"Weg von der Bulimiepädagogik"

Bereits 1500 Lehrer mit kooperativem Unterrichtskonzept

Salzburg/Steyr - Seit 15 Jahren verfolgen die Handelsakademie-Lehrer Georg Neuhauser und Helga Wittwer das Lehr- und Lernkonzept des Cooperativen Offenen Lernens (Cool). Oberstes Prinzip ist die Förderung von Eigenständigkeit und Teamfähigkeit; nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei den Lehrern. Was als kleine Initiative in Steyr begann, ist zu einem österreichweiten Bildungsansatz geworden: 1500 Lehrer aus 150 Schulen praktizieren Cool. Zur Jahrestagung trafen sie sich in Salzburg.

Die Heterogenität der Schüler erfordere andere Unterrichtsmethoden. "Wir müssen weg von der Bulimiepädagogik", betont Neuhauser. Schüler sollen den Stoff nicht in sich hineinfressen und ausspucken, sondern durch selbsterarbeite Inhalte nachhaltig lernen. Gerade bei Schulformen, wie der Neuen Mittelschule greife der klassische Frontalunterricht nicht mehr, weil die Schülergruppe heterogener werde. "Dadurch wird der Zugzwang, die Unterrichtsmethode zu verändern, noch größer", sagt Wittwer.

Doch auch die Haltung der Lehrer ist wichtig. Sie sollten sich selbst als Lerncoach und Begleiter der Schüler sehen, deren Ziel es sein müsse, alle Schüler durchzubringen und nicht nach dem Selektionsprinzip Schüler hinauszuprüfen. Gleichzeitig aber auch als Veränderer, die nicht dem "lähmenden System" ausgeliefert sind, sondern "als Akteure, die den Unterricht gestalten und verändern können", erläutert Neuhauser. Durch das hierarchische Schulsystem mit den veralterten Strukturen werde die Eigeninitiative der Lehrer zu sehr gelähmt.

Gerade diese Veränderungen stoßen nicht bei allen auf Zustimmung. "Vielen Lehrern macht die Veränderung Angst", erklärt Neuhauser, auch die Lehrergewerkschaft befürchte Mehrarbeit für Lehrer. "Aber Lehrer müssen einfach mehr Zeit in der Schule verbringen, um gemeinsam als Team den Unterricht zu planen", sagt Wittwer. (Stefanie Ruep, DER STANDARD, 27.3.2012)

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Ein Vampir-System

LERNEN findet gar nicht AUSSEN - in der Schule - statt sondern INNEN. Die neue Ich-kann-Schule zeigt, wie weit wir mit den künstlich konstruierten Lehrplanvollzugsanstalten vom tatsächlichen Leben abweichen. Unsere "Schulen" sind ein Vampir-System: sie saugen die Kräfte aller Beteiligten aus. Spätestens am Nachmittag sind alle FERTIG.
Dabei ist der SINN von SCHULE doch das gerade Gegenteil: sie soll aufrichten, stärken, wachsen machen!
In den Unterrichtsvollzugsanstalten wird nur ständig eine Realität vorgespielt, die es im richtigen Leben so künstlich gar nicht gibt. Selbst die Prüfung ist eine VORFÜHRUNG. Und das beansprucht auch noch den Status von Wissenschaftlichkeit.
Es wird höchste Zeit, aufzuwachen.
Guten Morgen!
Franz Josef Neffe

sie haben sich wahrscheinlich ihr wissen

herkömmlich angeeignet. so lange wiederholen, bis es im langzeitgedächtnis abgespeichert ist. wer das märchen verbreitet, man behielte etwas nur duch interessantes erarbeiten selbiges, soll weiter erzählen.

Das Problem

bei der Berichterstattung ist, dass viele, die darüber schreiben, und noch viel mehr, die darüber reden, (=die "Experten") seit Jahrzehnten keine Schule von innen gesehen haben.
Was in dem Artikel groß als Sensation dargestellt wird, ist durchaus der Regelfall, sofern man keine "Eliteschule" anschaut. Es gibt genug Lehrer und Lehrerinnen, die sich kreativ bemühen, ihren Lehrauftrag zu erfüllen. Diejeneigen, die nur auf die Pension gewartet haben, haben sich schon abgeseilt. Die meisten, die jetzt im Geschäft sind, kann man riuhigen Gewissens als fähig und engagiert bezeichnen, ein paar Spezialisten als Ausnahme gibt es überall.

Artikel wie dieser

verhärten die vorherrschenden Fehlvorstellungen von in österreichischen Klassenzimmern vorherrschenden verstaubten, altmodischen Frontalunterricht.
Diese großartigen Vorschläge werden schon seit Jahren kommuniziert uns sind längst Schulrealität - es wird ohnehin nur noch erarbeitet, geforscht, recherchiert, entdeckt, geübt und selbst gestaltet.
Viele meiner Schüler lechzen bereits nach Frontalvorträgen, weil sie die Menge an Einzel- Gruppen- und Projektarbeiten gar nicht bewältigen können.

Es sind vermutlich keine Fehlvorstellungen!

Ich arbeite seit 3 Jahren als Nachhilfelehrer und habe auf Grund der Erzählungen der Schüler (alle Altersstufen und Schultypen!) den Eindruck, dass "Bulimiepädagogik" sehr wohl der Regelfall ist!

Nachsatz:

Bulimie-Pädagogik: Schön wär's. Heute lernen die Schülerinnen und Schüler häufig rein gar nichts mehr.

Da wäre man um ein paar auswendig gelernte Fakten oft heilfroh.

Fragen Sie einmal einen durchschnittlichen Maturanten von heute, wann die frz. Revolution stattfand oder gar der I. Weltkrieg!
Vom Jahrhundert, in dem Maria Theresia und Joseph II. wirkten, ganz zu schweigen!

nachsatz:

"früher war alles besser."

und jetzt schlürfen Sie bitte wieder Ihr supperl, ehe man Sie zu bett trägt.

an den NMS greift der Frontalunterricht nicht mehr, weil die Kinder der Unterrichtssprache oft nicht mehr folgen können und - wenn sie ihr folgen können - sich nicht mehr konzentrieren können.

Da hilft auch "cool" nichts und es können noch so viele Lehrer in der Klasse stehen.

Fazit: Die gymnasiale Unterstufe MUSS ERHALTEN BLEIBEN.

Da reichen ein Lehrer und 25 normale Schülerinnen und Schüler, um große Erfolge zu erzielen.

Das Gym. ist bei PISA ca. 100 Punkte vor den NMS/HS (480 HS/NMS, ca. 510 OECD-Schnitt, 580: AHS-Unterstufe)

Gerade bei Schulformen, wie der Neuen Mittelschule greife der klassische Frontalunterricht nicht mehr, weil die Schülergruppe heterogener werde.

Widerspricht gänzlich meinen Erfahrungen. Funktionierende Gruppenarbeiten habe ich immer nur in sehr homogenen Gruppen erlebt.

jö schau

das einzige, was es nicht gibt sind homogene Gruppen? Wen unterrichten Sie da?

Gruppenarbeit ist nicht gleich Gruppenarbeit

Der Ausdruck "Gruppenarbeit" sagt im Grund gar nichts aus. Meistens - ich will Ihnen das nicht vorwerfen, ich weiß ja nicht, wie Sie unterrichten - heißt es einfach "Macht's das in der Gruppe" oder "Löst diese Aufgabe gemeinsam" oder "Redet darüber in der Gruppe" - ohne weitere Anweisungen oder Erklärungen.

Das ist Gruppenarbeit für die Müllkippe und natürlich kommt höchstens dann was dabei heraus, wenn alle schon recht teamfähig und auch fachlich gut sind, die Gruppe also homogen ist.

Für heterogene Gruppen muss man sich eine gute und klare Struktur überlegen, genaue Arbeitsaufträge formulieren, Kommunikation + Teamarbeit thematisieren. Dann funktioniert das bestens mit heterogenen Gruppen.

Suche: "kooperative Unterrichtsmethoden"

der artikel lässt hoffen, insbesondere der letzte absatz/satz stimmen zuversichtlich und wären zeitgemäß.

Ich habe etwas gegen krasse Bezeichnungen

Gruppen- und Teamarbeit gut und schön - wo sie zum Erfolg führt. Aber auch Frontalunterricht hat hie und da (sic!) seine Berechtigung. Jegliche Einschwörung auf die einzig wahre Methode geht am Ziel vorbei.

Ich kenne die Koll. Neuhauser und Wittwer persönlich

Beide halten natürlich auch Frontalunterricht - so wie praktisch jeder/jede LehrerIn. Bei mir selbst macht der Frontalunterricht je nach Fach, Schulstufe, Art der Klasse etwa zwischen 20 und 50% aus.

Es gibt nicht die einzig wahre Methode, sondern viele richtige Methoden, die auf die konkrete Situation abgestimmt sein müssen und auch verschiedenen Zielsetzungen haben.

Mit 100% Frontalunterricht ist genauso Unsinn wie 100% Gruppenarbeiten.

Man sollte eventuell auch berücksichtigen, dass Koll.

Neuhauser sich das Führen von COOL-Klassen dadurch etwas erleichtert, dass die Schüler/innen frei zwischen den Systemen wählen können. Die Engagierteren wählen dann eben die COOL-Klasse, die weniger Motivierten (und Leistungsfähigen) landen in der Parallelklasse. Dem Vernehmen nach schneiden die beiden Klassen durchaus vergleichbar ab.

Es gibt einfach keine absolute Unterrichtsmethode.

"alle Schüler durchzubringen und nicht nach dem Selektionsprinzip Schüler hinauszuprüfen"

Diese Aussage ist meines Erachtens Unsinn. Ich glaube kaum, dass es sich der durchschnittliche Lehrer zum Ziel setzt, Schüler rauszuprüfen. Das Ziel, alle durchzubringen, ist aber genau so weldfremd. Ich kann als Lehrer Anreize geben, Motivation und Interesse fördern, aber ich muss auch evaluieren und realistisch bleiben. Wenn einer nicht will, dann kann ich ihn auch nicht "durchbringen" - und sollte es doch so gewünscht sein (man soll ja keine bösen Nichtgenügend mehr geben) - dann ist das nicht fair den Schülern gegenüber, die sich bemühen.

vor allem

sinds dieselben Leute, die einerseits verlangen, jeden durchzubringen aber gleichzeitig schlechte PISA-Ergebnisse zitieren oder sich über mangelnde Kompetenzen der Schulabsolventen beschweren.
Eine Matura z.b. hat nur dann eine Aussage, wenn eine gewisse Kompetenz und Leistung dafür notwendig ist.

schöne heile welt...

... ich kann mich an einige beispiele erinnern, wo versucht wurde, schüler rauszuprüfen. und ich bezweifle, dass sich das seit meiner schulzeit (ist knappe 10 jahre her) gravierend geändert hat...

Wie Sie verdienterweise einschränken, handelte es sich

um Einzelfälle.

Dass Schüler/innen diese Beobachtung weit öfter machen als Lehrende sollte auch nicht unerwähnt bleiben.

Ich habe noch nie jemanden "hinausgeprüft" und musste mir den Vorwurf auch anhören, sogar nach schriftlichen Prüfungen, die wirklich für alle gleich waren.

Ziele sind natürlich als Idealvorstellung gemeint

Genau so, wie ich es mir als Ziel setzen kann, völlig fehlerfrei zu arbeiten. Ich weiß natürlich genau, dass das nicht wirklich 100%ig gelingen kann, doch als ideale Zielvorstellung eignet es sich sehr wohl.

Es gibt durchaus viele LehrerInnen (ich weiß es, ich bin selber einer), die die Selektion als ihre vorrangige Aufgabe sehen. Unter diesen Voraussetzungen wird Durchfallen ja sogar als etwas Positives gesehen, weil es die Erwartung an sich selbst als harten, aber gerechten Selektierer erfüllt.

Natürlich muss man Mindestniveaus einziehen - sie können mir glauben, dass bei mir auch nicht wenige durchfallen. Doch es ist ein Unterschied, ob ich den/die SchülerIn bestmöglich unterstütze oder "Friss oder Stirb" spiele. Die Haltung machts.

Das nicht, aber ich halte es schon für sinnvoll dass Lehrer zumindest 2 mal nachdenken bevor sie einen 5er geben (ins Jahreszeugniss).
Ist zwar schon einige Jahre her, aber ich kann mich noch erinnern wie ich eine Prüfung zwischen 3 und 4 hatte und andere zwischen 4 und 5. Mir wars egal ob 3 oder 4 weshalb ich nichts gelernt hab. Das kuriose war, dass ich die leichteren Fragen bekam und diese nur halb beantwortete und einen 3er bekam, während bei Schülern zwischen 4 und 5 teilweise argumentiert wurde, dass es sich nur um eine weitere Note handelt und einige eine 3 oder so benötigten. Meine damalige Freundin kam so zu einer Nachprüfung welche sie auch nicht schaffte, aber zum Glück eine Aufstiegsklausel oder so bekam. Fand ich schon krass.

Heute heißts "Teamfähigkeit"...

...gestern wars die Einordnung in die Volksgemeinschaft. Hinterfragt haben Lehrer auch das nicht. Evtl. sollte man als Lehrer etwas kritisch begutachten was die Gesellschaft (angeblich) verlangt...

Volksgemeinschaft

Der kleine, aber feine Unterschied ist nur, dass die "Einordnung in die Volksgemeinschaft" ein assimilativer Prozess war, und die Förderung der Teamfähigkeit ein inklusiver Prozess ist.

Anderen Teamarbeit zu verordnen ist hingegen

sehr häufig ein lukrativer Prozess.

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