Integration: Der Fluch des Normalseins

Leserkommentar

Mit den Schlagwörtern Normalisierung, Integration und seit neuem Inklusion bewaffnet tritt die Gesellschaft an, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, vormals Behinderte, in ihre Mitte zu holen. Wenn notwendig auch mit Gewalt

Die Waffen richten sich oft gegen die Menschen selbst, nämlich dann, wenn sie aufgrund ihrer geistigen oder psychischen Verfassung nicht fähig oder auch nicht willens sind, dort zu sein - in der Mitte nämlich, wo immer die auch sein mag.

Bloß nicht auffallen oder stören

Perfiderweise verlangt die Gesellschaft im Gegenzug oft eine Verpflichtung zum Normalsein. Und was "normal" ist, setzt unsere Gesellschaft nach Belieben fest. "Jetzt ist er schon ein Jahr bei Ihnen, wieso ist er immer noch nicht geheilt?", fragte mich die Integrationslehrerin meines psychisch beeinträchtigten Pflegesohns und präsentierte mir ihre Vorstellungen: Er solle doch bitte bloß nicht stören und mitarbeiten und seine Sachen in Ordnung halten.

Eine Hürde schon für viele ganz "normale" Kinder, aber unüberwindlich für das Kind, das mit seiner Psyche und seiner Vergangenheit kämpfte. Als Sonderschullehrerin übernehme ich jedes Jahr Kinder, die an diesem Anspruch der öffentlichen Schulen scheitern, und es braucht viel Zeit und altmodische Werte wie Zuwendung und Respekt vor der Würde des Kindes, um die Wunden zu heilen, die die Normalität geschlagen hat.

Was "normale" Menschen so tun

Als Sachwalterin mache ich mir den Spaß zu hinterfragen, was denn Normalisierung konkret für die einzelnen Vereine, die meine Betreuten übernommen haben, bedeute. Als Antwort kommt eigentlich immer, dass sie ins Kino gehen können oder ins Kaffeehaus - das tun anscheinend alle normalen Menschen dauernd.

Die Leiterin einer Einrichtung erhob ihre eigene emotionale Schwäche zur Norm, indem sie definierte: Der Klient müsse nicht an der Weihnachtsfeier teilnehmen. Was jetzt nun wirklich allgemeingültig als normal zu gelten habe, konnte mir niemand beantworten. Ist auch nicht zu beantworten, ist auch nicht wirklich wichtig.

Eigentlich geht es ums Geld

Sonderschulen zum Beispiel sind teuer, hat Behindertensprecher Buchinger erkannt, in Zeiten der Krise (das zieht heutzutage immer) muss gespart werden. Diesem Bereich Ressourcen zu entziehen macht keine gute Presse, nennt man es aber "Inklusion", kommt es gefühlsmäßig schon besser. Das Argument des Fachmannes im Artikel, "Behinderte lernen durch Zuschauen", impliziert, dass keine anderen Ressourcen notwendig sind als Zuschauertribünen in den Klassen.

Die Realität sieht anders aus. Die Lebenswelt und damit die Bedürfnisse eines Sechsjährigen mit Windeln, der mit Bausteinen spielt und dem Buntstifte egal sind, unterscheidet sich von der eines sechsjährigen "Normvolksschülers" gewaltig.

Diese zu vereinen wäre Aufgabe einer ernst gemeinten Integration und kostet Geld, viel Geld. Billiger ist es, die Verantwortung dafür an die Eltern des Kindes mit besonderen Bedürfnissen zu delegieren.

Störungsfreie Schüler

Mit der Karotte der Integration und der damit verbundenen Verheißung vor der Nase fühlen sie sich verpflichtet oder werden genötigt, die Bedürfnisse ihres Kindes denen der Gemeinschaft unterzuordnen und einen störungsfreien Schüler zu erzeugen. Sehr häufig durch die Gabe von Neuroleptika wie Risperdal, dessen Gebrauch inflationär zugenommen hat.

Trägheit, Fettleibigkeit, Desinteresse, mangelnde Beweglichkeit und eine hölzerne Mimik werden in Kauf genommen - und das soll normal sein? Diese Frage und die nach der Selbstbestimmung des Schülers ("Will ich das Zeug schlucken?") dürfen nicht gestellt werden.

Ein gut gehütetes Geheimnis in Wien ist die Flucht der Eltern mit ihren besonderen Kindern aus der Integration - die Schulen für Schwerstbehinderte gehen über, weil viele Eltern es satt haben, ihr Kind als Mangelwesen präsentiert zu bekommen. Und weil sie sehen, dass ihr Kind einsam ist. Der 13-jährige Hauptschüler ist nicht der beste Freund des 13-jährigen Nichtsprechenden mit Down-Syndrom, der mit Puppen spielt.

Sozialromantik?

Für alle Sozialromantiker: Pretty Woman bekommt auch nur im Film den Traumprinzen. Mit dem Ende der inklusiven Schulzeit kommt es sowieso zur Erkenntnis: Auch nach jahrelanger schulischer Integration ist der besondere Mensch immer noch kein Leistungsbringer für die Wirtschaft und es gibt keine Arbeitsplätze.

Therapiewerkstätten übernehmen die Betreuung. Damit die Aussonderung nicht auffällt, haben sich auch diese Einrichtungen das Schlagwort Normalisierung auf ihre Fahnen geheftet. "Wir gehen wie im normalen Leben auf Leistung, nix mit Mandalamalen oder so", erklärte mir der Leiter einer solchen Einrichtung sein Konzept. Dass er für die Leistung ganze 25 Euro im Monat als Taschengeld ausgibt, wollte er nicht kommentieren.

Trotzdem erlaube ich mir das Träumen: von einer Gesellschaft, in der Integration so gelebt wird, dass jeder (und zwar inklusiv jeder!) Mensch mit seiner Persönlichkeit anerkannt und nicht nach wirtschaftlichem Nutzen oder pflegeleichter Führung beurteilt wird.

Die Betreuerin der Werkstatt, in der mein geistig beeinträchtigter Pflegesohn arbeitet, bedrängte mich mit der Forderung nach Zukunftsperspektiven. Die Betreuten müssen solche jährlich entwickeln, damit die Formulare für Qualitätssicherung nicht leer bleiben (für die Entwicklung neuer Formulare ist immer genug Geld da). Da mein Sohn nicht spricht, sollte ich einspringen. Ich habe die Antwort verweigert. Mein Sohn freut sich täglich neu über das Bier, das er sich abends aus dem Kühlschrank holt, und küsst die Katze voller Zärtlichkeit, wenn sie ihm auf den Schoß springt. Er lebt vollendet im Heute und ist ganz in seiner Mitte. Eigentlich möchte ich auch gern dorthin. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass das als Wert erkannt und damit normal ist. (Barbara Kendöl, derStandard.at, 27.3.2012)

Autorin

Barbara Kendöl (Jg. 1960) ist Autorin und Lehrerin. Sie zog ein psychisch beeinträchtigtes Pflegekind groß und betreute ein Kind mit Down-Syndrom. Es lebt als Erwachsener heute noch bei ihr.

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ja. genau.

DANKE, Barbara Kendöl!

Inklusion statt Integration!

Frau Kendöl hat recht, wenn sie als Missstand anprangert, dass Kinder unter dem Deckmantel der "Integration" sich an eine "Normalität" anpassen sollen, die überhaupt nicht ihrer eigenen Lebensvorstellung entspricht. Sie hat aber nicht recht, dass die Sonderschule automatisch die besseren Rahmenbedingungen für ein gedeihliches Aufwachsen behinderter Kinder bietet!
Die Lösung kann die "Inklusive Schule" bieten, die weit mehr ist als Integration: vielfältige Klassengemeinschaft, individuelle Lehrpläne, bedarfsgerechte Unterstützung, Team-Teaching, inklusive Pädagogik, Assistent/innen für z.B. pflegebedürftige oder verhaltensauffällige Kinder.
Vision? Nein, konkreter Umsetzungsplan bis 2020!

Ein fantastischer Artikel - viel Herzblut mit einem ordentlichen Schuss Polemik! Danke!

Bei der "Politschen Korrektheit" ist aber Normalität schon gefragt, gell?

Da sind die Außenseiter plötzlich gar nicht willkommen!

Das liegt wohl daran, daß die Behinderung von Nazis nur schwer als individuelles Krankheitsbild darstellbar ist

Schöner Artikel, aber was meint sie mit:
"Die Leiterin einer Einrichtung erhob ihre eigene emotionale Schwäche zur Norm, indem sie definierte: Der Klient müsse nicht an der Weihnachtsfeier teilnehmen. " ?

die soziale und emotionale norm ist, weihnachten zu feiern.

In diesem Zusammenhang sollte man auch gegenwärtige Regelung und Praxis in Bezug auf eugenisch indizierte Spätabtreibungen diskutieren. Die ist nämlich mE verfassungswidrig (und ethisch gesehen ohnehin verwerflich).

...

schon wieder eine hochnaesige journalisten (hournalistin geht nur fauer maenner). bei uns sagen menschen die psychologen. die sachwalter moegen wir nicht und auch die hinrichtung von dementen nicht. und das geschwurbel wie sie naziuebrgiffe in vorbereitung decken kann nicht von einer qualifizierten stammen. kaum dreht sich so ein pack um bekommt der sohn das naechste problem.

Sorry, wieder einmal ein kräftiges Satzgeschwurbel...

was ist mit sachwaltern und psychologen?

aha

könnte man das bei Gelegenheit etwas umformulieren, sodass auch einfachere Lebensformen, wie ich eine bin, damit was anfangen können?
Danke.

Nicht zu fassen:

Der erste ernst zu nehmende Artikel zu diesem Thema seit Monaten (gefühlt seit Jahren).

Und auch noch gut geschrieben.

Danke.

Inklusion statt Integration

Normalisierung und Therapien mit "Heilsversprechungen" sind strikt abzulehnen!
"Es ist normal, verschieden zu sein":
Abgedroschen, aber wahr, und der Leitsatz der Inklusion!
Das große Problem dabei: Schüler, Eltern und Lehrer leiden unter der oft unzulänglich praktizierten Integration von heute und zweifeln, das Inklusion eigentlich etwas ganz anderes will:
Nämlich genau das, was auch Fr. Kendöl für richtig hält:
selbstbestimmte Lebensführung und freiwillige Teilhabemöglichkeit an den Angeboten der Gesellschaft! Dies bedingt einerseits Zugänglichkeit zu allen Einrichtungen und Dienstleistungen, andererseits individuelle Unterstützung. Aber immer gemäß dem Willen des behinderten Menschen, auch non-verbal und mit Pflegestufe 7!

Selbstbestimmung...

... erfordert Mündigkeit.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

selbstbestimmung ist auch so ein schlagwort

das jeder nach belieben interpretieren kann. ich bin allergisch gegen diese ganzen schlagwörter. ein schwer geistig behinderter mensch kann im vorfeld nicht entscheiden, in welcher einrichtung z.b. er arbeiten will - weil er, wie der sohn von fr. kendöl z.b. es sich nicht vorstellen kann. der vertraute dieses menschen muss also interpretieren, was dieser mensch braucht um sich wohl zu fühlen - und damit sind wir bei der fremdbestimmung. ich glaube, man muss auch ehrlich zugeben, dass wir sie betreuen und manchmal auch für sie entscheiden müssen. um in ihrem sinne zu entscheiden, muss man sich auf sie einlassen.

Danke!!!

Danke für den Beitrag. So eine Klarstellung aufgrund eigener Lebenserfahrung scheint mir viel wichtiger zu sein als manche theoretischen Äußerungen. Sie zeigt, dass "Integration" sehr fragwürdig sein kann.

ist diese "Flucht aus der Integration"
nicht eigentlich eine gesunde Abstossungsreaktion aus
"irrwitziger Unordnung"

bin beeindruckt - von der herzlichkeit mit der sie über ihren pflegesohn sprechen und von der klarheit ihrer analyse.
danke frau kendöl!

wir brauchen mehr

solcher Träume.

Wenn sie von genug Menschen geträumt werden, können sie sogar wahr werden.

Dank auch von mir, Frau Kendöl.

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