Fair Trade im Reality-Check

  • Kaffee und Bananen gedeihen in unseren Breiten ohnehin nicht. Bei Äpfeln
 stellt sich aber sehr wohl die Frage: Sollen sie aus dem fairen Handel 
kommen - oder doch aus heimischer Produktion?
    foto: newald

    Kaffee und Bananen gedeihen in unseren Breiten ohnehin nicht. Bei Äpfeln stellt sich aber sehr wohl die Frage: Sollen sie aus dem fairen Handel kommen - oder doch aus heimischer Produktion?

Der Transport von Äpfeln um die halbe Welt, nur damit alle Bestandteile einer Eiscreme aus dem fairen Handel kommen, wäre nicht rasend nachhaltig

Berlin/Wien - "Wir haben genau ein Ziel: Wir wollen die Welt verbessern", sagt Timm Duffner, ohne mit der Wimper zu zucken. Duffner arbeitet nicht für irgendein Unternehmen, sondern ist Produktmanager von Ben & Jerry's Deutschland - einem Eisproduzenten, der 1978 von den "überzeugten Hippies" Ben Cohen und Jerry Greenfield in Burlington im US-Bundesstaat Vermont gegründet wurde. Ein Unternehmen, das auch als Unilever-Tochter (seit 2000) seine selbst definierte ökologische und soziale Mission vertraglich abgesichert hat.

Was lag daher näher, als die Zutaten der Ben-&-Jerry's-Eissorten aus dem fairen Handel zu beziehen? "Wir haben die Umstellung auf 100 Prozent Fair Trade Ende 2011 geschafft", berichtete Duffner vergangene Woche beim internationalen Fair-Trade-Kongress in Berlin. "Aber es war eine harte Suche nach der richtigen Qualität und Quantität der Rohstoffe." Teilweise sei das auch ein richtig "schmerzhafter Prozess" gewesen.

Der faire Apple Pie

Und dann standen sie vor einem grundsätzlichen Problem: Um ein Produkt mit dem Fairtrade-Siegel auszuzeichnen, gilt der Grundsatz: Alle Zusatzstoffe, die möglich sind, müssen durch Fair Trade bezogen werden. Was hieß das nun beispielsweise für die Eissorte "Oh My Apple Pie"? " Müssen die Äpfel wirklich fair gehandelt aus Argentinien bezogen werden - und dürfen nicht aus dem Alten Land kommen?", fragt Duffner. Wie nachhaltig ist das, wenn ein Apfel aus Prinzip um die halbe Welt transportiert werden muss?

"Genau das ist auch der Grund, weshalb Ben & Jerry's dafür eine Ausnahme bekommen hat", betont Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich im STANDARD-Gespräch. "Ähnlich ist es etwa auch beim Multivitaminsaft von Pfanner. Da müssen die exotischen Fruchtanteile von Fair-Trade-Produzenten bezogen werden - der Apfelsaft kann aus heimischer Produktion kommen."

Ein Thema, das relativ neu für die Zertifizierer fair gehandelter Produkte ist. Denn bei den bisherigen fairen Klassikern wie etwa Kaffee oder Bananen stellte sich diese Frage überhaupt nicht - da beides in unseren Breiten schlicht nicht gedeiht.

Dann wurden aber die ersten Produkte zertifiziert, die aus mehreren Zutaten bestehen. Wie etwa auch Schokolade. Auch beim Kakao ist die Sache klar: Der muss ohnehin importiert werden. Aber der Zucker? "Der muss schon von Fair Trade sein", betont Kirner. "Das wäre sonst keine runde Sache." Aus zweierlei Gründen: Einerseits "ist unser Rübenzucker ein hoch subventioniertes Produkt - und das hat schon seinen Grund, warum das so ist."Dies hat wiederum mit dem Andererseits zu tun: "Zuckerrüben werden in intensiver Landwirtschaft produziert - während das Zuckerrohr ohne viel Zutun wächst", erklärt Kirner. Und daher sei auch der importierte Fair-Trade-Zucker vom gesamtökologischen Impact her gar nicht so schlecht.

Gute Gesprächsbasis

Wobei die Fairtrade-Organisation grundsätzlich eine "sehr gute Gesprächsbasis" mit den Rübenbauern habe: Schließlich könne die Rübenproduktion den heimischen Zuckerbedarf längst nicht mehr abdecken. Daher habe man sich darauf geeinigt: "Wenn schon Zucker importiert wird, dann soll er jedenfalls aus dem fairen Handel kommen." So wie Konsumenten auch zurückschrecken können, wenn sie im Regal einen Fair-Trade-Honig aus Südamerika angepriesen bekommen: Wozu Honig über so weite Strecken transportieren? "Auch die inländische Honigproduktion kann die Nachfrage bei weitem nicht abdecken", erläutert Kirner.

Wie bei der Fair-Trade-Konferenz in Berlin aber auch deutlich wurde, sieht die Organisation die künftige Entwicklung gleichzeitig in Richtung Vermeidung großer Transporte - und des Aufbaus neuer Märkte in jetzigen Schwellenländern - auch aus sozialen Gründen. "In zehn Jahren werden die größten Fair-Trade-Märkte Indien und Brasilien sein", ist Harriet Lamb, Geschäftsführerin von Fairtrade UK, überzeugt. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 29.3.2012)

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