Jugendliche sind "lieber schön als gescheit"

  • Immer mehr junge Leute sehen ihren Körper als "Kapital", und das senkt den Altersschnitt im Fitnessstudio zunehmend - das zeigt auch ein Lokalaugenschein des SCHÜLERSTANDARD bei John Harris.
    foto: standard/fischer

    Immer mehr junge Leute sehen ihren Körper als "Kapital", und das senkt den Altersschnitt im Fitnessstudio zunehmend - das zeigt auch ein Lokalaugenschein des SCHÜLERSTANDARD bei John Harris.

Die Trainierenden im Fitnesscenter werden immer jünger - Fast 40 Prozent der Wiener Jugendlichen zählen sich zur "Szene Fitness"

Wien - Auf die Frage, warum er ins Fitnessstudio gehe, gibt Giovanni (17) eine prompte Antwort: "Um schön zu werden." Im John-Harris-Fitnessstudio, welches er zweimal pro Woche besucht, herrscht ein angenehmes Klima. Während manche schwitzend an den Geräten trainieren, plaudern und relaxen andere im Chill-out-Bereich. Dieses Ambiente und die modernen Geräte locken eine besonders junge Kundschaft an. Sie kann sich hier neben der sportlichen Betätigung einen Film anschauen, oder im Internet surfen.

Der junge Körper als Kapital

Egal ob jung oder alt, heutzutage achten immer mehr Menschen auf ihren Körper. Das zeigte auch die Studie "Jugend und Zeitgeist", die Ende letzten Jahres vom Institut für Jugendkulturforschung durchgeführt wurde. Sie ergab, dass sich 38,2 Prozent aller Wiener zwischen 16 bis 19 der jugendkulturellen Szene "Fitness" zugehörig fühlen. Damit liegen sie deutlich vor Fußball, Hip-Hop und anderen Lifestyle-Gruppen.

Dies kann auch Harald Lechner, Marketing-Manager von John Harris Fitness im ersten Wiener Gemeindebezirk bestätigen: "Immer mehr junge Menschen sehen den Körper als ihr wichtigstes Kapital. Jeder eifert seinem Idealbild nach." Damit erklärt er sich, dass die Zielgruppe des Fitnessstudios immer jünger wird. Und abgesehen von der Schönheit: "Nur frühe Investition in den Körper sichert ein gesünderes und längeres Leben", meint Lechner dazu.

Der Boom reiche bereits so weit, dass täglich immer mehr Anfragen von unter 16-Jährigen eintreffen. Doch das gesetzliche Einstiegsalter liegt bei 16 Jahren.

Die meisten Jugendlichen treffen sich nicht in Gruppen im Fitnesscenter, sondern bevorzugen, allein oder zu zweit zu trainieren, wie ein Lokalaugenschein des SCHÜLERSTANDARD bei John Harris Fitness zeigte.

Schulbesuch im Fitnessstudio

Das Fitnessstudio gilt somit nicht als jugendkultureller Treffpunkt. Dennoch herrscht Zusammengehörigkeit unter den Trainierenden. Hauptsächlich bekommen die Fitnesscenter ihren Neuzuwachs dadurch, dass Jugendliche ihre Freunde anwerben, auch Mitglied zu werden.

"Teilweise entsteht schon ein richtiger Gruppenzwang", meint die 20-jährige Mirella, Stammkundin von John Harris. Ihr Hauptziel war es abzunehmen, doch fand sie nach einiger Zeit Spaß am Krafttraining. Mittlerweile geht sie drei- bis viermal in der Woche je eine Stunde trainieren.

"Heute gilt in der Jugend: 'Lieber schön aussehen als gescheit sein'", sagt Johann Klepp, Inhaber der Fitnesskette Club Danube. Der Vereinssport werde durch diesen Boom aber nicht bedroht, meint er. Die meisten Mitglieder gingen zusätzlich zu ihrer Hauptsportart in Fitnesscenter.

Häufig bekommt der Club Danube neue jugendliche Mitglieder durch Schulbesuche, denn das Fitnessstudio bietet sowohl Krafttraining als auch Ballsportarten an. Trotzdem würden nur ungefähr fünf Prozent der Mitglieder beide Angebote nutzen, sagt Klepp. Was Geschlechtertrends unter den Trainierenden betrifft, sieht er den Club Danube in einer Sonderstellung: "In günstigeren Fitnesscentern ist die Verteilung von Männern und Frauen 80 zu 20", erzählt er, im Club Danube überwiege der weibliche Anteil. Grund dafür sei die größere Anzahl an Angeboten in den Bereichen Gymnastik, Yoga und Tanz. Bereits circa jedes dritte Mitglied ist unter 18 Jahren - Tendenz steigend. Auch hier bestätigt sich das Ergebnis der Studie "Jugend und Zeitgeist". Eine Schattenseite der steigenden Jugendbeteiligung im Fitnessstudio sei die höhere Verletzungsquote der jungen Trainierenden, meint Klepp. Dies lasse sich auf mangelnde Disziplin und Überheblichkeit zurückführen. Fehlende Geduld und zu viel Ehrgeiz würden oft zu fatalen Verletzungen führen. (Valentin Karner, Elena Kubina, Lisa Rosskothen, Jakob Wasshuber, DER STANDARD, 28.3.2012)

Dieser Artikel entstand im Rahmen des SCHÜLERSTANDARD-Seminars "2 Tage Journalist" mit Julia Grillmayr.

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