Skischaukeln abseits der Schickeria

Im Brixental ist Kitzbühel ein fremder Planet. In den Dörfern überwiegt noch die Gelassenheit

Wer von Joe etwas will, der findet ihn auf der Piste - bei jedem Wetter und solange die Bretteln laufen. Während jeder Liftfahrt legt der braungebrannte Skilehrer, der im bürgerlichen Namen Josef Schroll heißt, eine Rauchpause ein und checkt sein Handy.

Denn: Unbedarften die Kunst des eleganten Wedelns, die Schönheit der Kitzbüheler Alpen und die Tücken der Streif nahezubringen - was er bereits seit mehr als 20 Jahren erfolgreich tut - ist nicht sein einziger Job. Als Vizebürgermeister von Kirchberg in Tirol setzt er sein diplomatisches Geschick in Baurechts- und anderen Streitfragen ein, zudem leitet der Trompetenspieler die örtliche Blasmusikkapelle.

Landwirtschaft aus Idealismus

Seine Leidenschaft aber ist der Biobauernhof auf einer Anhöhe in Aschau, einem kleinen Dorf nahe Kirchberg, den er gemeinsam mit seiner Frau Johanna betreibt. Frühmorgens und abends widmet er sich ganz den rund 20 Kühen und Kälbern und einer Handvoll Hühnern - "aus reinem Idealismus", wie Johanna Schroll betont. Von der Landwirtschaft allein lebt hier kaum noch jemand. Und so vermieten auch die Schrolls im oberen Teil des fast 500 Jahre alten "Kasperbauer"-Hofs Ferienwohnungen, an Deutsche, Holländer, Österreicher. "Wir sind schon aufgewachsen mit Gästen, das gehört dazu", sagt Joe.

In Kirchberg und den angrenzenden unprätentiösen Dörfern wie Westendorf und Brixen im Thale kommen jene Urlauber unter, denen das nur wenige Kilometer entfernte Kitzbühel zu exklusiv ist, die aber doch ein wenig am Seitenblicke-Glamour mitnaschen wollen. Oder einfach das überdimensionale Skigebiet auskosten möchten, das 170 Pistenkilometer im Areal Kitzbühel/Kirchberg und noch einmal 280 Kilometer in der Skiwelt Wilder Kaiser / Brixental umfasst - und somit das größte zusammenhängende Skigebiet Österreichs bildet, samt flächendeckender Schneekanonenarmada, Hightech-Sesslern mit Sitzheizung und "Skimovie-Strecke" für das Erinnerungsvideo.

Doch so nahe der Hahnenkamm auch liegt und so reibungslos sämtliche Orte per Skischaukel verbunden sind - unten im Tal scheint Kitzbühel wie ein weit entfernter Planet, abgetrennt vom Rest der Region durch eine unsichtbare Barriere. "Kitzbühel und Kirchberg - das ist tausend und eins", sagt etwa Alexander Artner vom Skiwelt-Marketing.

Kein Bezug zur Schickeria

Kaum einer von den Einheimischen mag etwas mit dem aufgemotzten Städtchen zu tun haben, in dem sich Prominenz jeder Kategorie samt Möchtegerns tummelt, um sich im Lichte des alljährlichen Hahnenkammrennens in Selbstdarstellung zu üben. Die Grundpreise übertreffen bereits die besten Lagen in Wien, und auch in den umliegenden Gemeinden wird Wohnraum zunehmend unerschwinglich. Viele eingesessene Kitzbüheler, die sich ohnehin fremd in der eigenen Stadtgemeinde fühlen, wohnen mittlerweile in Kirchberg.

Zur Schickeria haben auch die Schrolls keinerlei Bezug: "Ich kenne mich gar nicht mehr aus in Kitzbühel, so wenig bin ich dort. Zum Einkaufen ist es viel zu teuer", sagt Frau Klingler, Joe Schrolls Schwiegermutter. Sie hat einen kleinen Hof mit Schweinezucht für selbstgeräucherten Tiroler Speck direkt unter den Seilen der Ki-West. Was klingt wie ein Archipel in Florida, ist eine Gondel, die seit ein paar Jahren von Kirchberg aus den Sprung nach Westendorf und somit ins Skigebiet Wilder Kaiser schafft. Der anfängliche Widerstand der Anwohner gegen die Bahn habe sich gelegt, erzählt Klingler. "Ohne den Tourismus wäre das Tal verarmt."

In der Nachsaison, die sich bis in den April hinein zieht und mit günstigen Pauschalangeboten lockt, ist es ohnehin ruhiger, und es überwiegen jene, die griffige Abfahrten dem ganztägigen Après-Ski vorziehen. Tausendsassa Joe sieht den Trubel ohnehin gelassen. Er kenne sie alle, den Toni Sailer, den Hansi Hinterseer, und so manches TV-Sternchen habe schon auf seiner Ofenbank ausgeruht - "vollkommen unkompliziert", wie Joe sagt. Zumindest auf seinem Hof ist die Welt noch in Ordnung. (Karin Krichmayr/DER STANDARD/Album/24.3.2012)

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stimmt alles, was sie schreiben, frau krichmayr. ich lebe am planeten kitzbühel und kann die befremdung der bewohner im umland verstehen. allerdings gibt es die hochgezogenen augenbrauen schon seit den 1890ern als verwöhnte englische adlige den skisport zu uns brachten (die tiroler wären von selbst nicht auf die idee gekommen, außer ein paar geniale freaks wie franz reisch). drum ist kitzbühel auch kitzbühel geworden (positiv und negativ) und wer in fiji, NYC, oder japan kennt schon brixen im thale? KB ist so wie aspen, colorado eine 'fat city' geworden: künstlich, geldgierig und geschmacklos. trotzdem gibts auch dort 'echte' und coole einheimische und in den zwischensaisonen ist das leben dort super - vor allem wegen der landschaft.

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