmal irgendwer für nur eine sekunde an die kinder denken...

seit ich vor einigen jahrzehnten

beschlossen habe, nicht mehr sooo ein depp zu sein,
bleibt mir nur mehr das fremdschämen ...

hier erfahren sie mehr über die liebe familie:

http://www.geissens.de/ueber-uns... -famiglia/

man beachte die vornamen der tochter.

btw. was ist ein selfmademillionär der untersten kategorie? er war und ist ja kein strizzi, sondern hat sein vermögen mit bekleidung gemacht. und sollten der gattin die umgangsformen ihres alten nicht passen, würde ich eine gütliche trennung vorschlagen.

man beachte auch das Lieblingsessen von Davina Shakira

Sie dürfen sich gerne des Genitivs bedienen.

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