Wo die Schneckenflüsterer wohnen

Dem Umweltschutz sowie dem Einsatz für die Kulturlandschaft sind die Cittaslow verpflichtet. Zwei Beispiele aus Deutschland

Der Landungsplatz ist das Herz von Überlingen - und mittendrauf der Bodenseereiterbrunnen. Unvorteilhaft hat Bildhauer Peter Lenk den ortsansässigen Dichterfürsten Martin Walser auf einem klapprigen Gaul platziert, mit Schlittschuhen statt Sporen, getragen von den Schwänzen gealterter Nixen. Auf dem Boden kauern die Skulpturen stadtbekannter Honoratioren, denen das Wasser bis zum Halse steht. Und das hier, im städtischen Foyer, wo alle sie sehen, Einwohner und Gäste, die auf der beliebten Uferpromenade flanieren, zum Schiffsanleger gehen oder einfach nur auf den See schauen.

Die Überlinger sehen das entspannt - vielleicht weil die 22.000-Einwohner-Stadt an der Nordseite des Bodensees eine so vorzügliche Südlage mit mediterranen Qualitäten hat. Da soll man nicht locker sein? Sie haben einen der schönsten Seeplätze mit Blick bis zum Alpenvorland, einen Kneippheilkurort, eine erhaltene Altstadt und einen Stadtgarten, der hundertjährige Bäume und seltene Kakteen aufweist. Da waren gleich mehrere Kriterien erfüllt, als Überlingen im Jahr 2004 zur Cittaslow wurde.

"In 30 Minuten 50 Meter", rechnet die Stadtführerin Reinhild Maier-Rothauge vor, "das ist wirklich slow." Genauer: vom Lenk-Brunnen zur Hofstatt, jenem Platz, der mit dem Rathaus, dem Münster St. Nikolaus und den Zunfthäusern ein prächtiges mittelalterliches Ensemble abgibt. Im Schneckentempo schlendert man über den Platz, auf dem auch der Wochenmarkt abgehalten wird.

"Mindestens 90 Prozent Bio", sagt Maier-Rothauge. Das erstaunt, hat aber Tradition. Gesunde Ernährung und gute, regionale Lebensmittel führte um 1940 bereits die anthroposophische Camphill-Bewegung ein, was sich heute in zahlreichen Naturkostläden, Reformhäusern und Hofläden widerspiegelt. Genuss geht langsam.

Also geht es slow weiter zum Rathaus mit dem Jakob-Ruß-Ratssaal samt seinen eindrucksvollen Holzschnitzfiguren und zum Münster mit den ungleichen Türmen, dem Überlinger Wahrzeichen. Eine fünfschiffige gotische Hallenbasilika und das für damals nur 3000 Bewohner! Spätestens wenn man die Ausmaße der Stadtbefestigung erfasst hat, Stadtmauer, Wehrtürme und Grabensystem, bekommt man eine Ahnung vom einstigen Reichtum.

Bis ins 17. Jahrhundert gründete er vor allem auf Wein. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren jedoch alle Rebgärten verwüstet. Überlingen wurde bedeutungslos. Zum Glück blieb der historische Stadtkern seither fast unverändert. Nur wuchs mit der Zeit der moderne Verkehr ganz ungemütlich in die Gassen hinein. Slow hin oder her - ein gutes Konzept fehlt dafür noch.

Am Gallertturm zeigt Überlingen seine privilegierte Lage. Der 30 Meter hohe Rundturm in der mittelalterlichen Festungsanlage markiert einen der höchsten Punkte des Molasse-Bergs, an dem sich die Häuser terrassenartig angesiedelt haben. Doch die Bewohner zieht es an die Uferpromenade. Also runter vom Berg, durch den Stadtgarten und zurück zum Landungsplatz. Dort trifft man sich vor der Greth, dem Korn- und Handelshaus von 1788. "Denn do ka ma uff de See glotze", sagen sie auf Badisch - um den Sonnenuntergang zu erleben und einen Schoppen vom heimischen Riesling oder Müller-Thurgau zu erleben.

Deidesheim liegt am Rande des Pfälzerwalds, ein Paradiesgarten, und so heißt auch eine der prominentesten Lagen. Vom Hügel aus sieht man in der sanften Ebene Kirchturm und Häuser, umgeben von Rebzeilen, die der Landschaft ihren grünen Anstrich geben. Seit einer Ewigkeit flirtet da oben die nackte Eva mit den sich zahllos reihenden Rieslingstöcken und mit manchem Wanderer wohl auch. "Bis vor 60 Jahren stand die Skulptur noch im Dorf", ist im Weinmuseum zu erfahren. Doch der Ortsgeistliche verbannte sie in die Weinberge, weil er die unverhüllte Schönheit zu sündhaft fand.

Geißbock und Glasmalerei

In der mächtigen St.-Ulrich-Kirche hatten die Priester das Sagen, im barocken Rathaus die Weindynastien. Die reichen Winzer sorgten für einen ausgesprochen repräsentativen Regierungssitz mit einer schicken zweiläufigen Freitreppe, dem Wahrzeichen von Deidesheim. Das Prunkstück ist der mit Glasmalerei geschmück- te Ratsherrensaal, in dem der Stadtrat im Jahr 2009 beschloss, dass Deidesheim eine Cittaslow wird."Ich bin der Schneckenflüsterer", stellt Kulturführer Peter Heitel sich vor, der in Deidesheim auch Cittaslow-Führungen macht.

Am liebsten beginnt er am Geißbockbrunnen, der die historische Geißbockversteigerung amüsant inszeniert. "Gutgehörnt und wohlgebeutelt muss er sein", erklärt Heitel. Einst eine Tributzahlung, wird der Bock bis heute an jedem Pfingstdienstag vor dem Rathaus versteigert - seit 1404. Gemächlich schlendert man zum fürstbischöflichen Schloss. Wo früher Graben und Fischteiche der einstigen Wasserburg waren, entstand 1975 die Parkanlage mit Exoten wie dem Mammut-, Ginkgo- und Taschentuchbaum.

Von der Stadtmauer ist wenig mehr als der hohe Rundturm übrig geblieben. Hinter ihm schließt sich das alte Kellerviertel an, ein beliebtes Wohnviertel mit engen Gassen, traditionellen Weinkellern, rebenumrankten Fachwerkhäusern und gemütlichen Weinstuben. Blumen schmücken Fensterbänke, Eisenpüppchen halten Fensterläden, und die Luken für das Einbringen des Leseguts stehen offen. Pferde, Esel und Fahrräder können passieren, aber keine Autos. Wer hier wohnt, lebt automatisch slow.

Ruhe herrscht auch im Biosphärenreservat Pfälzerwald, das das Biotop am Kirchenberg und das Geotop Rheingrabenrand einschließt, die Deidesheimer Altstadt mit Rathaus inklusive. Zwei Kilometer außerhalb der Stadt lässt sich das Biotop erkunden, ein zwölf Hektar großes Areal, auf dem die Deidesheimer ausgediente Weinbergterrassen freilegten, alte Trockensteinmauern ausbesserten und die Handarbeit am Hang wiederaufnahmen. Nicht nur zum Erhalt der Kulturlandschaft, sondern auch um den Raum vor Bebauung zu schützen. (Beate Schümann, Album, DER STANDARD, 24.3.2012)

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