Lebenserwartung ist bei Frühpensionisten geringer

26. März 2012, 18:42
344 Postings

Ein Jahr vorzeitiger Ruhestand verkürzt laut Studie ein Männerleben um zwei Monate - bei Frauen wurden keine signifikanten Unterschiede gefunden

Neuer Zündstoff in der Debatte rund um die Frühpensionierung: Laut einer Studie der Universität Zürich, die auf der Wissenschaftsplattform voxeu.org veröffentlicht wurde, kann eine Frühpensionierung die Lebenserwartung deutlich verkürzen.

Drei Ökonomen haben sich Sozialversicherungsdaten von 18.000 Männern und 3000 Frauen aus Österreich angesehen. Ergebnis: Männer, die ein Jahr früher aus dem Berufsleben ausscheiden (13,4 Prozent) weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, noch vor dem 67. Lebensjahr zu sterben. Statistisch gesehen, verkürzt sich ihre Lebenserwartung um rund zwei Monate bei einem um ein Jahr früheren Pensionsantritt.

Allerdings gilt diese Entwicklung nur bei Männern, bei Frauen wurden keine signifikanten Unterschiede gefunden.

***

Wien - Die rot-schwarze Regierung will das faktische Pensionsantrittsalter von derzeit 58 Jahren anheben und Möglichkeiten zur Frühpenisonierung einschränken. Andernfalls wird das System unfinanzierbar, so ihr Argument. Die Gewerkschaft bremst: Menschen, die 40 Jahre hart gearbeitet und ihre Gesundheit riskiert haben, sollen ihren Lebensabend früher genießen dürfen.

Aber was, wenn beide Seiten falsch liegen? Wenn Frühpensionierung die Wahrscheinlichkeit eines früheren Todes erhöht und den Staat dadurch zynisch formuliert weniger kostet als gedacht? Diese Erkenntnis legt eine Studie der Universität Zürich nahe, die nun auf voxeu.org, einer Online-Diskussionsplattform für Wissenschafter, veröffentlicht wurde.

Ein Team rund um den österreichischen Ökonomen Josef Zweimüller hat sich die Lebenserwartung von Männern und Frauen in Österreich angesehen und überprüft, welche Auswirkung der Austritt aus dem Berufsleben hat.

Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit vor dem 67sten Lebensjahr zu sterben, steigt bei einer nur um ein Jahr früheren Pensionierung um 13,4 Prozent an. Wer ein Jahr früher in Pension geht, stirbt statistisch gesehen um fast zwei Monate früher. Zu sagen, wer früher in Pension geht, ist länger tot, ist dennoch nicht ganz stimmig. Denn für Frauen gibt es diesen Zusammenhang nicht.

Verglichen wurden bei der Studie Sozialversicherungsdaten von 18.000 Männern und 3000 Frauen. Allesamt Arbeiter, also eher körperlich anstrengende Jobs. 1988, als Folge des Niedergangs der Stahlindustrie, wurde in Teilen der Steiermark, Ober- und Niederösterreichs für Beschäftigte die Möglichkeit geschaffen, frühzeitig aus dem Arbeitsleben auszuscheiden. Das System galt bis 1993.

Die Ökonomen haben sich die Lebenserwartung bei Männern und Frauen angesehen, die das Modell damals in Anspruch nahmen. Als Vergleichsgruppe dienten Beschäftigte aus den Regionen, in denen es keine Möglichkeit zum vorzeitigen Jobaustritt gab.

Bei den Frühpensionisten stiegen die Herzerkrankungen deutlich an. Auch die Zahl der tödlichen Autounfälle und Folgeerkrankungen von Tabak und Alkoholkonsum nahmen zu. "Es gibt klare Anzeichen dafür, dass eine Änderung im Gesundheitsverhalten eintrat", sagt Andreas Kuhn, Co-Autor der Studie. Obwohl die Frühpensionisten mehr Zeit und wohl weniger Stress hatten, lebten sie ungesünder. Finanzielle Ursachen dafür wurden von den Studienautoren ausgeschlossen. Durch einen Rückgriff auf Daten zu Krankenstandstagen im Berufsleben, wurden auch Vorerkrankungen als Ursache für die höhere Mortalität ausgeschlossen.

Übrig blieb am Ende nur mehr der Faktor Frühpension. "Es ist ein ähnlicher Mechanismus am Werk wie bei der Arbeitslosigkeit. In einer Welt, in der sich die meisten durch ihren Arbeitsplatz definieren, ist es schwer ohne einen Job zu leben", sagt Kuhn. Soziale Netzwerke gingen verloren. Zu diesem Bild passt auch, dass die Studie nahelegt, dass die Sterblichkeit fast ausschließlich bei Zwangspensionierungen steigt.

Warum Frauen weniger betroffen sind als Männer, ist unklar. Eine Erklärung wäre, dass für Frauen aus den untersuchten Jahrgängen (1929 bis 1941er-Jahre) die Identifikation mit dem Job weniger ausgeprägt ist. Eine andere Möglichkeit ist, dass viele Frauen in Teilzeit gearbeitet haben und dadurch auf das Leben in der Pension besser vorbereitet waren.

Während die Daten ein deutliches Ergebnis liefern, ist die Interpretation Ansichtssache. Die Autoren warnen Gewerkschaften davor, die Vorzüge der Frühpension anzupreisen. Andererseits lassen sich aus dem Material auch Argumente für die Verteidiger der Frühpension herauslesen. Ist die Sterblichkeit höher, ist das System billiger. "Man muss vorsichtig sein, um nicht zynisch zu werden. Aber es lässt sich in diese Richtung denken", meint Kuhn. Für ihn sagt die Studie vor allem aus, dass Menschen in der Pension eine sinnvolle Tätigkeit, ob "bezahlt oder unbezahlt" brauchen. (András Szigetvari, DER STANDARD, 27.3.2012)

  • Hält Arbeit  fit? Eine  Studie der Universität Zürich legt nahe, dass ein längeres  Erwerbsleben die Lebenserwartung  erhöht.
    foto: apa/roland schlager

    Hält Arbeit fit? Eine Studie der Universität Zürich legt nahe, dass ein längeres Erwerbsleben die Lebenserwartung erhöht.

Share if you care.