Fremdschämen

  • Es gehört zu den Grundrechten des Menschen, sich zum Trottel zu machen.
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    Es gehört zu den Grundrechten des Menschen, sich zum Trottel zu machen.

Pro: "Blöd sein tut weh" von Doris Priesching - Kontra: "Gut ausgelastet" von Karl Fluch

+++Pro
Von Doris Priesching

Einer muss es ja machen. Nehmen wir zum Beispiel Carmen Geiss. Sie kennen niemanden mit diesem Namen? Kein Fehler, aber falls doch, dürfte Sie in der Sekunde ein kalter Schauer des Grauens erfasst haben. Carmen Geiss ist die Gattin von Robert Geiss, Selfmademillionär und Jetset-König der untersten Kategorie. Von Köln sind sie mit Kind und Kegel nach Monaco ausgewandert und führen im Fernsehen ihre sehr eigenwillige Interpretation vom Genuss des Lebens vor. Die Frau mit der rauen Stimme und den Schlauchbootlippen hört auf den Kosenamen "Alte".

Ihr liebender Gatte setzt sie das eine Mal auf einer Insel aus und ballert ein andermal beim Paintball auf sie. Dass der Farbpatzen zwischen den Augen landete, "war so nicht geplant", erklärt Robert: "Erst sollte die Brust dran sein, dann das Knie." Sie macht bereitwillig den saudummen Blondinentrampel und kräht fröhlich: "Ach, Schatz, isch weiß scho, warum isch disch geheiratet hab." Wem das nicht wehtut, der ist wie Robert - ohne Ehrgefühl und Zivilcourage.

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Kontra---
Von Karl Fluch

Es gehört zu den Grundrechten des Menschen, sich zum Trottel zu machen. Schauen Sie in den Spiegel und sehen Sie selbst. Das Trendwort "fremdschämen" ändert daran nichts. Es verdeutlicht nur das breite Feld menschlicher Arroganz. Zu glauben, sich für jemand anderen schämen zu müssen, ist anmaßend. Mehr noch: Man erhebt sich über andere und deren vermeintliche Peinlichkeit und heuchelt gleichzeitig Anteilnahme, indem man an jemandes statt errötet, angeblich.

Kurz: Es soll uns unangenehm sein, was andere falsch machen. Pardon, da bin ich eigen und denke, es obliegt immer noch - zum Beispiel - der Kirche, sich für Ungeheuerlichkeiten in von ihr geführten Schulen und Heimen zu schämen. Oder wenn Promis sich wieder einmal milieuadäquat in die Goschn hauen, soll das ruhig so sein. Wer eine Suppe einschenkt, soll sie auch auslöffeln. Wer sich dabei bekleckert, ist an der Dreckwäsche selber schuld, wenn er sie falsch reinigt, nicht mein Problem. Ich bin gut damit ausgelastet, mich für mich selbst zu schämen. (Rondo, DER STANDARD, 30.03.2012)

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