EU erlässt strenge Regeln für Derivate

András Szigetvari
28. März 2012, 18:46

Swaps, Optionen und Co. sollen sicherer und transparenter gemacht werden. Die neue Verordnung der EU erhält auch von Skeptikern recht gute Noten

Wien - Die versprochene Regulierung für hoch komplexe Finanzprodukte wird konkret: Das Europäische Parlament plant am Donnerstag die bisher weitreichendste Verordnung zum Derivatenhandel zu verabschieden.

Zu Derivaten zählen Optionen, mit denen Händler das Recht erwerben eine Aktie oder Rohstoffe später zu kaufen oder zu verkaufen. Groß ist auch der Markt für Zinsderivate, mit denen sich Banken gegen Zinsschwankungen absichern. Es geht also um Finanzinstrumente, deren Preis von anderen Finanzprodukten abhängt.

Alles erlaubt, aber transparenter

Die neue EU-Regelung arbeitet nach dem Prinzip alles bleibt erlaubt, soll aber transparenter werden. Derzeit werden pro Jahr Derivate im Wert von 707 Billionen Dollar (530 Billionen Euro) außerhalb der Börsen gehandelt. Die Zahl ist 60-mal größer als die Wirtschaftsleistung der Eurozone.

Künftig soll ein Großteil dieser Geschäfte über Clearingstellen laufen. Die Clearingstellen in den EU-Ländern registrieren die Geschäfte und melden die Volumen an die Finanzaufseher. Zugleich werden sie Käufer und Verkäufer besichern: Wenn einer der Handelspartner nicht zahlen kann, springt die Clearingstelle ein.

Damit sollen Kettenreaktionen wie nach der Pleite von Lehman Brothers 2008 verhindert werden. Die Lehman-Pleite hatte Banken weltweit mitgerissen, weil die US-Investmentbank tausende Geschäftspartner im Derivatehandel hatte, die auf ihren Verlusten sitzenblieben. Wegen der Undurchschaubarkeit der Deals bezeichnete Investor Warren Buffet Derivate als "Massenvernichtungswaffen". 

Gute Noten von Experten

Die meisten Experten beurteilen die neuen Regeln positiv. Die Schaffung von Clearingstellen war eine der Hauptforderungen des kapitalismuskritischen Ökonomen Joseph Stiglitz. Die Finanzberater der Fraktionen im EU-Parlament betonen allerdings, dass erst die konkrete Ausgestaltung der Regeln zeigen wird, wie viel sie taugen. Dabei hängt viel an der Wertpapieraufsicht ESMA: Sie muss erst festlegen, welche Derivate "gecleart" werden müssen. Von der Clearingpflicht ausgenommen sind nichtstandardisierte Verträge. Dazu zählen seltene, außergewöhnliche Kontrakte.

Das schafft Raum für Umgehungen: "Die Gefahr besteht, dass Banken anfangen klassische Produkte ein wenig abzuändern, um der Clearingpflicht zu entgehen", sagt Alexis Fremeaux, Wirtschaftsexperte der europäischen Grünen in Brüssel. Auch hier wird die strikte Überwachung der EMSA gefragt sein, sagt Fremeaux. Die Ausnahmeregelungen waren großes Streitthema bei der Beschlussfassung der Regelung. Festgelegt wurde, dass Pensionsfonds von den Regelungen drei Jahre ausgenommen bleiben. Nichtfinanzinstitute sind von der Clearingplicht weitgehend befreit. Besonders Fluggesellschaften wie Lufthansa hatten darauf gedrängt.

Furcht vor den Zombies

Der Grund: Das Clearing ist nicht kostenlos. Schließen zwei Banken ein Derivategeschäft müssen beide in einen Versicherungsfonds einzahlen und Sicherheiten hinterlegen. Geht eine Bank pleite, setzt die Clearingstelle den Fonds und die Sicherheit ein, um die andere Bank auszuzahlen.

Eine Sorge der EU-Finanzexperten ist es, mit den Clearingstellen potenzielle "Finanzombies" zu schaffen, deren Pleite die Steuerzahler Milliarden kosten würde. "Risiken gibt es immer, aber im System sind genug Sicherheitstüren eingebaut worden", meint dazu Richard Reid vom Londoner Centre for Financial Regulation. (András Szigetvari, DER STANDARD, 29.3.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 313
1 2 3 4 5 6 7
Berühmt ist Warren Buffetts Einschätzung aus dem Jahr 2002, wonach Derivate «Zeitbomben» und «finanzielle Massenvernichtungswaffen» seien

http://www.nzz.ch/finanzen/... 24344.html

stiglitz und kapitalismuskritisch???

herr szigetvari habens den artikel aus fox-news kritiklos übernommen?

na ja. die börsegehandelten derivate..

waren ja in der krise nicht das proble.
sondern die OTC gschichtln. bei denen hats ja AIG zb aufgestellt.
ich glaub mal, dass eine zentrale clearingstelle da schon risiko rausnimmt.
der hund wird aber wie bei allen dingen sicherlich wieder im detail liegen.

ups sorry!

soll zum post von karottensammler gehören!

mea culpa!

Blöde Frage

Aber ist das nicht ein Freifahrtsschein? Der nächste große Kollaps wird halt die Clearingstellen wegreißen, statt die Banken

Die nächste Inflation sprengt dann die Clearingstelle

Jetzt muss also die Clearingstelle das UNBEGRENZTE VERLUSTRISIKO des Verkäufers (Anbieters) einer Call-Option übernehmen.

Das wird den Derivatehandel nicht beschränken sondern anheizen. Einer unbeschränkten Gewinnchance (die Kurse können theoretisch in den Himmel wachsen, zB. durch eine starke Inflation) soll nun ein begrenztes Risiko (Verlust des eingesetzten Kapitals) entgegenstehen?

Da werden Goldman-Sachs Leute sicher einen Weg finden ihr Risiko auf den eingesetzten Betrag zu minimieren und zugleich die Inflation anzuheizen.

So fällt der Euro: Massiver Kauf von Call-Optionen in Europa, danach ein massiver Kauf der zugrundeliegenden Werte, danach Medienberichte die die Inflationsangst weiter anheizen => Europa gehört Goldman Sachs.

Streng???

Kann sich nur um einen PR-Gag handeln. Da werden erst recht wieder Schlupfloecher geschaffen. Aendern wird sich also nichts - den Steuerzahlern wird nur Sand in die Augen gestreut.

Alles bleibt also beim Alten

damit das Politikergesocks beim nächsten "Ausfall" wieder versichern kann, alles zu unternehmen, damit in Zukunft derartiges nicht mehr passieren kann. Nur jetzt gibt es "keine Alternative" zur Bankenrettung. Und so weiter..............

Wie geht es denn übrigens dem Ferkelzüchter, der jetzt auf Banker macht, bevor er die Bank mit "alternativlosem" Staatsgeld versorgte?

Beschämend, wenn Journalisten

wenig bis nichts von den Dingen verstehen, über die sie schreiben.

Die 707 Bio. in der Statistik der BIZ sind nicht der Wert der Derivate, sondern deren Nennwert.

Der Unterschied, etwa am Beispiel eines Swaps:

Sie tauschen überie nächsten drei Jahre die (variablen) Marktzinsen auf eine Summe von 1 Mio. Euro gegen eine fixe Zinszahlung.

Nennwert des Derivats:
1,000.000 Euro
Wert des Derivats (zumindest am Anfang):
.............0 Euro

In der BIZ-Statistik (http://www.bis.org/statistic... 1920a.pdf) steht es glasklar:

Nennwert: 707 Bio. Dollar
Marktwert: 20 Bio. Dollar

Im übrigen ist das der Gesamtwert der ausstehenden Derivate, nicht jener Wert, der auch gehandelt wird.

Erst informieren, dann schreiben.

Voreilig?

Das aushaftende risiko ist jedenfalls der face value des versicherten wertes und nicht die "versicherungsprämie".

Das maximale risiko wird dann schlagend, wenn alle "versicherungen" gleichzeitig fällig werden - und dass ist kein theoretisches hirngespinnst sondern furchtbare realität (to big to fail).

Clearingentgelt...

...zahlt jeder Kleinaktionär bereits heute für die Abwicklung von Aktien- und Anleihegeschäften. Eine Versicherungsleistung bekommt er deshalb nicht. Bei einer Pleite gehen Aktionäre leer und Anleihehalter mit höhen Abschlägen aus.

Nun will die Politik offenbar die Übernahme des Kontrahentenrisikos durch den Staat rechtfertigen. Das Clearingentgelt wird niemals reichen um den Ausfall eines Kontrahenten zu versichern - der Staat wird dann wohl wieder in die Pflicht genommen.

Die Spekulanten werden sich anfangs gegen die "strengen" Regeln wehren. Doch bald werden sie bei diesem großzügigen Angebot beherzt zugreifen.

schluss mit der abzockerei der steuerzahler!

Es wäre ja soooo einfach, dem bankenspuk ein ende zu setzen! mein vorschlag:

+)österr. staatshaftung ausschließlich nur mehr für spareinlagen und girokonten bis zu 10 000 €

+)alle banken, die mit hedgefonds und derivaten u.a. handeln werden generell aus jeder staatshaftung ausgeschlossen!

+) und volksabstimmung, wenn wir zu einem solchen regierungsbeschluss die zustimmung der eu bzw. der ezb benötigen!

es würde schon reichen

wenn man in retail- und investmentbanken trennen würde.

Sie finden also, es wäre klug, würde eine Bank ihre Risiken nicht durch Derivate absichern?

Ja

denn die risken werden auf diese art ja nicht verringert, sondern nur wem anderen umgehängt - aktueller weise OTC=öffentlich unbekannten finanz"dienstleistern".

Das heisst Sie tragen Ihre Risiken für

Haushalt und Kfz, Pension, Arbeitslosigkeit usw. selbst?

Das wäre dumm.

sie meinen also mit ihm sachlich und auf Basis einer gewissen Kenntnis der Materie argumentieren zu können?

Sachlich, sachlich, hr. maquis

Derzeit ist blindes vertrauen in "experten der finanzakrobatik" eher nicht opportun.

eine bank ist ein unternehmen. und das ist für die absicherung sämtlicher risiken selbst verantwortlich und kann nicht auf den staat bauen, wenn es in schieflage kommt. ein bankeninsolvenzrecht gehört her!

ich bin immer wie erstaunt mit welche vehemenz leute gegen derivate sind.

Derivate sind die einzige möglichkeit um sich gegen Risken zu versichern, auch für einen Kunden.

Sehr viele Kommunen tauschen mit einem Zinsswap variabel gegen fix. Das müssen sie mehr oder weniger mit einer Bank machen.

Die Bank macht mit Derivaten eine Risikotransformation um das Risiko zu minimieren, dafür gibts eine eigene Abteilung in der Bank, die sich ausschliesslich darum kümmert.

Wenn du denen die Derivate wegnimmst, dann steigt das Risiko der Bank.

Sehr kurzsichtige betrachtung

"Die Bank macht mit Derivaten eine Risikotransformation um das Risiko zu minimieren, .." die transformation ist nur ein weiterschieben an andere, das risiko an sich bleibt bestehen.

"Wenn du denen die Derivate wegnimmst, dann steigt das Risiko der Bank." Wenn die bank mit derivaten das risiko verschiebt, dann steigt das risiko woanders an - aktuell weiß niemand, wo genau.

Für die bank ist das für ihre nächst bilanz besser, aber die übernächste bilanz kommt bestimmt, und da sind ihre kunden schon weg vom fenster (wegen des schlagend gewordenen verschobenen risikos) und was hat die bank davon ???

Risiko ist kein absoluter begriff.

Ein Kunde bekommt in 90T 1 M USD und will den Kurs heute fixieren. Für ihn ist das Geschäft ohne Risiko.

Eine USD Fwd-Position ist für eine österr. Bank ein Risiko, für eine amerikanische Bank (oder einen Kunden der US-Bank der in USD bilanziert) aber nicht.

D.h. die EUR-Bank kann ihre Fwd Dollar Position verkaufen , die USD Bank ihre EUR und beide sind ihr Risko los.

jede bank hat ein anderes Spareinlagen- und Kreditportfolio, d.h. eine Risikotransformation kann für beide Seiten eine Win-WIn Situation sein.

Aber klar, es gibt natürlich Marktteilnehmer, die auf ein bestimmtes Szenario spekulieren. Die muss es sogar geben, weil man sonst keine Liquidität im MArkt hätte.

Aber was ist daran schlecht ?

der sehr geehrte bankster raus...

hat ja schon -offenkundlich- mit den grundrechnungsarten schwierigkeiten.
und da wollens wirklich voraussetzen, dass er derivate verstanden hat?

ich gebe zu dass ich auch nicht alle derivate verstanden habe, aber so die billigen (toff, irs, fra, fwds ..) sind mit halbwegs geläufig auch wenn ich auch nicht immer wüsste, wie ich welches Risiko wie transformieren kann. aber ich arbeite auch nicht in einer Bank ;)

mit Kärntnern - auch wenn sie KAC Fans sind - bin ich grundsätzlich per du .... und viel glück im Finale , VSV óle , the eagles will strike back (sometime, somewhere, somehow ...)

"dann steigt das Risiko der Bank"

Real steigen die Kosten bzw die Risiken für die Kunden.

Weil die Bank dann diese Absicherungen nicht mehr - oder nicht mehr zu diesem Preis - abschliesst.

Posting 1 bis 25 von 313
1 2 3 4 5 6 7

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.