Aufklärung auf katholisch

Kommentar der anderen25. März 2012, 18:44
72 Postings

Zwei Jahre nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Stift Kremsmünster - Zwischenbilanz eines Konvikt-Absolventen

Zwei Jahre ist es nun her, seit ein ehemaliger Schüler des Stiftsgymnasiums Kremsmünster das Schweigen gebrochen hat. Zwei Jahre ist es nun auch her, seit Abt Ambros Ebhart nach anfänglichem Zögern eine umfassende Aufklärung der Missbrauchs- und Gewaltfälle im Stift Kremsmünster angekündigt hat.

Mit Unterstützung prominenter Medienberater wurde die Öffentlichkeit mittlerweile davon in Kenntnis gesetzt, dass hier nicht, wie anfänglich reflexartig behauptet wurde, "einer nach 20 Jahren sich etwas zusammengereimt hat", sondern dass es durchaus einschlägige Neigungen gewisser Mitbrüder gegeben haben soll, über die man intern aber oft nur "gewitzelt" hätte. Der Abt hat seither auch in jedem Interview gebetsmühlenartig wiederholt, dass er sich schon bei jedem der Opfer mehrmals persönlich entschuldigt habe, und jene seine Geste auch freundlich und dankbar entgegengenommen hätten.

Zudem wurden die Eltern und Schüler des Gymnasiums von Direktor Leberbauer umfassend darüber informiert, dass die Erziehung früher eben etwas rauer gewesen sei und es im übrigen auch noch bis in die späten 90er-Jahre ab und an noch die eine oder andere gesunde Watschen für den einen oder anderen Zögling gegeben haben könnte.

Zwei Jahre lang ist man im Stift Kremsmünster also nicht müde geworden, die zahlreichen Opfer mit solch heuchlerischer "Öffentichkeitsarbeit" weiter zu verhöhnen und sie damit einer erneuten Traumatisierung auszusetzen. Man hat die schwerwiegende Schuld stets nur kleinweise, so weit als gerade nötig zugegeben, und es damit vermieden, die Dinge wirklich beim Namen zu nennen. Denn gegen den Hauptbeschuldigten P. Alfons Mandorfer wurde nach den Aussagen dutzender Betroffener wegen des Verdachts auf folgende Delikte ermittelt: Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen, Körperverletzung mit schweren Dauerfolgen, gefährliche Drohung, unerlaubter Waffenbesitz, schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen und Vergewaltigung.

Hatte man bisher noch eifrig versichert, von all diesen Verbrechen an oberster Stelle nichts bemerkt zu haben, erinnerte sich Abt Ambros plötzlich erst am vergangenen Montag nach Medienberichten über den Inhalt der Ermittlungsakten wieder daran, dass doch bereits 2008 gegen Mandorfer wegen sexueller Übergriffe ermittelt wurde. Aus diesen Gerichtsakten geht auch hervor, dass schon 2007 einschlägige Vorfälle im Zusammenhang mit P. Petrus stiftsintern abgehandelt wurden und Mandorfer Mitte der 90er aufgrund konkreter Vorwürfe als Konviktsdirektor abgezogen wurde. Freilich durfte er sich danach noch lange bis zu seiner Pensionierung als Musiklehrer und Leiter des Knabenchores engagieren.

Zwei lange Jahre durften wir nun also beobachten, wie katholische Aufklärung funktioniert. Es wurde gegen insgesamt elf Mönche und Gymnasiallehrer unter anderem wegen sexuellem Missbrauch und schwerer Körperverletzung ermittelt, das Stift hatte daraufhin sogar seine Absicht verlautbart, fünf Mönche von allen offiziellen Tätigkeiten zu suspendieren. Kurz darauf konnte man aber schon wieder erleichtert verkünden, dass die meisten Verfahren Gott sei Dank wegen Verjährung eingestellt wurden - mit der Konsequenz, dass die mutmaßlichen Täter wieder unbehelligt und rehabilitiert an ihre Arbeitsstellen zurückkehren durften , wie zum Beispiel P. Petrus ins Archiv des Klosters. Ein Schelm wer daran denkt, jemand könnte dort noch belastendes Beweismaterial finden.

Gegen Mandorfer wird es aufgrund der Schwere und Brutalität seiner Vergehen hoffentlich bald zu einer Anklage kommen. Für die restlichen zehn Pädagogen aber - auch unter ihnen mutmaßliche Sadisten und pädophile Vergewaltiger - gilt natürlich nun ewig die Unschuldsvermutung. Eine Unschuld, die sie vor allem der perfekt organisierten Vertuschungsmaschinerie im und um das Kloster zu verdanken haben, und die natürlich auch für alle heutigen Verantwortlichen im Stift gilt, die die gute alte Tradition der katholischen Aufklärung weiterhin aufrecht erhalten. Es stellt sich für die Betroffenen daher die dringende Frage warum man noch immer keine Ermittlungen gegen die Praktiken dieses Vertuschungsnetzwerks im Stift Kremsmünster eingeleitet hat, da die Beweise dafür ja offenkundig bereits längt bei der Staatsanwaltschaft in Steyr liegen. Damit bleibt mir zum Schluss nur mehr zu hoffen, dass mich mein ehemaliger Lateinlehrer P. Leonhard nicht für dieses vermutlich falsch abgewandelte Zitat prügeln wird: Ceterum censeo Cremifanensem esse claudendam! (Martin Kaltenbrunner, DER STANDARD, 26.3.2012)

Autor

Martin Kaltenbrunner, Interaktionsdesigner und Medienkünstler, ist Professor am Interface Culture Lab der Kunstuniversität Linz und hat 1990 in Kremsmünster maturiert.

  • Martin Kaltenbrunner, ehemaliger Konvikt-Absolvent
    foto: ap/rubra

    Martin Kaltenbrunner, ehemaliger Konvikt-Absolvent

Share if you care.